Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

282

13.1.1959, 20:15 Uhr ( 33. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Végh-Quartett (Budapest/Basel)
Osvaldo Mengassini, Klarinette

Végh, Sándor, Violine 1
Zöldy, Sándor, Violine 2
Janzer, Georges (György), Viola
Szabó, Paul (Pál), Violoncello

Mengassini, Osvaldo, Klarinette

in Budapest bis mindestens 1949

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 51, Nr. 2 (1873)

Allegro non troppo
Andante moderato
Quasi Minuetto, moderato – Allegretto vivace
Finale: Allegro non assai

Quintett für Klarinette, 2 Violinen, Viola und Violoncello, h-moll, op. 115 (1891)

Allegro
Adagio
Andantino – Presto non assai, ma con sentimento
Con moto (con variazioni)

Streichquartett Nr. 1, c-moll, op. 51, Nr. 1 (1873)

Allegro
Romanze: Poco adagio
Allegretto molto moderato e comodo – Un poco più animato
Finale: Allegro

(zu Brahms, Quintett für Klarinette, 2 Violinen, Viola und Violoncello, h-moll, op. 115)

Mit dem 1890 komponierten 2. Streichquintett hielt Brahms, noch keine sechzig Jahre alt, sein Schaffen für abgeschlossen. Doch da verliebte er sich noch einmal, diesmal – anders als früher – nicht unglücklich, in eine «junge Dame». Er nannte sie «Fräulein Klarinette». Der Grund für diese späte «Entdeckung» des ihm natürlich längst bekannten Instruments war die Kunst des Soloklarinettisten der Meininger Hofkapelle, Richard Mühlfeld (1856-1907). Brahms hörte ihn im März 1891 und schrieb aus Meiningen an die von ihm viel früher geliebte und inzwischen 71 Jahre alte Clara Schumann: «Man kann nicht schöner die Klarinette blasen, als es der hiesige Mühlfeld tut.» Mühlfeld, dessen Wohnhaus in Meiningen heute als «Ernestiner Hof» ein hübsches Hotel ist, verdanken wir also Brahms’ späten Schaffensschub, bei dem er vor allem für die Klarinette (Trio op. 114/1891, Quintett op. 115/1891, 2 Sonaten op. 120/1894) und für sein eigenes Instrument, das Klavier, die wunderbaren späten Klavierstücke op. 116 bis 119 schrieb. Dazu kommen, nun wirklich als Abschluss des Schaffens, die «Vier ernsten Gesänge» op. 121 (1892 und 1896) und die Orgelvorspiele op. 122. Fast alle diese späten Werke pflegen einen verinnerlichten Ton (den einen oder anderen Ausbruch und gewisse Herbheiten darf es allerdings noch geben) und verbinden Klangschönheit mit Melancholie und einer Art resignativer Heiterkeit. Dies gilt besonders für das Klarinettenquintett, das gegenüber dem Trio freundlicher wirkt, was wohl auch an der Besetzung liegt. Doch kann man hier auch Leidenschaftlichkeit, männliche Kraft, ja Freude hören.
 Vielleicht kommt diese Spannung im Gegenpol der beiden 
bestimmenden Tonarten h-moll und D-dur zum Ausdruck. Brahms arbeitet hier besonders stark mit der «entwickelnden Variation», die Schönberg bei ihm so sehr bewunderte. Die Themen werden variierend entwickelt; so greift etwa das Finale, nun ein echter Variationensatz, auf den 3. Satz (ein Andantino statt einem Scherzo) zurück und führt ihn in Abwandlungen weiter. Ganz zum Schluss greift Brahms zurück auf den Beginn des Werkes mit seinem viertaktigen «Motto» aus zwei Motiven, aus denen alle Themen des Werks abgeleitet sind. Der Tod hatte für Brahms, wie schon das viel frühere «Deutsche Requiem» (1868) zeigt, offensichtlich nichts
 Schreckhaftes. Die vielleicht 
letzten von ihm komponierten Töne galten in den «Vier
 ernsten Gesängen» den Worten: «Nun aber bleibet
 Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die
 grösste unter ihnen.» In Ausdruck und Kantilene sind sie manchen Stellen im Quintett ähnlich. Es war wohl tatsächlich diese letzte Liebe zum «Fräulein Klarinette», welche diese Spätblüte möglich machte.

(zu Brahms, Streichquartett Nr. 1, c-moll, op. 51, Nr. 1)

Die Wege zur ersten Sinfonie und zum ersten gültigen Streichquartett waren bei Brahms lang und führten über mehrere Vor- und Zwischenstufen. Der Weg zum Streichquartett war wohl verschlungener – doch endeten beide schliesslich erfolgreich in einem c-moll-Werk. Wie viele Streichquartette Brahms komponiert hat, weiss man nicht. Drei sind bekannt und Kammermusikfreunden wohlvertraut. Vor diesen hat es eine grössere Anzahl weiterer Quartette gegeben. Schumann berichtet in seinem begeisterten Artikel über den jungen Brahms nach dessen Besuch in Düsseldorf 1853, jener habe ihm in «ganz geniale(m) Spiel, das aus dem Klavier ein Orchester ... machte» neben anderem auch «Quartette für Saiteninstrumente – und jedes so abweichend vom andern, dass sie jedes verschiedenen Quellen zu entströmen schienen» vorgespielt. Im selben Jahr wollte Brahms ein Quartett in h-moll als erstes Werk veröffentlichen – schliesslich wurde eine Sonate für sein eigenes Instrument das Opus 1. Und an seinen Jugendfreund und Mitschüler August Alwin Cranz (1834-1923), den Sohn eines Hamburger Musikverlegers, schrieb er, er habe «bereits über 20 Quartette komponiert». Bis zur Fertigstellung und Veröffentlichung der ersten gültigen Quartette sollten aber zwanzig Jahre vergehen. Was vorangegangen war, wurde vernichtet. Zwischenstufen bildeten Klavierquartette, Streichsextette und das Streichquintett mit zwei Celli von 1862, das später zur Sonate für 2 Klaviere und zuletzt zum Klavierquintett wurde. Und als die beiden Quartette des op. 51 1873 endlich zur Geburt reif waren, bedurfte es, wie Brahms scherzhaft anmerkte, für die «Zangengeburt» des Chirurgen. Ihm, dem Freund Theodor Billroth (1829-1894; 1860-67 Professor in Zürich, dann in Wien), sind sie denn auch gewidmet, obwohl für das zweite ursprünglich Joseph Joachim vorgesehen war. Da Skizzen zum op. 51 bis in die Zeit um 1865 zurückgehen, verstehen wir den Scherz von Brahms. Im c-moll-Quartett überraschen ein neuer Klang und Verdichtung, stellenweise geradezu spröde Verschlossenheit, strenger Ernst und eine fast monothematische Substanz. Ludwig Finscher charakterisiert die Sätze mit «dra­matisch zerklüftet» (Kopf­satz), «melancholisch» (Romanze in As-dur), «nachdenklich-ver­sponnen» (Allegretto-Intermezzo in f-moll anstelle eines Scherzos) und «emotionale Hochspannung» (Fi­nale). Trotz letztlich traditionsbewusster Bezugnahme – nicht nur in der Erwartungen weckenden Tonart – auf das Vorbild Beethoven brachte die Uraufführung am 11. Dezember 1873 in Wien durch das Hellmesberger Quartett vorerst nur einen Achtungserfolg ein. Die konsequente und komplexe Kompositionsmethode zeigt sich im Entwickeln des Materials aus wenigen Kernmotiven – was Schönberg später «entwickelnde Variation» nannte, hauptsächlich an den Quartetten op. 51 darlegte und als fortschrittlich bewunderte. So war Brahms sehr wohl ein moderner Komponist und nicht, was das Publikum damals vielleicht lieber gehört hätte, ausschliesslich ein Bewahrer klassischer Vorgaben.

(zu Brahms, Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 51, Nr. 2)

Die beiden Quartette op. 51 von Brahms sind nicht aus dem Nichts entstanden, habe er doch zuvor, so die Äusserung einem Freund gegenüber, «bereits über 20 Quartette komponiert». 1853, also mit zwanzig Jahren, hatte er geplant, sein Opus 1 – wie es sich lange Zeit gehört hatte – für ein Quartett in h-moll vorzusehen, wies die Opuszahl dann aber einem Werk für sein eigenes Instrument zu, der 1. Klaviersonate. 20 Jahre später, inzwischen doppelt so alt, scheint er sein 2. Quartett dem Geiger und Freund Joseph Joachim zugedacht zu haben. Zuletzt ging aber die Widmung beider Quartette op. 51, nicht zuletzt wegen einer schweren Verstimmung mit Joachim, an den Chirurgen Theodor Billroth, was – wie Brahms sich ausdrückt – angesichts der «Zangengeburt» sinnvoll scheint. Skizzen zum op. 51 gehen bis in die 1860er Jahre zurück. Schwankte das c-moll-Quartett zwischen Dramatik (1. und 4. Satz) und Melancholie und Nachdenklichkeit (2. und 3. Satz), so gibt sich das a-moll-Werk dazu beinahe komplementär – und doch sind beide in der Konzeption eng verwandt. Es wirkt gelöster, heller, im Gesamten lyrischer, aber all das bei höchster Polyphonie und intensiver motivischer Arbeit. Sie beginnt nicht erst in der Durchführung, sondern bereits in der Exposition. Diese Ableitungs- und Variationstechnik bei Brahms, der bei den Neudeutschen und Modernen als reaktionär galt, hat später Schönberg veranlasst, gerade die beiden Quartette op. 51 zum Ausgangspunkt seiner Theorie über die «entwickelnde Variation» und Brahms zu einem Modernen («Brahms the Progressive») zu machen. Der Kopfsatz des a-moll-Quartetts beginnt mit einem Motiv (a-f-a-e), dessen Noten 2 bis 4 wörtlich das berühmte Motto Joachims F – A – E («Frei, aber einsam») zitieren – wohl ein Hinweis auf die ursprünglich geplante Widmung. (Brahms war 1853 an der Komposition der F-A-E-Sonate zu Ehren Joachims mit dem Scherzo beteiligt gewesen.) Das Andante in A-dur, im bewegteren Mittelteil mit scharfen Akzenten in fis-moll, erscheint äusserlich als dreiteilige Liedform, ist aber im Detail viel komplizierter gestaltet. In den Rahmenteilen dominiert das Lyrisch-Liedhafte. Obwohl Brahms in seiner Jugend ein Meister der Scherzo-Komposition war, verzichtet er je länger je mehr auf diesen Typus. Das Minuetto – schon die altmodische Bezeichnung überrascht – soll piano, mezza voce gespielt werden. Es wird von einem lebhafteren Intermezzo (Allegretto vivace in A-dur) abgelöst, das seinerseits durch einen sechstaktigen Doppelkanon über einem vom Cello gespielten Orgelpunkt auf E unterbrochen wird. Das Finale im Dreivierteltakt, ein Sonatensatz mit zwei gegensätzlichen Themen, die man als ungarisch bzw. ländlerhaft-wienerisch charakterisiert hat, wirkt tänzerisch, insbesondere in der umfangreichen Coda. Sie lässt das Werk, nachdem sich zunächst alles in Dur aufzulösen schien, wieder in die Haupttonart a-moll zurückfinden (più vivace). Ein ruhiges Innehalten davor lässt noch einmal das F-A-E-Motiv, jetzt im Akkord, aufklingen.