Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

145

10.10.1944, 20:00 Uhr ( 19. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Basler Streichquartett [1926-1947] (Basel)
Carlo Morini, Oskar Gerstner, Anton Wettengl, Arthur Böhler

Hirt, Fritz, Violine 1
Felicani, Rodolfo, Violine 2
Bertschmann, Albert, Viola
Wenzinger, August, Violoncello

Morini, Carlo, Kontrabass
Gerstner, Oskar, Klarinette
Wettengl, Anton, Fagott
Böhler, Arthur, Horn

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 12, c-moll, op. post., D 703 «Quartettsatz» (1820)

Allegro assai

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. post. 125, Nr. 1, D 87 (1813)

Allegro moderato
Scherzo: Prestissimo – Trio
Adagio
Allegro

Oktett für 2 Violinen, Viola, Violoncello, Kontrabass, Horn und Fagott, F-dur, op. post. 166, D 803 (1824)

Adagio – Allegro
Adagio
Allegro vivace – Trio
Thema mit Variationen: Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Andante molto – Allegro

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. post. 125, Nr. 1, D 87)

Das Es-dur-Quartett mit der merkwürdigen Opuszahl 125/1 ist eines der bekanntesten Jugendquartette Schuberts. Noch merkwürdiger aber ist, dass man zum Teil bis ins 20. Jahrhunderts gemeint hat, das Werk sei 1824, also etwa gleichzeitig mit den Quartetten «Rosamunde» und «Tod und das Mädchen» entstanden. Vielleicht liegt der Bekanntheitsgrad des Werks – neben durchaus vorhandenen Qualitäten – auch daran. Zweifel an dieser Datierung waren bei der Gesamtausgabe (Alte Gesamtausgabe, Serie V, Streichquartette, 1890) aufgekommen. Die damals vermutete Entstehung «um 1817» (darum die Nr. 10 statt der richtigeren Nr. 7) erwies sich aber noch einmal als falsch, als das fragmentarische Autograph gefunden wurde: November 1813 ist richtig. Das Werk ist also eines der zahlreichen von Schubert für das Familienquartett geschriebenen Streichquartette, und zwar das letzte während Schuberts Zeit im Schulkonvikt, das er eben im November 1813 verliess, um sich nach dem Vorbild seines Vaters für den Beruf eines Volksschullehrers ausbilden zu lassen. Die Opuszahl kam dadurch zustande, dass die Verleger, die nach dessen Tod Werke Schuberts herausbrachten, die bereits vorhandenen Opuszahlen fortsetzten. Schubert selbst hatte noch vor seinem Tod die Opusnummern 98f., 101-105 und 108 an Werke vergeben, welche er zur Veröffentlichung vorsah. Bekannt sind etwa die nur noch geplante Opuszahl 99 (op. post.; D 898) und das noch zu Lebzeiten erschienene op. 100 (D 929) für die beiden Klaviertrios. Spätere Opuszahlen stammen nicht mehr von Schubert. Das Es-dur-Quartett erschien zusammen mit dem Quartett in E-dur D 353 von 1816 (op. 125/2) im Jahre 1830 bei Joseph Czerny in Wien. Dabei hat vermutlich der Verleger das Scherzo an die zweite Stelle gesetzt, was bei Schuberts Sinfonien, Quartetten und Klaviersonaten ganz aussergewöhnlich wäre. Der lyrische Kopfsatz verzichtet auf markante Themen und setzt sie auch nicht wirklich gegeneinander ab. Das folgende Scherzo sprüht vor Vitalität, die sich auch in äusserster Kürze bemerkbar macht. Sein Trio in c-moll gibt sich über Bordunquinten des Cellos als besinnlicher Ländler. Das sangliche Adagio – das einzige in Schuberts Quartettschaffen unter lauter Andante-Sätzen – steht überraschend ebenfalls in Es-dur; es kennt keine Ausbrüche, wie sie manchen Andante-Sätzen und erst recht dem späten Schubert eigen sind, und klingt geradezu andächtig. Überschäumende Spielfreude ist dem als Sonatensatz gestalteten Finale eigen, was grosse Wirkung tut; ein wunderbar sangliches zweites Thema setzt dazu den Kontrast.

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 12, c-moll, op. post., D 703 «Quartettsatz»)

Schubert waren in der Jugend Sinfonien und Streichquartette für den Schul- bzw. Hausgebrauch leicht aus der Feder geflossen. Dabei handelte es sich meist um eher «leichte» Werke, denen es zwar nicht an Ernst fehlte, die aber doch mehr als Spielmusik denn als tiefgründige Einzelwerke zu gelten haben. Was ihm im Liedschaffen damals immer wieder gelungen ist, fehlte im Instrumentalen noch weitgehend. Erst ab 1820 zeigte sich auch im Instrumentalen eine überraschende Entwicklung. Nun treten auf einmal in den Gattungen Streichquartett und Sinfonie Werke hervor, deren Anspruch und Klangbild neuartig sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle nicht zu Ende geführt wurden. Drei betreffen die Sinfonie: 1820 oder später, 1821 und 1822 (die «Unvollendete»). Der wohl früheste gescheiterte Versuch von 1820 ist ein c-moll-Streichquartett, von dem der überraschende Kopfsatz ganz und 41 Takte eines weniger gewichtigen Andante in As-dur vorliegen. Jener ist der bekannte «Quartettsatz». Hier tritt die packende Stimmung, wie sie für den späten Schubert typisch wird, erstmals richtig auf. Die Tremoli sind keine Verlegenheit, sondern gestalten bewusst das Unheimliche und die Unruhe. Das lyrische Seitenthema in As-dur bietet mit seiner Sanglichkeit den Gegenpol, ohne ins Beliebige abzugleiten. Das Stück endet in der Unruhe des Beginns. Schubert fand damals keine gültige Fortsetzung. Der Quartettsatz ist zehn Jahre nach Beethovens «Serioso»-Quartett, einem denkbaren Vorbild, entstanden.