Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

250

3.4.1956, 20:15 Uhr ( 30. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Loewenguth-Quartett (Paris)

Loewenguth, Alfred, Violine 1
Fueri, Maurice, Violine 2
Roche, Roger, Viola
Basseux, Pierre, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 82, F-dur, op. 77, Nr. 2, Hob. III:82 (1799)

Allegro moderato
Menuetto: Presto (ma non troppo) – Trio
Andante
Finale: Vivace assai

Sergej Prokofjew
1891-1953

Streichquartett Nr. 2, F-dur, op. 92 (1942)

Allegro sostenuto
Adagio
Allegro – Andante molto – Quasi Allegro I, ma un poco più tranquillo

Claude Debussy
1862-1918

Streichquartett g-moll, op. 10 (1893)

Animé et très décidé
Assez vif et bien rythmé
Andantino, doucement expressif
Très modéré – Très mouvementé et avec passion – Tempo rubato

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 82, F-dur, op. 77, Nr. 2, Hob. III:82)

Das F-dur-Werk op. 77/2 ist Haydns letztes vollendetes Streichquartett, obwohl auch das Opus 77 als Sechser- oder zumindest Dreierserie geplant war. Es ist dem Fürsten Lobkowitz, dem Förderer Beethovens und anderer Musiker, gewidmet und wurde zusammen mit dem Schwesterwerk in G-dur am 13. Oktober 1799 (also fast auf den Tag genau vor 204 Jahren!) im Palais des Fürsten Esterházy in Eisenstadt erstmals aufgeführt. Wenn Donald Tovey das Quartett als „vielleicht Haydns grösstes Instrumentalwerk neben zwei der letzten Sinfonien“ bezeichnet hat, so hatte er die thematische Arbeit im Auge, die in der Durchführung des Kopfsatzes einen Höhe-punkt findet. Es ist erstaunlich, wie Haydn den ganzen Satz aus den Motiven des Hauptthemas entwickelt. Als ob er diese „Schwerarbeit“ mildern wollte, vereinfacht er die Reprise gegenüber der Exposition. Das Menuett, ein Scherzo, lässt an Beethovens gleichzeitig entstehendes und ebenfalls Lobkowitz gewidmetes op. 18 denken. Das D-dur-Andante ist ein Variationensatz - und was für einer! Das Marschthema mit dynamischer Steigerung erfährt figurale Umspielungen und wird durch freie Zwischenspiele weitergeführt. Der Satz endet nicht mit einer raschen Steigerung des Themas, sondern verklingt ernst im pianissimo. Das Finale weist drei Themen auf; sie sind aber wieder aus einem entwickelt. Sie sind rhythmisch prägnant; eines ist sogar à la polacca bezeichnet. Kontrapunktik und Schwung verbinden sich so zu stets überraschender Wirkung.

(zu Debussy, Streichquartett g-moll, op. 10)

In den 1880er Jahren war Debussy begeistert von Wagners Musik und besuchte Bayreuth. Beeindruckt hat ihn lange der Parsifal, was sich auch in Pelléas et Mélisande niederschlägt. 1889, anlässlich der Pariser Weltausstellung, kam als weiteres Element die Musik des Fernen Ostens hinzu, die erstmals in Europa erklang. Wagners Klangwelt verband er mit exotischen Einfärbungen der Gamelan-Musik und mit ungewohnten Ganztonleitern – und schuf gleichwohl gerade im Streichquartett eine vollkommen französische Musik. Es ist im gleichen Jahr entstanden wie die ersten Skizzen zu Pelléas et Mélisande. Die vier Sätze sind alle aus dem Hauptthema des Kopfsatzes entwickelt, das mit den drei Tönen g–f–d beginnt. Dies geschieht aber nicht in Form der klassischen Durchführungstechnik, sondern indem derselbe Gedanke immer wieder mit exotischen Klängen und mit gleitenden Instrumentalfarben umspielt wird. Dazu kommt eine ungewohnte Rhythmik, die das Publikum der ersten Aufführung ebenso irritierte wie die neue Klanglichkeit. Besser erkannte der Komponistenkollege und Freund Paul Dukas die Bedeutung des Werks: «Alles darin ist klar und deutlich gezeichnet, trotz grosser formaler Freiheit. Debussy zeigt eine besondere Vorliebe für Verknüpfungen klangvoller Akkorde und für Dissonanzen, die jedoch nirgends grell, vielmehr in ihren komplexen Verschlingungen fast noch harmonischer als selbst Konsonanzen wirken; die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit, aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind.