Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

571

12.11.1985, 20:15 Uhr (Zyklus A 60. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Münchner Streichtrio (München)
Antonio Spiller, Violine/Adelheid Boeckheler, Viola

Chumachenco, Ana, Violine
Lysy, Oscar, Viola
Mehlhorn, Wolfgang, Violoncello

Spiller, Antonio, Violine
Boeckheler, Adelheid, Viola

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquintett Nr. 2, c-moll, KV 406/516b (1782/87)

Allegro
Andante
Menuetto in canone – Trio in canone al rovescio
Allegro

Streichquintett Nr. 6, Es-dur, KV 614 (1791)

Allegro di molto
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro

Streichquintett Nr. 3, C-dur, KV 515 (1787)

Allegro
Menuetto: Allegretto – Trio
Andante
Allegro

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 2, c-moll, KV 406/516b)

Das früher als Nummer 2 geführte c-moll Quintett ist eine Bearbeitung der dunklen Serenade für 8 Bläser KV 388, deren Originaltitel „Nachtmusique“ man lieber nicht als Übersetzung von „Serenade“, sondern als Stimmungsbeschreibung verstehen möchte. Dass die Nummer KV 406 zeitlich nicht stimmen kann, ist heute erwiesen; die Bearbeitung gehört in die Umgebung des Quintett-Paares KV 515 und 516 (Frühjahr 1787) und wird in der Neuen Mozartausgabe als Nr. 4 gezählt. Damit in Zusammenhang steht die Vermutung, Mozart habe möglicherweise eine Serie von sechs Quintetten für den Preussenkönig Friedrich Wilhelm II. geplant und, um diese Zahl rascher zu erreichen, die Bearbeitung vorgenommen. Ob dies wirklich der Anlass zur Wiederaufnahme der Quintettkomposition gewesen ist, bleibe dahingestellt. Wäre es in diesem Fall nicht überzeugender gewesen, für den Cello spielenden König statt zwei Bratschen ein zusätzliches Cello einzusetzen? Alfred Einstein lehnt diese Möglichkeit mit dem Argument ab, das königliche Instrument dulde kein zweites neben sich. Bleiben wir bei der schönen Vorstellung, die Meisterwerke KV 515 und 516 seien ohne äusseren Anlass, gleichsam aus sich selbst heraus, entstanden. KV 406 mag, entsprechend der Entstehungszeit (1782) und der Gattung einer Serenade bei aller Dunkelheit des Originals, nicht ganz auf der Höhe der beiden anderen Werke stehen, zeigt aber Mozart als geschickten Bearbeiter, dem es erstaunlich gut gelingt, die acht Bläserstimmen auf die fünf Streicher umzulegen.

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 3, C-dur, KV 515)

Mozarts sechs Streichquintette (ein Frühwerk, die Bearbeitung eines Bläseroktetts, vier Spätwerke) stehen an Bekanntheit etwas hinter den Quartetten zurück, wohl einfach deshalb, weil man die Quintettbesetzung seltener zur Verfügung hat. Denn von der Qualität her besteht kein Unterschied, im Gegenteil: Die beiden am Beginn des Spätwerks stehenden Quintette KV 515 und 516, im Frühjahr 1787 geschrieben, gehören zu den absoluten Spitzenwerken Mozarts. Wie bei den beiden ein gutes Jahr später entstandenen letzten Sinfonien KV 550 und KV 551 stehen sich die Tonarten C-dur und g-moll gegenüber und bilden auch hier in ihrer Polarität ein komplementäres Paar. Das g-moll-Werk ist fast noch mehr als die Sinfonie ein von Dunkelheit, Emotionalität und Spannungen geprägtes Stück. Wie die «Jupitersinfonie» die umfangreichste Sinfonie, so ist das C-dur-Quintett das längste der Kammermusikwerke. Die Tonart C-dur mag hier weniger als in der Sinfonie strahlenden Glanz, Kraft und Festlichkeit ausdrücken als sublime Heiterkeit, und doch fehlt eine gewisse Monumentalität gerade im Kopfsatz nicht. Violoncello und 1. Violine exponieren das Hauptthema, das sie mit vertauschten Rollen in c-moll wiederholen. Dieses Spiel taucht im Satz mehrfach auf. Das Menuett mit seinen subito-piano-Effekten steht im Autograph an dritter, im Erstdruck an zweiter Stelle. Sein Trio mit reizvollen Oktavgängen der beiden Geigen steht in F-dur wie das zweiteilige Andante. Hier führen 1. Violine und 1. Viola. Trotz seiner Länge von 539 Takte sprudelt das Finale in virtuoser Heiterkeit, aber auch mit kontrapunktischer und harmonischer Raffinesse, in der Synthese von Haydns kurzmotivischem Witz und mozartschen Melodiebögen kurzweilig vorüber.

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 6, Es-dur, KV 614)

Das letzte Quintett KV 614 ist auch Mozarts letztes Kammermusikwerk und es löst die Problematik von Heiterkeit und Ernst ganz anders: Es betont die Heiterkeit, ja das Volkstümliche, ist aber raffinierter gearbeitet als man zuerst wahrnimmt, wenn auch einfacher als KV 593. Es sei hier nur auf die Themenverwandtschaft von Kopfsatz, Menuett und Finale hingewiesen. Das Andante darf als ein Höhepunkt in Mozarts an Höhepunkten so reicher Kammermusik gelten – und es ist wohl mit ein Grund, weshalb manche gerade dieses Quintett über alle andern stellen. Manchmal klingt es in KV 614 wie Haydn (dessen Finalthema aus op. 64/6 Mozart in der Tat im Finalthema in Umkehrung zitiert) – eine letzte Reverenz an das grosse Kammermusikgenie, dem Mozart so viel verdankt? Und vielleicht ist es auch eine Honneur an den Geiger und Tuchhändler Johann Tost, Widmungsträger von 12 Haydn-Quartet-ten, darunter op. 64, den man hinter der Bemerkung der Erstausgabe von KV 593 (1793), „composto per un amatore ongarese“, vermutet, die wohl auch für KV 614 gilt. Tost war ein Logenbruder Mozarts.