Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

260

5.2.1957, 20:15 Uhr ( 31. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Manoliu-Quartett (Basel)

Manoliu, Petru, Violine 1
Racine, Fernand, Violine 2
Reisacher, Louis, Viola
Moser, Fritz, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 57, G-dur, op. 54, Nr. 1, Hob. III:58 (1788?)

Allegro con brio
Allegretto
Menuetto: (Allegretto) – Trio
Finale: Presto

Rudolf Kelterborn
1931-

Streichquartett Nr. 1 (1953/54)

Passacaglia
Fantasia I
Fantasia II
Fuga

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13 (1827)

Adagio – Allegro vivace
Adagio non lento
Intermezzo: Allegretto con moto – Allegro di molto
Presto – Adagio non lento

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 57, G-dur, op. 54, Nr. 1, Hob. III:58)

Haydns um 1760 entstandene fünfsätzige Divertimenti in Quartettbesetzung wurden als op. 1 und 2 veröffentlicht. Sie bilden den Ausgangspunkt für folgende Quartettkompositionen, können aber noch nicht als echte Streichquartette gelten, wie Haydn sie später entwickeln und zur Vollendung bringen wird. Man kann sie als eine Art Vorstudien zu einer noch nicht existierenden Gattung ansehen. Ab den noch so bezeichneten Divertimenti des op. 9 (um 1770), die Haydn seine ersten Streichquartette genannt haben soll, kommt er der neuen Gattung immer näher; mit op. 20, 33 und 50 (1781, 1785 und 1787) findet er zur vollen Reife als Quartettkomponist. 31 echte Quartette (von insgesamt 58) sind bis zum op. 54 entstanden. Dieses Opus hat der Verleger auf zwei Hefte (op. 54 und 55) aufgeteilt, da er sich so eine grössere Verbreitung und mehr Einnahmen erhoffte. Das G-dur-Quartett wird in der Literatur als «besonders beliebt» bezeichnet. Darum überrascht, dass es in unseren Konzerten bisher erst zweimal aufgeführt worden ist, zuletzt 1981. Der Kopfsatz wird vom elegant-schwungvollen Hauptthema bestimmt, mit dem die 1. Geige brilliert. Die andern Stimmen fügen neben Harmonien über viele Takte durchgehende «trommelnde» Staccato-Achtel bei. Mit solchen bestreitet auch die Primgeige den zweiten Takt des Themas. Das Motiv wird, oft nur in Teilen, geradezu satzbestimmend; es leitet auch die Schlussfloskel (Takt 12 und am Satzende) ein. Ausser im Cello fehlt es in der ruhigeren Phase nach der Schlussfloskel und gegen Ende der Exposition, wo Haydn ein hübsches Seitenthema in Achtelfiguren einfügt. Die von thematischer Arbeit geprägte Durchführung nimmt das ruhige Motiv mehrfach auf. Auch das C-dur-Allegretto im 6/8-Takt ist von staccato-Achteln geprägt. Die Primgeige spielt dazu das lyrisch-pastorale Thema und schwingt sich dabei in höchste Lagen auf. Im Menuett erklingen Staccato-Klänge im Cello, nun in Vierteln zum Thema der 1. Violine. Im Trio, in dessen erstem Teil die 1. Violine schweigt, spielt das Cello staccato-Achtel in leisen Auf- und Abbewegungen; darüber stimmen zunächst 2. Geige und Bratsche, danach die beiden Geigen eine rhythmisch reizvolle, volkstümliche Melodie an. Das Finale ist ein heiteres, einem Sonatenrondo angenähertes Presto. Sein Thema wird von drei Anfangstönen auf jeweils gleicher Höhe geprägt. Mit ihnen spielt Haydn witzig, etwa wenn er darauf Generalpausen folgen lässt, so dass man nie weiss, ob nicht doch noch das ganze Thema folgt. Mit dem Dreitonmotiv endet denn auch der Satz im Pianissimo.

(zu Mendelssohn Bartholdy, Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13)

Mendelssohns Streichquartett Nr. 2 von 1827 ist eigentlich seine Nummer 1 (bzw. bleibt die Nr. 2, wenn man das erst 1879 veröffentlichte Es-dur-Quartett von 1823 mitzählen will). Einzig die spätere Veröffentlichung (1830) hat ihm im Vergleich mit dem 1829 entstandenen op. 12 die Nummer 2 und die höhere Opuszahl eingetragen (ähnlich wie bei Beethovens Klavierkonzerten Nr. 1 und 2). Nehmen wir das Werk als das, was es ist: Mendelssohns erstes vollgültiges Quartett. Der damals achtzehnjährige Komponist schuf damit eine originelle und auf der Höhe der Zeit stehende Komposition, vielleicht sogar sein bestes Werk bisher. Mendelssohn orientiert sich am Modernsten seiner Zeit, an den späten Quartetten Beethovens, die in dessen Todesjahr 1827 zumindest teilweise als schwierig galten. Kurz zuvor hatte er – noch vor der Berliner Erstaufführung – das op. 132 kennen gelernt. Die Anlehnung geschieht nicht als Kopie und ist verknüpft mit viel Eigenem. Dazu gehört etwa das Intermezzo, das weder als Menuett noch als Scherzo daherkommt, sondern liedhaft, allerdings im Trioteil in den typischen „Elfenstil“ umschlagend. Neuartig ist auch, wie Mendelssohn das Einleitungs-Adagio einsetzt: Er greift auf ein Lied „Frage“ („Ist es wahr?“ op. 9/1) desselben Jahres zurück und stellt es mottoartig nicht nur an den Beginn des Werks, sondern auch an dessen Schluss. So erreicht er eine damals höchst moderne zyklische Geschlossenheit.