Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

539

1.3.1983, 20:15 Uhr (Zyklus A 57. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

LaSalle Quartet (Cincinnati)

Levin, Walter, Violine 1
Meyer, Henry, Violine 2
Kamnitzer, Peter, Viola
Fiser, Lee, Violoncello

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 63, C-dur, op. 64, Nr. 1, Hob. III:65 (1790)

Allegro moderato
Menuet: Allegretto ma non troppo – Trio
Allegretto scherzando
Finale: Presto

Anton Webern
1883-1945

Streichquartett Nr. 1, op. 28 (1938)

Mässig
Gemächlich
Sehr fliessend

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67 (1875)

Vivace
Andante
Agitato (Allegretto non troppo) – Trio
Poco Allegretto con Variazioni – Doppio Movimento

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 63, C-dur, op. 64, Nr. 1, Hob. III:65)

Haydns C-dur-Werk aus der zweiten Sechserreihe der Tost-Quartette steht durch die aus einem Dreiklang entwickelte Thematik der ersten drei Sätze im Zeichen der Einheitlichkeit. Das Dreiklangmotiv wird dreimal verschieden beleuchtet: Im monothematischen Kopfsatz erscheint es in einem verhaltenen Marschrhythmus, im Menuett leicht melancholisch, was im Trio durch die Tonart c-moll und seufzerartige Motive verstärkt wird. Der für den späten Haydn erstaunlich rasche langsame Satz in F-dur, eine Art Sonatensatz, besteht aus einem Thema und zwei Variationen. Das Dreiklangmotiv erscheint in einem langsamen Marsch. Das Presto-Finale geht thematisch eigene Wege und steigert sich in seinem rhythmischen Drang über ein fugato zu einem Fortissimo-Unisono am Ende der Durchführung, um pianissimo mit dem Hauptthema zu verklingen.

(zu Webern, Streichquartett Nr. 1, op. 28)

Am 3. Februar 1937 meldet Webern an Hildegard Jone: «Ich bin bei einem Streichquartett», am 2. September «Ich bin gerade...zu einem wesentlichen Einschnitt in meiner Arbeit gekommen: der 1. Satz...ist fertig geworden.» Im Dezember erfahren wir, dass die Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge, die so viele Kammermusikwerke veranlasst hat, dank der Anregung Rudolf Kolischs auch ein Streichquartett von Webern wünschte. Webern kam dies bei seiner langsamen Arbeitsweise gelegen. Am 9. Februar 1938 meldet er die Beendigung des 2. und am 15. April des 3. Satzes - also über ein Jahr Arbeit für ein Werk von knapp neun Minuten Dauer, was ein Bild der verdichteten Arbeit des Komponisten vermittelt! (Webern rechnete allerdings in seinem Brief vom 19.4. an Kolisch, den Primarius des Uraufführungsquartetts, mit 20 Minuten.) Zur Charakterisierung sagt er: «Freilich ist es wieder Lyrik geworden.» Grund- und Kopfmotiv der Zwölftonreihe ist das B-A-C-H-Motiv, das rein strukturell, nicht melodisch behandelt wird.

(zu Brahms, Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67)

Waren seine beiden ersten Streichquartette (op. 51/1 und 2 in c- und a-moll von 1865 bis 1873), vor denen Brahms laut einer Äusserung einem Freund gegenüber „bereits über 20 Quartette“ komponiert haben soll, durch romantische Expressivität und Leidenschaftlichkeit bestimmt, so kann das dritte als geradezu klassisch oder sogar klassizistisch gelten. Es ist schlichter und weniger von motivischer Arbeit geprägt als die beiden Vorgänger und dazu vorwiegend heiter; es überrascht mit mehr Freiheit und Anspielungen. Brahms dürfte nach dem endlich gelungenen Abschluss der 1. Sinfonie richtig entspannt gewesen sein. Er musste nun weder sich noch der musikalischen Welt beweisen, was er alles beherrscht und was für eine anstrengende Sache anspruchsvolles Komponieren ist. Das Quartett entstand im Sommerurlaub 1875 im hübsch gelegenen Ziegelhausen am Neckar östlich von Heidelberg, wo Brahms auch an der 1. Sinfonie gearbeitet hatte. Im Mai 1876 spielte das Joachim-Quartett das Werk im privaten Rahmen bei Clara Schumann in Berlin, im Herbst öffentlich ebenfalls in Berlin; kurz danach folgte das Hellmesberger-Quar-tett in Wien. Schon der Beginn mit einer (bewussten?) Anspielung auf die Hornrufe von Mozarts Jagdquartett KV 458 oder vielleicht auch als Selbstzitat aus dem Scherzo des Streichsextetts op. 18, beides Werke in B-dur, gibt den Grundton an. Rhythmisch wird das Spielerische durch die Gegenüberstellung und zeitweise Überlagerung von 6/8- und 2/4-Takt geleistet. Das romanzenhafte Andante in F-dur zeigt dreiteilige Liedform, wobei der Mittelteil, meist in d-moll, freier und dramatischer ist. Besonders angetan war Brahms vom dritten Satz, den er als zärtlich und leidenschaftlich zugleich auffasste. Es handelt sich eher um ein Intermezzo als um ein echtes Scherzo, das zudem Elemente aus dem bereits scherzohaften Hauptthema des Kopfsatzes übernimmt. Auffällig ist die führende Rolle der Bratsche, um deretwillen sogar Geigen und Cello mit Dämpfer zu spielen haben. Dafür hat sie am Beginn des a-moll-Trios zu schweigen, als ob Brahms auf die Bezeichnung dieses Teils anspielen wollte. Bald darf sie aber auch hier ihre Führungsrolle wieder übernehmen. Die Klanglichkeit dieser Instrumentation gibt dem Satz etwas Notturnohaftes. Das Finale mit Thema und acht Variationen, in denen Brahms seine Meisterschaft in dieser Form beweist, erhält auch umfangmässig das grösste Gewicht im Quartett. Anspielungen fehlen auch hier nicht: Taucht da nicht in der 7. Variation das Jagdthema aus dem Kopfsatz wieder auf und spielt im Variationenreigen mit?