Kammermusik Basel

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Konzertdetails

530

17.12.1981, 20:15 Uhr (Mozart-Beethoven-Bartók-Zyklus (B) 56. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Melos-Quartett (Stuttgart)

Melcher, Wilhelm, Violine 1
Voss, Gerhard, Violine 2
Voss, Hermann, Viola
Buck, Peter, Violoncello

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b) (1783)

Allegro ma non troppo
Andante con moto
Menuetto: Allegro – Trio
Allegro vivace

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 2, op. 17, Sz 67 (1915/17)

Moderato
Allegro molto capriccioso
Lento

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132 (1825)

Assai sostenuto – Allegro
Allegro, ma non tanto
Heiliger Dankgesang eines Genesenen, in der lydischen Tonart: Molto adagio –
Neue Kraft fühlend: Andante –
Mit innigster Empfindung: Molto adagio
Alla Marcia, assai vivace – Più allegro – Allegro appassionato – Presto

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132)

Auch in Beethovens a-moll-Quartett bildet der langsame Satz Zentrum und Hauptaussage des ganzen Werkes. Nicht nur die Länge, auch die religiös motivierte Umschreibung der Satzbedeutung hebt diesen einmaligen Satz aus den andern hervor. Mag die erstmalige Ausweitung der Satzzahl von vier auf fünf im Vergleich mit op. 130 und 131 noch unentschlossen wirken, die eine Aufgabe, das Molto Adagio ins Zentrum zu rücken, wird durch den kurzen Geschwindmarsch durchaus erreicht. Der Dankgesang ist – trotz seinen „himmlischen Längen“ – im Grunde einfach gebaut; er beginnt mit einer choralartigen Melodie. Ihre Phrasen folgen einander jeweils halbtaktig im 4stimmigen Satz. Der Choralteil wird von einem leichteren Andante in D-dur abgelöst, das mit „Neue Kraft fühlend“ überschrieben ist. Es nimmt im weiteren Verlauf geradezu tänzerische Züge an. Diese beiden Teile werden wiederholt, der Choral wird variiert, das Andante bleibt weitgehend unverändert. Eine 3. Choralstrophe führt „mit innigster Empfindung“ den Satz fast in Rondoform zu Ende. Der erste Satz beginnt mit einer Einleitung, welche ausgehend vom Cello jenes Viertonmotiv in je einem auf- und absteigenden Halbtonschritt (gis – a / f – e; in der 1. Violine dis – e / c – h) einführt, welches als Klammer die drei grossen der späten Beethovenquartette verbindet. Schon das Hauptthema des Kopfsatzes nimmt es im Zentrum auf und selbst im Finalthema taucht es versteckt wieder auf.

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 16, Es-dur, KV 428 (421b))

Das Es-dur-Quartett KV 428 ist als einziges der sechs sogenannten Haydn-Quartette Mozarts nicht genau datiert bzw. – wie das d-moll-Quartett KV 421 (Juni 1783) – durch äussere Angaben datierbar. Es dürfte aber zwischen Juli 1783 und Januar 1784 entstanden sein; somit ist es der Entstehungszeit nach das dritte der Serie. Als solches erscheint es im Köchel-Verzeichnis. Im Autograph dagegen, wo es auf das von Mozart als Quartetto III bezeichnete KV 458 als Quartetto IV folgt, und im Erstdruck steht es an vierter Stelle, doch sind die Indizien klar genug, dass es vor KV 458 entstanden ist. Mit seiner fast spröden Wendung nach innen ist es das eigenartigste der sechs Werke: Die bekannte Es-dur-Festlichkeit zeigt es nicht. Harmonisch unbestimmt beginnt der Kopfsatz mit einem Unisono-Motiv. Erst der zweite Anlauf lässt es mit überraschenden Dissonanzen harmonisch auftreten. Das Andante in der Tristan-Tonart As-dur ist harmonisch noch ungewohnter – und in den Takten 15 und 40 kann man tatsächlich eine Vorahnung des Tristanmotivs hören. Das ausgedehnte Menuett beginnt mit vehementer Attacke auftaktig; das Trio versteckt seine Tonart B-dur hinter einer langen c-moll-Melodie. Erst das Finale, eine Art Sonatensatz ohne Durchführung, bricht mit der Unbestimmtheit der vorangehenden Sätze und erweist sich, obwohl es ureigenster Mozart bleibt, in seinem Humor, mit seinem den Hörer immer wieder überraschenden geringen Abweichen vom Erwarteten und mit seiner gehörigen Portion Virtuosität als eine Hommage an Haydn.

(zu Bartók, Streichquartett Nr. 2, op. 17, Sz 67)

Erstaunlicherweise nimmt auch der erste Satz des rund acht Jahre nach dem ersten entstandenen 2. Quartetts zumindest in der Stimmung auf dieses Idealporträt Stefi Geyers Bezug. Zoltán Kodály hat das 2. Quartett "Episoden" genannt und die Sätze mit "Ruhiges Leben - Freude - Leid" bezeichnet, womit autobiographische Bezüge des Werkes deutlich werden. Während der erste Satz im Frühwerk wurzelt, weist der dritte, geradezu pessimistische, auf den Stil der dreissiger Jahre voraus. Die wilde Tanzweise des auf den Ton D zentrierten Mittelsatzes ist Reminiszenz der Nordafrikareise zur Erforschung und Sammlung von Volksliedern im Jahre 1913. Die Ecksätze sind "in sehr vagem a-moll" (P. Griffiths) gehalten. Diese eher unbestimmte Tonart und die Dreisätzigkeit sind neben den autobiographischen Tendenzen und dem Versuch einer Synthese von Volks- und Kunstmusik beiden Quartetten gemeinsam.