Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

535

2.11.1982, 20:15 Uhr (Zyklus A 57. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Orford String Quartet (Toronto)

Dawes, Andrew, Violine 1
Perkins, Kenneth, Violine 2
Helmer, Terence, Viola
Brott, Denis, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 81, G-dur, op. 77, Nr. 1, Hob. III:81 (1799)

Allegro moderato
Adagio
Menuet: Presto – Trio
Finale: Vivace

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 8, c-moll, op. 110 (1960)

Largo –
Allegro molto –
Allegretto –
Largo –
Largo

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett» (1806 ?)

Introduzione: Andante con moto – Allegro vivace
Andante con moto quasi allegretto
Menuetto (grazioso) mit Trio –
Allegro molto

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 9, C-dur, op. 59, Nr. 3 «3. Rasumovsky-Quartett»)

Mit dem Opus 59 beginnt das moderne Streichquartett. Hatten das erste und etwas weniger das zweite Quartett damals schockierend gewirkt, so erscheint das dritte weniger gewagt. Die Allgemeine Musikalische Zeitung von 1806/07 bezeichnete es als „allgemeinfasslich“. Es ist das kürzeste und konzentrierteste der drei Schwesterwerke und bildet gleichsam die Synthese der beiden vorangegangenen Werke. Gleichwohl zeigt es die modernen Errungenschaften der Quartettkomposition. Mag die Wiederaufnahme einer langsamen Einleitung zunächst als Rückgriff auf die Tradition erscheinen, so bildet gemäss A. Werner-Jensen die Art, wie dies hier geschieht, mehr einen Traditionsbruch als eine Fortführung gewohnter Formen. Erstaunlich ist zudem, dass nach dieser Einleitung am Beginn des Allegro noch eine weitere folgt. Das Hauptthema kommt erst später nach einer überleitenden Violinkadenz mit einem C-dur-Akkord zum Zug. Die Durchführung verwendet nicht nur die drei Gedanken der Exposition, sondern auch die Septakkorde der Einleitung und die Violinkadenz. Im Gegensatz zu den beiden ersten Quartetten zitiert Beethoven in diesem Werk kein thème russe, doch klingt das Thema des Andante (a-moll) irgendwie russisch. Das als grazioso bezeichnete Menuett wirkt wie ein Spiel mit vergangenen Formen; dafür fährt das Trio in F-dur energisch dazwischen. Nach diesen zahlreichen Eigenheiten überrascht auch das virtuose, attacca an das Menuett anschliessende Finale, eine Verbindung von Sonatensatz und Fuge. Gerade diese nicht regelkonforme Fuge hat es in sich und hat Beethoven nicht wenig Kritik eingetragen, beweist aber auch die Kühnheit und Modernität dieses heute so klassisch wirkenden Werkes. Mit der „Grossen Fuge“ am Ende von op. 130 wird Beethoven auf viel gewagtere Weise im Spätwerk auf eine solche „unregelmässige“ Fuge (tantôt libre, tantôt recherchée) zurückgreifen. Die drei Werke des Opus 59 sind in der Reihenfolge der Nummerierung entstanden, das C-dur-Quartett ist also tatsächlich das Abschlussstück. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die zyklische Gestaltung der Werkgruppe.

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 8, c-moll, op. 110)

Schostakowitschs 8. Quartett ist wohl sein bekanntestes, nicht zuletzt dadurch, dass es auch in der Orchestrierung Rudolf Barshais als Kammersinfonie häufig gespielt wird. Es ist innerhalb von nur drei Tagen in der Nähe von Dresden entstanden, wo Schostakowitsch sich 1960 aufhielt, um die Filmmusik zu einer deutsch-russischen Koproduktion zu schreiben. Dies vergegenwärtigte ihm die Zerstörung Dresdens und die Vernichtung unzähliger Menschen. Darum widmete er das Werk "den Opfern des Faschismus und des Krieges". Viel später gewichtete der Komponist anders, mehr autobiographisch. So jedenfalls wollte er das Zitat aus dem berühmten russischen Revolutionslied "Erschöpft von schwerer Gefangenschaft" verstanden wissen. überhaupt ist das Werk voller Zitate: Im zweiten Satz erklingt das jüdische Thema, das bereits im 2. Klaviertrio eine wichtige Rolle spielte; im 3. Satz erscheint das Anfangsmotiv des 1. Cellokonzerts aus dem Vorjahr und leitet in den 4. Satz über. Darin zitiert er aus seiner Oper "Lady Macbeth von Mzsenk". Es klingen zudem die 1. und 10. Sinfonie an. Vor allem im 1. und dem das Werk zyklisch beschliessenden 5. Satz spielt das auch sonst immer wieder begegnende Motiv D-eS-C-H, das Kürzel von Schostakowitschs eigenem Namen, eine wichtige Rolle. So wird die von seiner Tochter geäusserte Meinung, Schostakowitsch habe das Quartett "sich selbst gewidmet", richtig sein. Dass er es als eine Art Requiem für sich selbst auffasste, bestätigt ein Brief an Isaak Glikman.