Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

292

16.2.1960, 20:15 Uhr ( 34. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Quintetto dell’Accademia Chigiana di Siena (Siena)

Brengola, Riccardo, Violine 1
Benvenuti, Mario, Violine 2
Leone, Giovanni, Viola
Filippini, Lino, Violoncello
Lorenzi, Sergio, Klavier

Luigi Boccherini
1743-1805

Klavierquintett A-dur, op. 57, Nr. 1, G. 413 (1799)

Allegro moderato
Minuetto
Andantino con moto
Allegro giusto

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Klavierquintett, g-moll, op. 57 (1941)

Preludio e Fuga
Scherzo
Intermezzo e finale

César Franck
1822-1890

Klavierquintett f-moll (1879)

Molto moderato quasi lento – Allegro
Lento, con molto sentimento
Allegro non troppo, ma con fuoco

(zu Franck, Klavierquintett f-moll)

Francks Klavierquintett, ist – nach den Klaviertrios des Siebzehnjährigen – das früheste seiner drei bedeutenden Kammermusikwerke. 1886 folgte ihm, Eugène Ysaÿe zu seiner Hochzeit gewidmet, die A-dur-Violinsonate und 1889/90 als «point culminant de l’art franckiste» (R. Jardillier) das Streichquartett in D-dur. Das Auf- und Abschwellen des Klangs, oft mit Temporückungen verbunden, ist ein typisches Merkmal der Tonsprache Francks, wie auch seine ebenfalls dreisätzige d-moll-Symphonie (1886-89) zeigt. Im Quintett führte Franck erstmals die auch aus der Sinfonie vertraute zyklische Form konsequent durch, indem er die noch so verschieden gearteten Sätze durch Themen und Motive verband. Diese Beziehungen von Themen innerhalb der Sätze und über die Satzgrenzen hinweg sind äusserst dicht. Nicht immer sind es Hauptthemen, welche die Teile verbinden, sondern auch untergeordnete oder Nebenthemen spielen diese Rolle. Die Melodie der 1. Violine in der langsamen Einleitung zum Kopfsatz wird zur Keimzelle der Thematik in allen drei Sätzen. Das wird gleich im chromatisierenden Hauptthema des Sonatensatzes, einem der typischsten Francks, hörbar. Man behält es im Ohr und erkennt es sofort, wenn es in den anderen Sätzen variiert wieder auftaucht. Der zweite Satz macht der Charaktervorschrift con molto sentimento alle Ehre. Er steht im 12/8-Takt und in a-moll. Auch hier gehört das lange, aus ab- und aufsteigenden Figuren gebildete Thema der 1. Geige. Das zyklische Thema des Kopfsatzes taucht im Mittelteil auf. Das Finale, erneut ein Sonatensatz, zeigt Rückgriffe auf die vorangehenden Sätze. Es beginnt mit einer geradezu unheimlich-düsteren Einleitung in chromatischen Tremolofiguren. Langsam schält sich daraus das Hauptthema heraus und findet zur Haupttonart F-dur. Das zweite Thema entwickelt ein Motiv aus dem Lento weiter. Auch das zyklische Thema des Kopfsatzes erhält nochmals grosse Bedeutung, und gegen Ende des Satzes erscheint das zweite Thema des Kopfsatzes wieder. Mit grossem Schwung findet das Werk zu seinem Ende. Franck wollte das Quintett seinem Freund Camille Saint-Saëns widmen, der mit ihm zusammen 1871 die «Société Nationale de la Musique» gegründet hatte, in welcher es am 17. Januar 1880 uraufgeführt wurde. Saint-Saëns spielte zwar den Klavierpart, konnte aber mit dem Werk nichts anfangen. Ostentativ liess er am Ende der Aufführung die Noten auf dem Notenbrett stehen. Auch das Publikum hatte zunächst Mühe, sich in der komplexen Gestaltung zurechtzufinden. Bei den zwei folgenden Kammermusiken dagegen war der Erfolg sehr gross.

(zu Schostakowitsch, Klavierquintett, g-moll, op. 57)

Schostakowitschs Quintett entstand in jenen schwierigen Monaten, bevor Hitler den Pakt mit Stalin brach und in Russland einfiel. Schostakowitsch reagierte stets auf seine Umgebung und die Ereignisse der Zeit. Ein Jahr später wird er angesichts der Bedrohung Leningrads die 7. Sinfonie, die «Leningrader», schreiben. Im Quintett liegt das Gewicht auf den langsamen Sätzen; das Ernsthaft-Meditative überwiegt. Im Eingangs-Lento entsteht eine geradezu bach-nahe Feierlichkeit. In sieben Takten stellt zu Beginn das Klavier das ganze thematische Material vor. Die folgende Fuge, ausgehend vom Duo der beiden Geigen, lässt sich fast nicht als solche erkennen, so raffiniert ist sie gearbeitet. Das Scherzo bricht mit seinen bewusst simplen, scheinbar volksmusiknahen Themen den Ernst der vorangehenden Sätze. Doch sollte man bei Schostakowitsch nie zu sehr auf die Vordergründigkeit hören. Zu viel ist in diesem Stück ge-, ja zerbrochen. Ein weiteres Lento, fast zu optimistisch als Intermezzo bezeichnet, nimmt leitmotivisch Elemente des ersten Satzes auf und betont die meditative Stimmung. Es leitet ins Finale über, das mit mahlerscher Scheinheiterkeit beginnt. Aber immer wieder kommt auch dieser Satz ins Grübeln (Bassfiguren); ein rhythmisch prägnantes Thema wird rasch zurückgenommen. Mit fast tänzerischem Charme, der aber jeglichen Übermuts entbehrt, klingt das Werk aus. Das Quintett entsprang dem Wunsch des Beethoven Quartetts, das bei der Einstudierung des bisher allein vorliegenden 1. Streichquartetts den Komponisten kennengelernt hatte. Am 23. November 1940 erklang das Quintett durch die genannten Interpreten im Kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums – mit riesigem Erfolg.