Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

562

30.10.1984, 20:15 Uhr (Zyklus A 59. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Academica String Quartet (Cork)

Sîrbu, Mariana, Violine 1
Colan, Ruxandra, Violine 2
Creitz, James, Viola
Dancila, Mihai, Violoncello

Hugo Wolf
1860-1903

Streichquartett, d-moll (1878/84)

Grave – Leidenschaftlich bewegt
Resolut
Langsam
Finale: Sehr lebhaft

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127 (1822–25)

Maestoso – Allegro
Adagio, ma non troppo e molto cantabile – Adagio molto espressivo
Scherzando vivace – Allegro – Tempo I – Presto
Finale: (ohne Tempobezeichnung) – Allegro comodo

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 12, Es-dur, op. 127)

Am 9. November 1822 richtete Fürst Nikolaus Galitzin an Beethoven die Bitte, für ihn «un, deux ou trois nouveaux Quatuors» zu schreiben. Die Anfrage kam Beethoven, der durchaus nicht immer für Auftragswerke zu gewinnen war, nicht ungelegen. Bereits am 5. Juni 1822 hatte er nämlich dem Verlag Peters ein Quartett in Aussicht gestellt; es war das spätere op. 127. Doch widerrief er das Angebot, da mir etwas anderes dazwischen gekommen. Das «andere» waren die Missa solemnis und die 9. Sinfonie. Im Februar 1824 nahm er die Arbeit am Quartett wieder auf und schloss es im Februar 1825 ab. Es wurde am 6. März 1825 erstmals aufgeführt. Noch während dieser Arbeit, wohl im Herbst 1824, konzipierte Beethoven zwei weitere Quartette, op. 132 und op. 130. Während diese beiden Quartette zusammen mit op. 131 durch ein Viertonmotiv als Keimzelle verknüpft sind, stehen op. 127 und op. 135 für sich. Im Gegensatz zur Dreiergruppe sind beide Quartette leichter fasslich, halten sich auch an die gewohnte Viersätzigkeit. Das op. 127 ist gar ein Werk von weitgehend lyrischem Charakter. Schon der erste Satz beginnt nach sechs Maestoso-Takten teneramente mit einem lang ausgesponnenen, klar gegliederten Thema in Form einer lyrischen Melodie; es beruht allerdings auf einem einzigen schlichten, sequenzartig wiederholten Motiv. Trotz dem g-moll des Seitensatzes und der mehrfachen Wiederaufnahme des Maestoso-Teils wirkt der Satz wie eine Idylle. An zweiter Stelle steht eine Variationenreihe über ein weitgespanntes, rhythmisch einheitliches, kanonartig einsetzendes Thema. Der Charakter wechselt zwischen Unruhe, Munterkeit und Ekstase ab. Das in der üblichen Dreiteiligkeit gehaltene Scherzo ist geprägt von nervöser Unrast; kontrapunktische Arbeit in geflüstertem Piano hat gespenstische Züge. Das Trio wird – fern jeder Behaglichkeit – von fahrigen Violinpassagen und stampfenden Tänzen bestimmt. Der Satz könnte gut als weitere Variationenfolge zum 2. Satz gehören. Das Finale greift auf die Idylle des Kopfsatzes zurück, wirkt volkstümlich, manchmal fast derb, bevor es in der Coda, deren richtiger Charakter wohl eher comodo als con moto ist, in lyrischer Expressivität schliesst.

(zu Wolf, Streichquartett, d-moll)

Hugo Wolf stellt dem Werk im Untertitel das Motto aus Goethes Faust „Entbehren sollst du, sollst entbehren“ voran. Als Stimmung des 19jährigen findet es im Grave der Einleitung seinen Ausdruck, es beherrscht aber den ganzen ersten Satz, der aus der Einleitung entwickelt wird. Grosse Intervallsprünge – eine Reminiszenz an Beethovens Grosse Fuge? – und starke Anspannung („wütend“ ist eine Vortragsbezeichnung) wechseln nur selten mit der Kantabilität des Seitenthemas ab. Im April 1879 schrieb Wolf, nachdem Scherzo und Kopfsatz entstanden waren, seinem Vater: „Quartett aufgegeben, weil es mir nicht gut genug schien, es zu vollenden.“ Gleichwohl komponierte er im Sommer 1880, als die Symptome der Syphilis, mit der er sich 18jährig angesteckt hatte, abgeklungen waren, in der Sommeridylle von Mayerling das Adagio. Dass dem leidenschaftlichen Wagnerianer das Lohengrinvorspiel und letztlich Beethovens „Heiliger Dankgesang“ aus op. 132 vorschwebten, verwundert kaum. Trotzdem fehlt die leidenschaftliche Unruhe auch hier nicht. Das am 16. Januar 1879 vollendete Scherzo, über dessen Stellung an 3. oder 2. Stelle Wolf schwankte, mit seiner punktierten Rhythmik lässt an Beethovens op. 95 (Serioso) denken, was auch kein Zufall ist. Erst mit dem 1884 nachkomponierten Finale kehren Heiterkeit und Gelöstheit ein. Es ist die Welt der Italienischen Serenade, die hier anklingt.