Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

487

28.11.1978, 20:15 Uhr (Zyklus A 53. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Vidom-Trio (Haifa)

Schwarzberg, Dora, Violine
Drobinsky, Mark, Violoncello
Derevjanko, Viktor, Klavier

Robert Schumann
1810-1856

Klaviertrio Nr. 2, F-dur, op. 80 (1847)

Sehr lebhaft – Nach und nach schneller
Mit innigem Ausdruck – Lebhaft
In mässiger Bewegung
Nicht zu rasch

Joseph Haydn
1732-1809

Klaviertrio Nr. 43, C-dur, Hob. XV:27 (vor 1797)

Allegro
Andante
Finale. Presto

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Klaviertrio Nr. 2, e-moll, op. 67 (1944)

Andante – Moderato
Allegro non troppo
Largo
Allegretto – Adagio

(zu Haydn, Klaviertrio Nr. 43, C-dur, Hob. XV:27)

1785 erhielt Haydn, dessen Todestag sich am 31. Mai 2009 zum 200. Mal jährt, in Esterházy Besuch vom Kupferstecher und Kunsthändler Gaetano Stefano Bartolozzi (1757-1821). Er versuchte, dem Komponisten England schmackhaft zu machen, weil dort Musiker viel mehr geschätzt würden, als es Haydn im Dienst des Fürsten Esterházy widerfahre. Am 29. Januar 1786 erschien im Public Adviser ein Bericht über Haydn, der sich auf Bartolozzi beruft: «Der Musiker gilt wie der Prophet nichts im eigenen Land, so scheint es. Ein deutlicher Beweis dafür ist der berühmte Haydn. Der Fürst Esterházy bringt zwar den Werken Haydns, der ständig in seinen Diensten steht, die grösste Bewunderung entgegen, die einzige Entlohnung aber, die er für ihn bereit hält, ist ein kümmerliches Gehalt, das in London selbst der geringste Geiger verächtlich zurückweisen würde.» Bartolozzi rühmte die Musikförderung in England so sehr, dass Haydn zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, London zu besuchen. Zehn Jahre später heiratete eben dieser Bartolozzi in London Therese Jansen. 1770 in Aachen geboren, war sie in London Schülerin Clementis geworden. Einer der Trauzeugen bei der Hochzeit am 16. Mai 1795 war Haydn, der von Johann Peter Salomon zweimal (1791/92 und 1794/95) nach London geholt worden war. Als Haydn vor seinem ersten Besuch Mozart von seinem Plan berichtete, wandte dieser ein, er verstehe doch die Sprache nicht. Haydn entgegnete: «Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt.» Wie sehr er Recht hatte, zeigen seine riesigen Erfolge in London. Meist denkt man dabei an die zwölf Londoner Sinfonien oder an die Streichquartette op. 71 und 74. Haydn schrieb aber eben für Therese Jansen in London drei Klaviertrios (1797 in London erschienen) und widmete ihr die letzten Klaviersonaten (Hob. XVI:50-52), welche, insbesondere diejenige in Es-dur, als Höhepunkt in seinem Klavierschaffen gelten. Jansen muss eine hervorragende Pianistin gewesen sein, wie die technischen Anforderungen in diesen Werken zeigen. Auch instrumententechnisch zeigt sich Haydn der neusten Entwicklung zugeneigt, schreibt er doch für die Trios nicht mehr Cembalo, sondern Pianoforte vor. Dabei hatte er wohl Instrumente der Firma Broadwood (gegr. 1738, als älteste bestehende Klavierfabrik 2003 geschlossen) im Auge, deren kraftvoller Klang und Tonumfang (5½ Oktaven gegenüber 5 bei den Wiener Klavieren) ihn beeindruckte. Die Virtuosität des Klaviersatzes im C-dur-Trio ist bemerkenswert. Im 1. Satz überrascht es durch grosse Gesten und starke forzato-Akzente. Das Andante, ein Siciliano in A-dur bzw. im Mittelteil a-moll setzt auf Kontraste, die auf Beethoven vorausweisen. Das humorvolle Presto-Finale, ein Sonatenrondo, erhält seine Originalität im Harmonischen wie durch die «falschen» Akzente. Laut Charles Rosen weist der Klavierstil auf den mittleren Beethoven (Klaviersonate op. 31/1) voraus.

(zu Schostakowitsch, Klaviertrio Nr. 2, e-moll, op. 67)

Das 2. Klaviertrio Schostakowitschs steht zeitlich genau zwischen dem ersten und den Blok-Romanzen, zwei Werken, die im 1. Konzert dieses Zyklus zu hören waren. Es entstand im Andenken an einen kurz zuvor verstorbenen Freund, den Musik- und Literaturwissenschaftler Iwan Sollertinski, und reiht sich so in die Tradition des Trio élégiaque (Tschaikowsky, Rachmaninow u.a.) ein. Neben der Trauer um den Freund spielen Not und Elend der Kriegszeit hinein. Laut I. Martynow ist „das Trio wahrscheinlich das Allertragischste im Schaffen Schostakowitschs“. Die Verwendung eines Themas aus der jüdischen Volksmusik im Finale deutet wohl darauf hin, dass auch die Trauer über die Ermordung der Juden durch Hitler und Stalin zum Ausdruck kommen soll. Wohl darum nimmt Schostakowitsch das Thema im 8. Streichquartett von 1960, „den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet“, wieder auf. Das Cello eröffnet das Werk mit fahlen Flageolett-Tönen; der elegische Gedanke wird von der Violine kanonartig aufgegriffen. Das 2. Thema wirkt nur vordergründig heller. Im gerade drei Minuten langen Scherzo in Fis-dur dominiert zwar die Energie, allerdings nicht heiter, sondern bedrohlich. Die Totenklage folgt im Largo als Passacaglia über ein achttaktiges Thema, das vom Klavier mit schweren Akkorden exponiert wird. Der makabre Totentanz des Finale verklingt leise in einer Kombination des Totentanzmotivs und der Akkorde des Passacaglia-Beginns.

(zu Schumann, Klaviertrio Nr. 2, F-dur, op. 80)

Von den vier Klaviertrios Schumanns (das früheste von 1842 trägt den Titel Fantasiestücke) sind das leidenschaftliche d-moll-Werk (op. 63) und das F-dur-Trio 1847 entstanden. Schumann sah sie als Schwesterwerke an, obwohl oder vielleicht gerade weil sie verschieden sind. Am 1. Mai 1849 schreibt Schumann an Carl Reinecke: «Das Trio ist von ganz anderem Charakter als das in D und wirkt freundlicher und schneller. Auf den Anfang des Adagio und auf ein Allegretto (statt des Scherzo) freue ich mich immer, wenn es daran kommt.» Clara Schumann schreibt 1849 begeistert: «Es gehört zu den Stücken Roberts, die mich von Anfang bis zum Ende in tiefster Seele erwärmen und entzücken. Ich liebe es leidenschaftlich und möchte es immer und immer wieder spielen.» Das Werk wurde im Hause Schumann öfter gespielt, ehe es 1850 in Leipzig öffentlich uraufgeführt wurde – mit Clara am Klavier. Der Kopfsatz weist drei Themen auf. Die Durchführung beginnt mit dem dritten; es zitiert unverkennbar das Eichendorff-Lied «Dein Bildnis wunderselig, hab ich im Herzensgrund» (op. 39/2). Auch das Adagio nimmt mit der Vortragsbezeichnung «Mit innigem Ausdruck» auf dieses Lied Bezug. Die Liedhaftigkeit setzt das Werk vom op. 63 ab. Dazu trägt bei, dass Schumann – wie er selber bemerkt – das Scherzo durch einen weiteren langsamen Satz, dem bei aller Komplexität das Tänzerische nicht abgeht, ersetzt.