Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

490

20.2.1979, 20:15 Uhr (Zyklus A 53. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Gabrieli String Quartet (London)

Sillito, Kenneth, Violine 1
O’Reilly, Brendan, Violine 2
Jewel, Ian, Viola
Harvey, Keith, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 80, Es-dur, op. 76, Nr. 6, Hob. III:80 (1797)

Allegretto – Allegro
Fantasia: Adagio
Menuetto: Presto – Alternativo
Finale: Allegro spirituoso

Benjamin Britten
1913-1976

Streichquartett Nr. 3, op. 94 (1975)

Duets
Ostinato
Solo
Burlesque
Recitative and Passacaglia: La Serenissima

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 14, As-dur, op. 105, B 193 (1895)

Adagio ma non troppo – Allegro appassionato
Molto vivace
Lento e molto cantabile
Allegro non tanto

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 80, Es-dur, op. 76, Nr. 6, Hob. III:80)

Haydns letzte Sechserserie von Streichquartetten erschien 1799. Entstanden sind sie wohl 1796/97, zwei Jahre nach der letzten Sinfonie Nr. 104. Da Haydn die berühmte Kaiserhymne erst Ende Januar 1797 vollendete, dürfte das sogenannte Kaiserquartett erst danach entstanden sein. Die Autographe sind verloren. Dass der Widmungsträger Graf Joseph Erdödy sie für einige Zeit zum alleinigen Gebrauch erhielt (was ihn 100 Dukaten kostete), erklärt wohl die relativ späte Veröffentlichung bei Artaria. Das op. 76 wurde mehrfach zur bedeutendsten Werkgruppe Haydns erklärt; man hat es als Ernte oder krönende Zusammenfassung seines Quartettschaffens bezeichnet. Das 6. Quartett hat nicht die Bekanntheit anderer Nummern (etwa der Nr. 2 «Quinten-» und 3 «Kaiserquartett») erreicht; es ist aber eines der ungewöhnlichsten. Erstaunlich, dass man es eher selten im Konzert hört (bei uns nur 1979 und 1982). Sein Kopfsatz wird von einem Thema, das, ohne klare melodische Struktur, kaum für Variationen zu taugen scheint, und vier Variationen eher unkonventionell eingeleitet. Die vierte schlägt in ein Allegro um und enthält ein aus einer Gegenmelodie entstehendes Fugato. Wie beim «Kaiserquartett» bleibt das Thema als Cantus firmus durchwegs erhalten. Am überraschendsten dürfte das folgende Adagio, eine Fantasia im entfernten H-dur, sein. Dieses H-dur wird wiederholt von gewagten Abweichungen in andere Tonarten abgelöst: Haydn nutzt die Freiheit der «Fantasie» auch im Harmonischen. Das Menuett ist mit Presto überschrieben (generell sind die Menuette im op. 76 rasch), als ob es ein Scherzo wäre. In der Tat sind wir weit weg vom klassischen alten Tanz. Dazu trägt auch die 24mal wiederholte viertaktige absteigende Es-dur-Basslinie inklusive Fuge bei. Das ¾-Takt-Finale, ein Sonatensatz, wird mit einem erneut tonleiterhaften Motiv vom Rhythmus beherrscht. Trotz hohem Tempo ist es kein Kehrausfinale, wohl aber ein echtes pezzo spiritoso.

(zu Dvorák, Streichquartett Nr. 14, As-dur, op. 105, B 193)

Dvorák hatte den ersten Satz des As-dur-Quartetts im März 1895 in New York begonnen (bis zum Ende der Exposition). Nach seiner Rückkehr nach Böhmen hatte der sonst so rastlos Tätige keine Lust aufs Komponieren („Die heilige Wahrheit, ich bin ein Faulpelz und rühre die Feder nicht an.“), und als er damit wieder anfing, schrieb er im Spätherbst zuerst ein neues Quartett in G-dur op. 106, welches deshalb auch die niedrigere Nummer 13 trägt. Erst dann verspürte er Lust, auch das angefangene Werk zu vollenden. Vielleicht lässt sich der Grund für die neue Schaffensfreude aus folgender Äusserung erschliessen: „Wir sind gottlob alle gesund und freuen uns, dass es uns nach drei Jahren wieder vergönnt ist, liebe und frohe Weihnachtsfeiertage in Böhmen zu geniessen. Deshalb fühlen wir uns alle so unaussprechlich glücklich.“ Jetzt heisst es plötzlich: „Ich bin jetzt sehr fleissig. Ich arbeite so leicht und es gelingt mir so wohl, dass ich es mir gar nicht besser wünschen kann.“ Am 30. Dezember war das Werk vollendet. Unter diesen Umständen verwundert nicht, dass die beiden letzten Quartette den Höhepunkt in Dvoráks Quartettschaffen bilden; sie sind anspruchsvoller als das berühmtere „Amerikanische Quartett“ von 1893. Über diesem letzten Kammermusikwerk liegt die richtige Mischung zwischen freundlicher Leichtigkeit und formaler Sicherheit, so dass der Wiener Kritiker Eduard Hanslick von „reiner Meisterschaft“ sprach.