Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

190

7.3.1950, 20:15 Uhr ( 24. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Schneiderhan-Quartett

Schneiderhan, Wolfgang, Violine 1
Strasser, Otto, Violine 2
Moravec, Ernst, Viola
Krotschack, Richard, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b) (1783)

Allegro ma non troppo
Andante con moto
Menuetto: Allegro – Trio
Allegro vivace

Othmar Schoeck
1886-1957

Streichquartett Nr. 2, C-dur, op. 37 (1923)

Grave ma non troppo lento – Allegro grazioso
Allegretto tranquillo
Scherzo: Allegro
Lento
Presto

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67 (1875)

Vivace
Andante
Agitato (Allegretto non troppo) – Trio
Poco Allegretto con Variazioni – Doppio Movimento

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b))

Das Es-dur-Quartett KV 428 ist als einziges der sechs sogenannten Haydn-Quartette Mozarts nicht genau datiert bzw. – wie das d-moll-Quartett KV 421 (Juni 1783) – durch äussere Angaben datierbar. Es dürfte aber zwischen Juli 1783 und Januar 1784 entstanden sein; somit ist es der Entstehungszeit nach das dritte der Serie. Als solches erscheint es im Köchel-Verzeichnis. Im Autograph dagegen, wo es auf das von Mozart als Quartetto III bezeichnete KV 458 als Quartetto IV folgt, und im Erstdruck steht es an vierter Stelle, doch sind die Indizien klar genug, dass es vor KV 458 entstanden ist. Mit seiner fast spröden Wendung nach innen ist es das eigenartigste der sechs Werke: Die bekannte Es-dur-Festlichkeit zeigt es nicht. Harmonisch unbestimmt beginnt der Kopfsatz mit einem Unisono-Motiv. Erst der zweite Anlauf lässt es mit überraschenden Dissonanzen harmonisch auftreten. Das Andante in der Tristan-Tonart As-dur ist harmonisch noch ungewohnter – und in den Takten 15 und 40 kann man tatsächlich eine Vorahnung des Tristanmotivs hören. Das ausgedehnte Menuett beginnt mit vehementer Attacke auftaktig; das Trio versteckt seine Tonart B-dur hinter einer langen c-moll-Melodie. Erst das Finale, eine Art Sonatensatz ohne Durchführung, bricht mit der Unbestimmtheit der vorangehenden Sätze und erweist sich, obwohl es ureigenster Mozart bleibt, in seinem Humor, mit seinem den Hörer immer wieder überraschenden geringen Abweichen vom Erwarteten und mit seiner gehörigen Portion Virtuosität als eine Hommage an Haydn.

(zu Brahms, Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67)

Waren seine beiden ersten Streichquartette (op. 51/1 und 2 in c- und a-moll von 1865 bis 1873), vor denen Brahms laut einer Äusserung einem Freund gegenüber „bereits über 20 Quartette“ komponiert haben soll, durch romantische Expressivität und Leidenschaftlichkeit bestimmt, so kann das dritte als geradezu klassisch oder sogar klassizistisch gelten. Es ist schlichter und weniger von motivischer Arbeit geprägt als die beiden Vorgänger und dazu vorwiegend heiter; es überrascht mit mehr Freiheit und Anspielungen. Brahms dürfte nach dem endlich gelungenen Abschluss der 1. Sinfonie richtig entspannt gewesen sein. Er musste nun weder sich noch der musikalischen Welt beweisen, was er alles beherrscht und was für eine anstrengende Sache anspruchsvolles Komponieren ist. Das Quartett entstand im Sommerurlaub 1875 im hübsch gelegenen Ziegelhausen am Neckar östlich von Heidelberg, wo Brahms auch an der 1. Sinfonie gearbeitet hatte. Im Mai 1876 spielte das Joachim-Quartett das Werk im privaten Rahmen bei Clara Schumann in Berlin, im Herbst öffentlich ebenfalls in Berlin; kurz danach folgte das Hellmesberger-Quar-tett in Wien. Schon der Beginn mit einer (bewussten?) Anspielung auf die Hornrufe von Mozarts Jagdquartett KV 458 oder vielleicht auch als Selbstzitat aus dem Scherzo des Streichsextetts op. 18, beides Werke in B-dur, gibt den Grundton an. Rhythmisch wird das Spielerische durch die Gegenüberstellung und zeitweise Überlagerung von 6/8- und 2/4-Takt geleistet. Das romanzenhafte Andante in F-dur zeigt dreiteilige Liedform, wobei der Mittelteil, meist in d-moll, freier und dramatischer ist. Besonders angetan war Brahms vom dritten Satz, den er als zärtlich und leidenschaftlich zugleich auffasste. Es handelt sich eher um ein Intermezzo als um ein echtes Scherzo, das zudem Elemente aus dem bereits scherzohaften Hauptthema des Kopfsatzes übernimmt. Auffällig ist die führende Rolle der Bratsche, um deretwillen sogar Geigen und Cello mit Dämpfer zu spielen haben. Dafür hat sie am Beginn des a-moll-Trios zu schweigen, als ob Brahms auf die Bezeichnung dieses Teils anspielen wollte. Bald darf sie aber auch hier ihre Führungsrolle wieder übernehmen. Die Klanglichkeit dieser Instrumentation gibt dem Satz etwas Notturnohaftes. Das Finale mit Thema und acht Variationen, in denen Brahms seine Meisterschaft in dieser Form beweist, erhält auch umfangmässig das grösste Gewicht im Quartett. Anspielungen fehlen auch hier nicht: Taucht da nicht in der 7. Variation das Jagdthema aus dem Kopfsatz wieder auf und spielt im Variationenreigen mit?