Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

482

25.4.1978, 20:15 Uhr (Zyklus B 52. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Basler Streichquartett [1972-1985] (Basel)
Igor Ozim, Violine/Günter Ludwig, Klavier

Novšak, Primoz, Violine 1
Hoever, Herbert, Violine 2
Lesueur, Max, Viola
Strauss, Ernest, Violoncello

Ozim, Igor, Violine
Ludwig, Günter, Klavier

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Adagio und Fuge c-moll für Streichquartett, KV 546 (1788)

Adagio – Fuga: Allegro

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 5, A-dur, op. 18, Nr. 5 (1798/99)

Allegro
Menuetto
Andante cantabile
Allegro

Ernest Chausson
1855-1899

Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett, D-dur, op. 21 (1889/91)

Décidé – Calme – Animé
Sicilienne: Pas vite
Grave
Très animé

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 5, A-dur, op. 18, Nr. 5)

Wenn wir Beethovens Verhalten und seine Äusserung gegenüber Karl Amenda, das F-Dur Quartett in der Urfassung nicht weiterzugeben, richtig interpretieren, dürfen wir die Quartette Nr. 4 bis 6 als den entscheidenden Schritt vom Quartett des späten 18. zu dem des frühen 19. Jahrhunderts ansehen. Beethoven hat die ersten drei Quartette im Jahre 1800 revidiert. Dies zeigt, dass er selbst von der ersten zur zweiten Dreiergruppe einen qualitativen Fortschritt sah, der ihn nötigte, die ersten Werke dem neuen Standard anzupassen. So sind auch diese drei Quartette, zumindest in einzelnen Sätzen (vor allem beim F-dur-Quartett die beiden ersten) zu neuartigen Kompositionen geworden. Natürlich stehen auch die Nummern 4 bis 6 noch in der Tradition; der eigentliche Bruch mit dem 18. Jahrhundert wird sechs Jahre später - dafür umso radikaler - mit den Rasumowsky-Quartetten op. 59 erfolgen.

Für das 5. Quartett in A-dur hat sich Beethoven bis in die Satzbezeichnungen hinein ein eindeutiges Vorbild genommen: Mozarts KV 464 in der gleichen Tonart, dessen Finale er eigenhändig kopiert hat. Beide Male steht das Menuett an zweiter Stelle, beide Male ist der langsame Satz ein Variationen-Andante, welches das Herzstück des Werks bildet. Aber man darf nicht von Nachahmung sprechen. Was Beethoven in diesem hellsten seiner Quartette mit allen Anklängen, übrigens auch an eigene Werke, macht, ist doch auch schon die Entwicklung einer neuen, eigenen Tonsprache.

(zu Mozart, Adagio und Fuge c-moll für Streichquartett, KV 546)

Am 29. Dezember 1783 vollendete Mozart als Abschluss einer Reihe von Fugenkompositionen der Jahre 1782/83 – Zeichen der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem von Baron van Swieten ermöglichten Studium von Bach und Händel – eine Fuge für zwei Klaviere (KV 426). Vier Jahre später griff er darauf zurück, setzte sie für Streichquartett und fügte ein Adagio von 50 Takten hinzu. Dieses «Präludium» weist die kühnsten Harmonien auf, die Mozart je geschrieben hat. Die Fuge (108 Takte) mit einem markanten Thema, das zu den eindrücklichsten Fugenthemen überhaupt gehört, wird vom Cello exponiert.

(zu Chausson, Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett, D-dur, op. 21)

Ernest Chausson, der vielseitig begabte Sohn einer Unternehmerfamilie, hatte auf Geheiss seines Vaters zuerst die Rechte studiert und war 1877 Rechtsanwalt geworden. Später konnte er sich dank finanzieller Unabhängigkeit der Musik zuwenden und studierte bei Massenet und Franck. Im Alter von nur 44 Jahren prallte er mit dem Fahrrad gegen eine Mauer und erlitt einen Schädelbruch. So starb noch im 19. Jahrhundert ein Komponist, der die Verbindung zwischen spätromantischer Tradition, speziell der Wagners, und dem modernen französischen Stil des sogenannten musikalischen Impressionismus bildet. Mit Debussy war Chausson denn auch lange Jahre befreundet. Seit 1888 versuchte er in Zusammenarbeit mit ihm, der ja auch nicht ganz unbeeinflusst von Wagner war, «le spectre rouge de Wagner qui ne peut se détacher de moi» auszutreiben. Chausson suchte den Weg über den französischen «classicisme» eines Couperin und Rameau, was wohl auch mit seiner Tätigkeit in der 1871 gegründeten «Société nationale de musique» zu tun hat. Ein wichtiges Werk in dieser Zeit ist - neben der Sinfonie und dem «Poème» - das von Eugène Ysaÿe angeregte «Concert». Es trägt wohl im Rückgriff auf Couperin den französischen Titel «Concert» - kein Virtuosen-Concerto romantischer Art also, sondern Kammermusik, auch wenn es kein Sextett ist. Die beiden zuerst komponierten Sätze Grave (1889) und die an Fauré erinnernde Sicilienne (1890) dürften dem Konzept der «Ars Gallica» am ehesten entsprechen. Harmonisch und im Aufbau lehnt sich das «Concert», nicht zuletzt im zyklischen Wiederaufgreifen früherer Themen, allerdings viel stärker an ein Schlüsselwerk der spätromantischen französischen Kammermusik an: an César Francks Klavierquintett von 1878/79.