Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

246

17.1.1956, 20:15 Uhr ( 30. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Manoliu-Quartett (Basel)
Christoph Day, Viola

Manoliu, Petru, Violine 1
Racine, Fernand, Violine 2
Reisacher, Louis, Viola
Moser, Fritz, Violoncello

Day, Christoph, Viola

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 6, f-moll, op. 80 (1847)

Allegro (vivace) assai – Presto
Allegro assai
Adagio
Finale: Allegro molto

Jean Binet
1893-1960

Quatuor (1929)

Vif et décidé
Très lent
Très animé

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquintett Es-dur, op. 97, B 180 (1893)

Allegro non tanto – Un poco meno mosso
Allegro vivo – Minore: Un poco meno mosso
Larghetto (con variazioni)
Finale: Allegro giusto

(zu Dvorák, Streichquintett Es-dur, op. 97, B 180)

Auch das Finale von Dvoráks 3. Streichquintett (Nr. 1. = op. 1; 2. = op. 77 mit Kontrabass) ist kritisiert worden: wegen seiner schlichten Reihung der Satzabschnitte (A–B–A–C–A–B–A–C–A–Coda) und des orchestralen Satzes. Indes zeigt die Opuszahl 97, dass wir es mit einer Schaffensphase Dvoráks zu tun haben, die zu seinen charakteristischsten und beliebtesten gehört, der „amerikanischen“: op. 95 Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, op. 96 das „Amerikanische Streichquartett“. Genau so gut könnte man das Quintett als „Amerikanisches“ bezeichnen, denn auch hier tauchen indianische Anklänge auf. Der Bezug zum Tschechischen bleibt aber gewahrt, schliesslich ist das Werk gleichzeitig mit dem Quartett op. 96 in Spillville, jener tschechischen Auswanderersiedlung, entstanden, wo auch die Begegnung mit Indianern vom Stamm der Kickapoo möglich war. Beide Male finden wir – im Gegensatz zur Sinfonie – keine originalen indianischen Melodien (ebenso wenig wie tschechische), sondern es ist die eigentümliche Mischung zwischen böhmischem Tonfall und fremdartig klingendem Habitus, welches den Reiz dieser Musik ausmacht. Indianisch könnte man den „Trommelrhythmus“ in den beiden ersten Sätzen nennen. Den 3. Satz bilden fünf Variationen über ein von der Bratsche, Dvoráks eigenem Instrument, intoniertes Thema, das sich der Komponist gleich nach seiner Ankunft in Amerika 1892 notiert hatte.

(zu Mendelssohn Bartholdy, Streichquartett Nr. 6, f-moll, op. 80)

Am 14. Mai 1847 war Fanny Hensel-Mendelssohn an einem Schlaganfall in Berlin gestorben. Felix war vom Tode seiner Schwester zutiefst erschüttert. Nach anfänglicher Erschöpfung und Unfähigkeit zu komponieren, schrieb er im Sommer in Interlaken das f-moll-Quartett als wichtigstes Werk dieser Zeit. Es darf als eine Art Requiem für Fanny gelten, eine Klage um die geliebte Schwester. Wenn dabei noch Fragmente eines Lieblingsmotivs Fannys aufscheinen, so wird klar, wem diese Klage gilt. Das Werk ist, bei Mendelssohn eine Seltenheit, autobiographisch zu verstehen. Die Mendelssohn gelegentlich vorgeworfene oberflächlich-klangschöne Unverbindlichkeit ist wie weggefegt; es handelt um ein Ausnahmewerk von grossartiger Dynamik und Tiefe. Auch wenn gelegentlich Lyrisch-Kantables ansetzt, herrscht Zerrissenheit vor, vernehmbar in den schroffen Klängen und Tremoli des Kopfsatzes, in den Synkopen und den Tritoni des Scherzos oder in den Dissonanzen und fragmentarischen Motiven des Finales. Einzig der Klagegesang des Adagios, meist in As-dur, versucht lyrisch zu sein, so, als ob er an Lieder Fannys erinnern wollte, doch ohne dass es zu einem eigentlichen Liedgesang (ohne Worte) kommt. Hier wird auch deutlich, was Fanny für Felix war: die wichtigste musikalische Beraterin während vieler Jahre. Am 4. November desselben Jahres war auch Felix tot.