Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

429

12.3.1974, 20:15 Uhr (Zyklus A 48. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Koeckert-Quartett (München)

Koeckert, Rudolf sen., Violine 1
Koeckert, Joachim, Violine 2
Riedl, Oskar, Viola
Merz, Josef, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 72, C-dur, op. 74, Nr. 1, Hob. III:72 (1793)

Allegro (moderato)
Andantino (grazioso)
Menuetto: Allegro – Trio
Finale: Vivace

Paul Hindemith
1895-1963

Streichquartett Nr. 6 (7), Es-dur (1945)

Schnell
Ruhig, scherzando
Langsam – Schnell
Kanon: Mässig schnell, heiter

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2 (1798/1800)

Allegro
Adagio cantabile – Allegro
Scherzo: Allegro – Trio
Allegro molto quasi Presto

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2)

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch das unvollständige op. 77. Zur gleichen Zeit arbeitete Beethoven erstmals an Streichquartetten. Zuvor oder gleichzeitig hatte er sich in erstaunlicher Weise fast allen Kammermusikgattungen gewidmet und folgende Werke einer Opuszahl, d.h. der Veröffentlichung gewürdigt: Klaviertrios (op.1; um 1794), Klaviersonaten (op. 2, 7, 10, 13 und 14; 1795-99), Streichquintett (op. 4 nach einem früheren Bläseroktett), Cellosonaten (op. 5; 1796), Streichtrios (op.3, 8 und 9; 1798), Violinsonaten (op.12; 1797), Klavierquintett mit Bläsern (op.16; 1796), Hornsonate (op. 17; 1800). Jetzt war die Zeit reif, fühlte er sich reif für die Komposition und Veröffentlichung von Quartetten - kurz danach sollte die 1. Sinfonie folgen.

Natürlich wurzeln die sechs Quartette noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. (...)

Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3 grundlegend. 1801, im Jahr des Erscheinens der dem Fürsten Lobkowitz (dem Auftraggeber?) gewidmeten Quartette, schrieb er an Freund Karl Amenda, dem er das F-dur-Quartett zunächst zugeeignet hatte: "Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss."

In der Tat kann man die drei ersten Quartette teilweise noch der Spielmusik - wenn auch auf höchstem Niveau - des 18. Jahrhunderts zuweisen. Das wird am 2. Quartett deutlich, dem man im 19. Jahrhundert wegen seiner galanten "Verbeugungen" den Namen "Komplimentierquartett" gegeben hat. Gerade hier aber ist das Scherzo voll entwickelt. (...)

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 72, C-dur, op. 74, Nr. 1, Hob. III:72)

Am 12. Februar 1797, am Geburtstag des deutschen Kaisers Franz II. (ab 1806 als Franz I. noch Kaiser Österreichs), erklang im Wiener Nationaltheater erstmals jene Melodie Haydns, welche seine beliebteste werden sollte: das Kaiserlied (Text von Lorenz Leopold Haschka). Es wurde mit neuem Text von Johann Gabriel Seidl zur österreichischen Nationalhymne (bis 1918); seit 1922 ist es mit Hoffmann von Fallerslebens Text von 1841 die deutsche. Die Idee für eine derartige Hymne hatte Haydn in England erhalten. Er hat sie bis zu seinem Lebensende täglich auf dem Klavier gespielt. Das «Kaiserquartett» trägt seinen Beinamen aufgrund dieses Themas, das als Cantus firmus variiert, d.h. umspielt wird, darf aber auch in den übrigen Teilen als kaiserlich gelten. Es strahlt generell Glanz und Monumentalität aus und ist das sinfonischste der sechs Quartette op. 76. Die Themen der übrigen Sätze weisen eine gewisse Verwandtschaft mit der Kaiserhymne auf, die somit als Kern des ganzen Werkes gelten darf. Der Kopfsatz bereitet den Variationensatz vor, das robust-simple Menuett ist ein kräftiger Tanz, unterbrochen von einem Trio in sanftem a-moll; das Finale führt von unruhigem c-moll über verschiedene Zwischenstationen (u.a. G-dur) ad astra bzw. zum Licht, d.h. zum kaiserlichen C-dur.

(zu Hindemith, Streichquartett Nr. 6 (7), Es-dur)

Unter Hindemiths Quartetten nimmt das 7. (früher Nummer 6, da man das zu Hindemiths Lebzeiten nicht veröffentlichte Quartett op. 2 nicht mitzählte) eine Sonderstellung ein: Zwar war Hindemith meist bei der Uraufführung seiner Quartette als Bratscher beteiligt (ausser in Nr. 6), die Quartette waren aber für professionelle Interpreten gedacht. Sein letztes Quartett hingegen entstand für das häusliche Musizieren mit seiner Frau Gertrud und zwei Musikstudentinnen. Die offizielle Uraufführung (21. März 1946) wurde wie beim 6. Quartett in Washington D.C. vom Budapest String Quartet ausgeführt. Dem Anspruch entsprechend ist das Werk kurz – kaum eine Viertelstunde lang. Als Höhepunkt wird man den 3. Satz bezeichnen dürfen, und zwar nicht nur weil er der längste ist. Aus einem rhapsodischen langsamen Teil wächst in der Primgeige ein rasches Thema heraus, das einem Choral gegenübergestellt wird. Diese Verbindung führt denn auch den Satzschluss herbei. Das Werk endet mit einem für Hindemith typischen Kanon in raffiniertem Kontrapunkt mit einer heiteren pianissimo-Pointe.