Kammermusik Basel

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Konzertdetails

483

25.5.1978, 20:15 Uhr (Extrakonzert Schubert-Fest 1978 52. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Melos-Quartett (Stuttgart)

Melcher, Wilhelm, Violine 1
Voss, Gerhard, Violine 2
Voss, Hermann, Viola
Buck, Peter, Violoncello

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 4, C-dur, D 46 (1813)

Adagio – Allegro con moto
Andante con moto
Menuetto: Allegro
Allegro

Streichquartett Nr. 11, E-dur, op. post. 125, Nr. 2, D 353 (1816)

Allegro con fuoco
Andante
Menuetto: Allegro vivace
Rondo: Allegro vivace

Streichquartett Nr. 15, G-dur, op. post. 161, D 887 (1826)

Allegro molto moderato
Andante un poco mosso
Scherzo. Allegro vivace – Trio: Allegretto
Allegro assai

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 15, G-dur, op. post. 161, D 887)

Warum hat Schuberts grösstes Quartett nicht die Beliebtheit der beiden anderen späten Quartette erreicht? Ist es das Fehlen des populären Beinamens? Gibt es kein beliebtes Thema, das man auf Anhieb wiedererkennt? Ist es die Länge? Oder ist es die Zerrissenheit, die man so lange beim «Schwammerl» Schubert nicht hat in ihrer Bedeutung wahrnehmen wollen, weil sie dem Bild vom «eigentlich schubertschen» Schubert, dem Liedersänger und Melodienerfinder widersprach? In nur elf Tagen, fast gleichzeitig mit Beethovens Abschluss des op. 131 (im letzten Konzert zu hören) entstanden und jenem gleichrangig, stellt es nicht nur einen Gipfel der Quartettkunst dar, sondern gehört zum Schwierigsten – in der Ausführung wie im Erfassen. Kein populäres Liedthema, keine behäbige Biedermeierseligkeit täuscht über die Ansprüche hinweg. In geradezu sinfonischen Zügen werden im Kopfsatz dramatische, in unruhigem Tremolo aufbrausende Blöcke mit lyrisch kantablen verzahnt, als eine Art «einander ablösender Varianten. Variierte Reihung kennzeichnet auch den zweiten Satz, dessen ausgedehnt singende Cello-Melodien wohl Beruhigung, gar Frieden auszustrahlen vermöchten, wäre ihnen nicht der Affekt der Ruhelosigkeit in den Oberstimmenfiguren beigegeben» (Arnold Feil). Dazu kommt generell das Provokative, welches in verschiedenen Details erkennbar wird, das aber immer Teil des gestalterischen Willens, nicht Unvermögen darstellt. Ein leicht erkennbares sind die genannten immer wieder auftretenden Tremoli. Sie sind mehr als nur eine Form klanglicher Gestaltung, enthalten sie doch ein wichtiges emotionales Potential. Sie haben zudem die Tendenz, die Tonalität zu verschleiern – kein Wunder, dass sie in der Spätromantik so beliebt sind. Dass sich Schubert im Kopfsatz, aber auch im Finale nicht für Dur oder Moll entscheiden kann bzw. will, hat die Hörer ebenfalls irritiert, obwohl es sich dabei um ein typisches Stilmittel Schuberts handelt. Gerade diese angebliche Unentschiedenheit, die sich in den thematisch nicht immer leicht fassbaren Tremoli und im Verunklaren der Tonart äussert, trägt dazu bei, dass das Werk eben nicht so formal klar abläuft wie ein Haydn-Quartett. Dadurch verliert man irgendwie das Zeitgefühl, und dieser Verlust führt auch zu den von Schumann in der grossen C-dur-Sinfonie festgestellten «himmlischen Längen». Schubert hat – wie in dieser Sinfonie, im Streichquintett und in den letzten Klaviersonaten – im G-dur-Quartett, das ausdrücklich keine Sinfonie sein will, mit modernsten und ganz eigenen Mitteln nicht nur zur grossen Form gefunden, sondern in den Ein- und Ausbrüchen auch Grenzen erreicht, an die er ebenso in der Lyrik der Winterreise oder in Heines Atlas («unendlich glücklich oder unendlich elend») gestossen ist.

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 4, C-dur, D 46)

Die meist für das Familienquartett in den Jahren 1812 bis 1816 geschriebenen mindestens elf Quartette Schuberts waren für ihn der Ort, wo er sich in grösserem Umfang mit der Sonatenform, der Satztechnik und den instrumentalen Anforderungen auseinandersetzen konnte. Manche hat wohl Schuberts Kompositionslehrer Salieri durchgesehen. Nach zwei frühen (D 18 und 94), deren genaue Datierung umstritten ist (wohl vor 1812), schrieb Schubert von Sommer 1812 bis Herbst 1813, oft jeweils in wenigen Tagen, sechs Quartette (D 32, 36, 46, 68, 74 und 87). Das C-dur-Quartett, in fünf Tagen im März 1813 entstanden, zeigt Unbekümmertheit, ja Kühnheit im Harmonischen und in der Modulation. Die Einleitung, welche wohl diejenige von Mozarts „Dissonanzenquartett“ zum Vorbild hat, ist voller Chromatik. Die abwärts laufende Linie wandert durch alle Stimmen. Sie wird in der Durchführung des Allegro, das von aufgewühlten Tremoli bestimmt wird und vorerst kein helles C-dur darbietet, wieder aufgenommen. Auch das Andante wird im Mittelteil von chromatischen Figuren beherrscht. Das kräftige Menuett in B-dur könnte von Beethovens 1. Sinfonie beeinflusst sein; das Trio gibt sich charmant. Problemlos und gerade dadurch mitreissend ist das tanzhafte Finale.