Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

578

11.3.1986, 20:15 Uhr (Zyklus B 60. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Vermeer Quartet (Chicago)
Nobuko Imai, Viola

Ashkenasi, Shmuel, Violine 1
Menard, Pierre, Violine 2
Young, Richard, Viola
Johnson, Marc, Violoncello

Imai, Nobuko, Viola

Seit seiner Gründung im Jahre 1969 im Rahmen des Marlboro Festival und nach seiner ersten Europatournee von 1972/73 ist das Vermeer Quartett zu einer der namhaftesten Quartettformationen geworden. Regelmässig ist es Gast in unseren Konzerten, heute zum zehnten Mal. Sein Repertoire umfasst neben den Standardwerken auch weniger Bekanntes wie eben Bridge, Zeitgenössisches oder Amerikanisches: Elliott Carters 1. Quartett stand vor zwei Jahren auf dem Programm.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquintett Nr. 1, B-dur, KV 174 (1773)

Allegro moderato
Adagio
Menuetto ma allegro – Trio
Allegretto

Streichquintett Nr. 4, g-moll, KV 516 (1787)

Allegro
Menuetto: Allegretto – Trio
Adagio ma non troppo
Adagio – Allegro

Streichquintett Nr. 5, D-dur, KV 593 (1790)

Larghetto (in Mozarts Verzeichnis: Adagio) – Allegro
Adagio
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 1, B-dur, KV 174)

Das frühe B-dur-Werk KV 174 hat zwei Fassungen: Die erste wird im Frühjahr 1773 entstanden sein, die zweite ist eindeutig auf Dezember desselben Jahres datiert. Es übertrifft äusserlich und qualitativ die zuvor entstandenen Streichquartette KV 168-173. Charles Rosen jedenfalls lobt das Werk: „Das Erstaunlichste an diesem Frühwerk ist, wie gross es angelegt ist; es geht darin weit über Mozarts soeben geschriebene Streichquartette hinaus. Das klassische Gefühl für Ausgewogenheit verlangte angesichts der volleren, reicheren Klangfarbe des Quintetts einen grösseren Rahmen [...] – alles natürlich auf Mozarts damaligem stilistischem Stand. Das konzertante Element mag diese breitere Anlage mit ausgelöst haben, aber die neuartige Erhabenheit der Dimension ist gerade dort am auffälligsten, wo der konzertante Stil fehlt.“

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 4, g-moll, KV 516)

KV 516, das Geschwisterwerk zum prächtig-hellen und doch ernsthaften C-dur-Stück, steht in einer von Mozarts Lieblingsmolltonarten: g-moll. Dementsprechend darf es zu seinen grossartigsten Kammermusikwerken gezählt werden. Der erste Satz beginnt kurzatmig-unruhig, das Seitenthema bleibt erstaunlicherweise in g-moll und das erwartete B-dur erscheint erst später in einer Art drittem Thema. Das untänzerisch gebrochene Menuett (im Autograph an zweiter Stelle stehend, in der Erstausgabe an dritter) bewahrt die Tonart des Kopfsatzes, lässt allerdings im G-dur-Trio, das die Schlussfloskel des Menuetts aufnimmt, tröstliche Töne erklingen. Das zweiteilige Adagio, con sordino zu spielen (eine Reminiszenz an KV 174?), steht zwar in Es-dur (2. Thema in b-moll), bewahrt aber eine schmerzliche Heiterkeit. Was soll darauf folgen? Kann das Stück nun einfach – wie üblich – ins heitere G-dur kippen? Mozart zögert diese Tonart und die Sorglosigkeit durch eine Introduktion mit intensivstem Klagelaut hinaus. Und dann folgt das höchst komplexe Rondo, das zwar ein lieto fine suggeriert – aber wie ist das bei Così fan tutte? Ist da die Welt am Schluss wieder in Ordnung?

(zu Mozart, Streichquintett Nr. 5, D-dur, KV 593)

Wenn es berühmte Streichquartette mit Bratsche gibt, so sind es die Mozarts. Allerdings weisen auch hier nicht alle den gleichen Bekanntheitsgrad auf. KV 593 etwa steht zwar eindeutig hinter KV 515 und 516 zurück, nicht aber in der Kunst. Schon Haydn zeigte sich anlässlich des gemeinsamen Musizierens dieses im Dezember 1790 entstandenen Quintetts mit Mozart stark beeindruckt; er hat sogar die Wiederaufnahme der langsamen Einleitung nach der Reprise in seine kurz danach in London komponierte Sinfonie Nr. 103 übernommen. Die kontrapunktische Arbeit, selbst im Menuett und im Finale, machen neben der klanglichen Schönheit und der Themenerfindung den Rang dieses Werkes aus, das man nicht selten mit der Jupiter-Sinfonie verglichen hat. Artaria gibt in der Erstausgabe vom Mai 1793, bestätigt durch eine gleichzeitige Zeitungsannonce, an, das Werk sei (wie KV 614) „komponiert für einen ungarischen Liebhaber“ - man glaubt ihn im reichen Tuchhändler und virtuosen Geiger Johann Tost, dem Haydn zwölf seiner Quartette gewidmet hat, gefunden zu haben. Tost war ein Logenbruder Mozarts gewesen.