Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

418

3.4.1973, 20:15 Uhr (Zyklus A 47. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Smetana-Quartett (Prag)

Novák, Jirí, Violine 1
Kostecký, Lubomír, Violine 2
Škampa, Milan, Viola
Kohout, Antonín, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b) (1783)

Allegro ma non troppo
Andante con moto
Menuetto: Allegro – Trio
Allegro vivace

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 3, F-dur, op. 73 (1946)

Allegretto
Moderato con moto
Allegro non troppo
Adagio –
Moderato

Bedrich Smetana
1824-1884

Streichquartett Nr. 1, e-moll «Aus meinem Leben» (1876)

Allegro vivo appassionato
Allegro moderato alla Polka
Largo sostenuto
Vivace

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b))

Das Es-dur-Quartett KV 428 ist als einziges der sechs sogenannten Haydn-Quartette Mozarts nicht genau datiert bzw. – wie das d-moll-Quartett KV 421 (Juni 1783) – durch äussere Angaben datierbar. Es dürfte aber zwischen Juli 1783 und Januar 1784 entstanden sein; somit ist es der Entstehungszeit nach das dritte der Serie. Als solches erscheint es im Köchel-Verzeichnis. Im Autograph dagegen, wo es auf das von Mozart als Quartetto III bezeichnete KV 458 als Quartetto IV folgt, und im Erstdruck steht es an vierter Stelle, doch sind die Indizien klar genug, dass es vor KV 458 entstanden ist. Mit seiner fast spröden Wendung nach innen ist es das eigenartigste der sechs Werke: Die bekannte Es-dur-Festlichkeit zeigt es nicht. Harmonisch unbestimmt beginnt der Kopfsatz mit einem Unisono-Motiv. Erst der zweite Anlauf lässt es mit überraschenden Dissonanzen harmonisch auftreten. Das Andante in der Tristan-Tonart As-dur ist harmonisch noch ungewohnter – und in den Takten 15 und 40 kann man tatsächlich eine Vorahnung des Tristanmotivs hören. Das ausgedehnte Menuett beginnt mit vehementer Attacke auftaktig; das Trio versteckt seine Tonart B-dur hinter einer langen c-moll-Melodie. Erst das Finale, eine Art Sonatensatz ohne Durchführung, bricht mit der Unbestimmtheit der vorangehenden Sätze und erweist sich, obwohl es ureigenster Mozart bleibt, in seinem Humor, mit seinem den Hörer immer wieder überraschenden geringen Abweichen vom Erwarteten und mit seiner gehörigen Portion Virtuosität als eine Hommage an Haydn.

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 3, F-dur, op. 73)

Das dritte Quartett dürfte neben dem siebten das beliebteste und eingänglichste Schostakowitschs sein. Er komponierte es in einer wenig ergiebigen Phase seines Schaffens; es ist das einzige vollendete Werk des Jahres 1946. Nach den dramatischen und unruhigen Jahren des Krieges, die der Komponist in seiner 7. und 8. Sinfonie so heroisch-wuchtig und eindrücklich dargestellt hat, verwundert uns dies kaum, jedenfalls weniger als die sowjetischen Zeitgenossen, die von ihm 1945 eine Siegessinfonie erwartet hatten - und heraus kam die spritzig-witzige 9. Sinfonie. So sah Schostakowitsch auch keinen Anlass für ein heroisches Quartett. Hinzu mochte kommen, dass nach den Jahren, in denen er als Komponist geradezu zu einem Volkshelden geworden war, eine Neuorientierung nötig wurde, und zwar eine, die auch der Kritik Stalins und der Partei vor dem Kriege (1935 im Anschluss an die Lady Macbeth von Mzensk) gerecht wurde. Trotz alledem ist das 3. Quartett kein leichtgewichtiges Werk: Scheinbar einfache Melodien durchlaufen alle zwölf Töne, chromatische Themen stehen neben schreiender Bitonalität; das Adagio, als Threnodie bezeichnet, will ernst genommen werden. Und doch wirkt das Groteske, etwa in der Parodie auf einen preussischen Parademarsch im 3. Satz, fast stärker.

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Auch Schostakowitsch orientiert sich in seinem 3. Quartett zwar am späten Beethoven, nimmt aber noch mehr den Charakter der eigenen, kurz zuvor abgeschlossenen locker-heiteren 9. Sinfonie, der ersten nach dem Krieg, wieder auf. Dies ist vor allem im Kopfsatz mit seinem tänzerischen Thema zu spüren. Ständig wechselnde Farben bestimmen die Klangwelt des scherzohaften Rondino, das dann aber unerwartet ruhig abschliesst. Darauf folgt - echte Kriegsreminiszenz oder „nur“ Parodie? - mit einem Pseudozitat eines preussischen Militärmarsches das eigentliche Scherzo. Die Groteske, ein Lieblingsstilmittel Schostakowitschs, die ohne Mahler nicht denkbar wäre, zeigt die Doppelbödigkeit an, die auch bei einem scheinbar heiteren Werk bei ihm nicht fehlt. So bekommt der doppelt geführte Schlusssatz, ein attacca ins eigentliche Finale übergehende Threnos-Adagio in Passacaglia-Form und ein umfangreiches Moderato, das auf die früheren Sätze motivisch zurückgreift, bei aller Heiterkeit noch mehr Gewicht und eine neue Tiefgründigkeit, insbesondere im pianissimo verklingenden Schluss, die zeigt, dass das Werk nicht eine locker-leichte Bewältigung der überwundenen Kriegsgefahr ist.

(zu Smetana, Streichquartett Nr. 1, e-moll «Aus meinem Leben»)

Zu Smetanas Selbstbiographie in Tönen sei hier wieder einmal das Programm, das der Komponist in einem Brief vom 12. April 1878 beschrieben hat, aufgeführt (gekürzt): I. Satz: Hang zur Kunst in meiner Jugend, romantische Stimmung, unaussprechliche Sehnsucht nach etwas, was ich nicht in Worten ausdrücken konnte. Der II. Satz führt mich in der Erinnerung in das heitere Leben meiner Jugendzeit, in der ich meine Umwelt mit Tanzstücken überschüttete, selbst als leidenschaftlicher Tänzer bekannt war. Der dritte Satz erinnert mich an das Glück der ersten Liebe zu dem jungen Mädchen, das später meine treue Gattin wurde. Der vierte Satz: Die Erkenntnis der elementaren Kraft, die in der nationalen Musik ruht, und die Freude an den Ergebnissen des beschrittenen Weges bis zu jenem Augenblick, da sein weiterer Verlauf durch die ominöse Katastrophe jäh unterbrochen wurde: Beginn der Taubheit, Ausblick in eine freudlose Zukunft.