Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

498

27.11.1979, 20:15 Uhr (Zyklus A 54. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

LaSalle Quartet (Cincinnati)

Levin, Walter, Violine 1
Meyer, Henry, Violine 2
Kamnitzer, Peter, Viola
Fiser, Lee, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b) (1783)

Allegro (moderato)
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto, ma non troppo (con variazioni)

Alexander von Zemlinsky
1871-1942

Streichquartett Nr. 4, op. 25 «Suite» (1936)

Praeludium: Poco Adagio
Burleske: Vivace. Sehr lebhaft. Äusserste Schnelligkeit, die die Ausführung des
Pizzicato gestattet
Adagietto: Adagio –
Intermezzo: Allegretto – Animato
Thema und Variationen (Barcarole): Poco Adagio –
Finale – Doppelfuge: Allegro molto, energico – Più mosso – Prestissimo

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b) (1783)

Allegro ma non troppo
Andante con moto
Menuetto: Allegro – Trio
Allegro vivace

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b))

Die Tonart d-moll gibt Mozart immer Anlass zu besonderer Intensität, so auch hier. Im Sotto voce-Einsatz wird zuerst die Erregung zurückgedrängt, doch kommt sie bald im Forte zum Ausbruch, und auch die Bewegung steigert sich ständig. Die Schönheit des Andante bringt Beruhigung; es ist aber kleingliedrig und von Pausen durchbrochen. Die Schroffheit des Menuetts kippt im Trio in fast unwirkliche Eleganz und Leichtigkeit, so als hätten wir es mit einer Serenade zu tun. Das Finale orientiert sich zwar an Haydns Finalthema aus op. 33/5, aber Mozarts d-moll ist weit entfernt von Haydns G-dur-Leichtigkeit. - -

Das d-moll-Quartett weist im typisch mozartschem Mollcharakter voller Erregung und in dunkler Klangsprache - wozu im Kopfsatz Intervallsprünge und herbe Dissonanzen treten - Neuartiges auf. Im Menuett kontrastiert die dunkle Färbung mit dem heiteren Serenadenton des Trios. Das Variationen-Finale greift sowohl im Siciliano-Rhythmus wie in der Melodik unüberhörbar auf Haydn selbst zurück: auf seine Finalvariationen in op. 33/5, werden aber harmonisch und modulatorisch neu gedeutet.

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b))

Das Es-dur-Quartett KV 428 ist als einziges der sechs sogenannten Haydn-Quartette Mozarts nicht genau datiert bzw. – wie das d-moll-Quartett KV 421 (Juni 1783) – durch äussere Angaben datierbar. Es dürfte aber zwischen Juli 1783 und Januar 1784 entstanden sein; somit ist es der Entstehungszeit nach das dritte der Serie. Als solches erscheint es im Köchel-Verzeichnis. Im Autograph dagegen, wo es auf das von Mozart als Quartetto III bezeichnete KV 458 als Quartetto IV folgt, und im Erstdruck steht es an vierter Stelle, doch sind die Indizien klar genug, dass es vor KV 458 entstanden ist. Mit seiner fast spröden Wendung nach innen ist es das eigenartigste der sechs Werke: Die bekannte Es-dur-Festlichkeit zeigt es nicht. Harmonisch unbestimmt beginnt der Kopfsatz mit einem Unisono-Motiv. Erst der zweite Anlauf lässt es mit überraschenden Dissonanzen harmonisch auftreten. Das Andante in der Tristan-Tonart As-dur ist harmonisch noch ungewohnter – und in den Takten 15 und 40 kann man tatsächlich eine Vorahnung des Tristanmotivs hören. Das ausgedehnte Menuett beginnt mit vehementer Attacke auftaktig; das Trio versteckt seine Tonart B-dur hinter einer langen c-moll-Melodie. Erst das Finale, eine Art Sonatensatz ohne Durchführung, bricht mit der Unbestimmtheit der vorangehenden Sätze und erweist sich, obwohl es ureigenster Mozart bleibt, in seinem Humor, mit seinem den Hörer immer wieder überraschenden geringen Abweichen vom Erwarteten und mit seiner gehörigen Portion Virtuosität als eine Hommage an Haydn.

(zu Zemlinsky, Streichquartett Nr. 4, op. 25 «Suite»)

Am 24. Dezember 1935 war Alban Berg 50jährig an einer Blutvergiftung infolge von Furunkulose in Wien gestorben. Das 4. Streichquartett, an dem Zemlinsky während des ersten Halbjahrs 1936 arbeitete, nimmt zweifellos darauf Bezug. Hinweise sind die Bezeichnung „Suite“ im Manuskript und der Aufbau des Werkes. Zemlinsky gestaltet die Hommage an seinen Freund als absolute Musik in Form eines „Tombeau d’ A. B.“, indem er auf Titel und Satzfolge von Bergs „Lyrischer Suite“ von 1926 anspielt, welche ihm mit einem Zitat aus seiner eigenen „Lyrischen Sinfonie“ gewidmet war. Auch im Detail gibt es Entsprechungen. So sind die sechs Sätze ebenfalls motivisch untereinander verbunden und werden je zu zweit (jeweils langsam – schnell) zusammengefasst, was das Werk letztlich dreigliedrig macht. Das Präludium beginnt verhalten. Horst Weber spricht von „versteinerten Akkordfolgen“, als ob sich Zemlinsky aus der Erstarrung nach Bergs Tod erst lösen müsste. Das lyrische Zentrum des Werks bildet das Adagietto; lyrisch bleibt auch die vom Cello eingeleitete Variationenfolge der Barcarole. Zwei Scherzo-Sätze (Burleske und Intermezzo), zu denen sich im Charakter das Fugen-Finale gesellt, bilden dazu den Kontrast. Bemerkenswert sind die kaum zufälligen „Zitate“ von Satzbezeichnungen des von Berg und Zemlinsky verehrten Mahler (Adagietto, Burleske). Zemlinsky fand in den ihm in Europa verbleibenden zwei Jahren kein Ensemble, welches das Werk in Wien, wohin er 1933 zurückgekehrt war, aufführen wollte. 1938 nahm er es bei seiner Emigration mit nach Amerika. Auch dort kam es weder zum Druck noch zu einer Aufführung. Erst 25 Jahre nach dem Tod des Komponisten erfolgte 1967 in Wien die Uraufführung. Zwölf Jahre später, vor dreissig Jahren also, spielte es das LaSalle Quartet das bisher einzige Mal in unseren Konzerten.