Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

585

20.1.1987, 20:15 Uhr (Zyklus A 61. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Melos-Quartett (Stuttgart)

Melcher, Wilhelm, Violine 1
Voss, Gerhard, Violine 2
Voss, Hermann, Viola
Buck, Peter, Violoncello

Luigi Cherubini
1760-1842

Streichquartett Nr. 3, d-moll (1834)

Allegro comodo
Larghetto sostenuto
Scherzo: Allegro – Moderato sans lenteur
Finale: Allegro risoluto

Leoš Janáček
1854-1928

Streichquartett Nr. 2 «Intime Briefe» (1928)

Andante – Allegro
Adagio
Moderato
Allegro

Maurice Ravel
1875-1937

Streichquartett, F-dur (1902/03)

Allegro moderato, Très doux
Assez vif, Très rythmé – Lent – 1º Tempo
Très lent
Vif et agité

(zu Cherubini, Streichquartett Nr. 3, d-moll)

Der aus Florenz gebürtige, später in Paris tätige Cherubini steht zwischen den Stilen, Nationen und Zeiten. Als Zeitgenosse Mozarts konnte er noch „Harold en Italie“ von Berlioz, der im gleichen Jahr entstand wie sein 3. Streichquartett, kennenlernen. Was den Musikdramatiker und Kirchenmusiker im hohen Alter zur Kammermusik trieb (vier von sechs Quartetten und ein Quintett entstanden zwischen 1834 und 1837), ist nicht klar. Er selber äusserte sich so: Cela m’occupe et cela m’amuse, car je n’y mets pas la moindre prétention. Darf man das ernst nehmen? Das d-moll-Quartett ist bezeichnend für den Altersstil: Zerklüftung des Kopfsatzes mit Bruchstücken eines dramatischen Dialogs; gedämpftes Pathos im Larghetto; kontrapunktische Verwicklungen im Scherzo und – trotz der Wendung nach D-dur – verhaltener Ernst im Finale.

(zu Janáček, Streichquartett Nr. 2 «Intime Briefe»)

Unzählige Briefe (man vermutet zwischen 600 und 2000) hat Janáček zwischen 1917 und 1928 an seine „ferne Geliebte“ Kamila Stösslová, die 38 Jahre jünger war als er, geschrieben. Sie war für ihn Befreierin und Anregerin für sein grandioses Spätwerk, an dessen Ende das 2. Streichquartett steht (es wurde vier Wochen nach seinem Tod am 11. September 1928 uraufgeführt). Eben dieses Quartett ist gewiss der schönste dieser Briefe. Es thematisiert – wie schon das erste („Kreutzersonate“) – die Liebe. Im Februar 1928 schrieb Janáček an Kamila: „Jetzt habe ich begonnen, etwas Schönes zu schreiben. Unser Leben wird darin enthalten sein. Es soll «Liebesbriefe» heissen. Ich glaube, es wird reizend klingen. Wir hatten ja genug Erlebnisse!“ Doch bald darauf ändert er den Titel in Intime Briefe, da man seine „Gefühle nicht Dummköpfen preisgibt“, und ersetzt gleichzeitig die vorgesehene Viola d’amour durch die gewöhnliche Bratsche. Was äusserlich an den ständig wechselnden Tempobezeichnungen ablesbar ist, gilt generell für Janáčeks Kompositionsstil. Er entwickelt nicht Themen oder gar Melodien verarbeitend zu einem klassisch-romantischen Satzgebilde, sondern reiht in oft hartem Schnitt Motive oder aus solchen gebildete Phrasen aneinander. Diese sind von tiefem emotionalem Gehalt erfüllt; sobald er ausgeschöpft ist, wird ein Wechsel vollzogen. Dies führt zu starken Kontrasten, wie es gleich zu Beginn des Quartetts zu erleben ist: Aus dem Kern der beiden Phrasen ist letztlich der ganze Satz gereiht. Der Brünner Musikschriftsteller Ludvik Kundera schildert Janáčeks Arbeitsweise folgendermassen: „Janáček hämmerte so laut, als es überhaupt möglich war, (...) mit den Fingern immer wieder ein und dasselbe Motiv von ein paar Tönen aus dem Klavier hervor. (...) Er wiederholte das Motiv mehrere Male rundum, entweder in unveränderter Gestalt oder zuweilen mit einer kleinen Abänderung. Aus der Verve, mit der er spielte, war herauszufühlen, wie stark er von dem Gefühlsgehalt des Motivs erregt und hingerissen wurde. (...) Bei diesem Beginnen komponierte er nicht – er wollte sich nur durch das ständige Wiederholen eines kleinen Motivs in eine bestimmte Stimmung versetzen, um dann ohne Klavier das zum überwiegenden Teil aus diesem Motiv aufgebaute Tonwerk in fieberhafter Hast unmittelbar aufs Papier zu werfen.“

(zu Ravel, Streichquartett, F-dur)

Am 5. März 1904 gelangte das einzige Streichquartett von Ravel zur Uraufführung, das in den vorangehenden zwei Jahren (Dezember 1902, Sätze 1 und 2, bis April 1903, Sätze 3 und 4) entstanden war und fast ein Jahr auf die Uraufführung warten musste. Diese rief verschiedene, z.T. heftige Reaktionen hervor: Debussy war begeistert, Ravels Lehrer und Widmungsträger Fauré fand einiges zu kritisieren, und die Klassizisten, die den Rom-Preis zu vergeben hatten, konnten gar nichts damit anfangen. Deshalb wurde Ravel 1905 die Teilnahme am Rompreis-Wettbewerb verwehrt. Dies hatte allerdings Konsequenzen: der Direktor Dubois wurde entlassen, und Fauré wurde sein Nachfolger – was ein Streichquartett nicht alles auslösen kann! Ravel hielt sich in diesem frühen Werk – er empfand es als Abschluss seiner Studienzeit – zwar an das Vorbild Debussys, und doch ist ein eigenständiges Werk entstanden, besonders in der Ableitung der meisten Gedanken aus den Themen des 1. Satzes und der Wiederaufnahme früherer Motive, insbesondere im 3. und 4. Satz. Eigenständig ist auch die Klanglichkeit, vor allem im 3. Satz, der mit seinen Tempo- und Tonartwechseln rhapsodischen Charakter aufweist. Die besonderen Klänge werden durch spezielle Spielweise, nicht zuletzt in hohen Lagen, bewirkt. Im Finale, das auf einem chromatischen Fünftonmotiv beruht, lässt Ravel, der Sohn einer Baskin, die baskische Tanzrhythmik des Zortzico anklingen (Abwechslung von Fünfer- und Dreiertakt), variiert diese allerdings selbständig.