Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

593

19.1.1988, 20:15 Uhr (Zyklus B 62. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Quartetto Fauré di Roma (Rom)

Agostini, Federico, Violine
Paris, Massimo, Viola
Strano, Francesco, Violoncello
Jones, Maureen, Klavier

Gabriel Fauré
1845-1924

Klavierquartett Nr. 1, c-moll, op. 15 (1879)

Allegro molto moderato
Scherzo: Allegro vivo
Adagio
Allegro molto

Johannes Brahms
1833-1897

Klavierquartett Nr. 1, g-moll, op. 25 (1861)

Allegro
Intermezzo: Allegro, ma non troppo –
Trio: Animato – Tempo del Intermezzo –
Coda: Animato
Andante con moto – Animato
Rondo alla Zingarese: Presto

(zu Brahms, Klavierquartett Nr. 1, g-moll, op. 25)

Brahms wagte sich nach angeblich mehr als zwanzig Streichquartetten, die allesamt vernichtet wurden, 1854 ernsthaft an Kammermusik, nun meist unter Einbezug des ihm vertrauten Klaviers. Ab 1855 plante er drei Klavierquartette, von denen zwei 1861 vollendet wurden. Das erste ist trotz den hohen Qualitäten der beiden anderen das beliebteste und bekannteste. Das liegt natürlich vor allem am alla Zingarese-Finale, über dem man die ersten drei Sätze nach dem furiosen Schluss beinahe vergisst. Von der Qualität her ist dies allerdings nicht gerechtfertigt. Das ganze Werk genügt höchsten Ansprüchen, wie auch Schönbergs Bearbeitung für Orchester (1937), die er scherzhaft «Brahms’ Fünfte» nannte, zeigt. Sie wäre nicht entstanden, hätte Schönberg Brahms nicht wegen seiner Technik der entwickelnden Variation und anderer Qualitäten bewundert. Gerade die komplexe Exposition des Kopfsatzes, welche die ersten Hörer verstörte, dürfte eine solche Passage gewesen sein. Dass in Schönbergs Fassung das Finale etwas gar lärmig geraten ist, liegt nicht an Brahms, der auch hier die Dezenz der Kammermusik zu wahren wusste, auch wenn er zeitweise mit Kraft in die Tasten (und in die Saiten) greifen lässt. Der ausgedehnte Kopfsatz lebt von der Spannung des abwärts führenden Hauptthemas, das zunächst vom Klavier allein, dann unisono von den Streichern gespielt wird, und der Cello-Melodie des zweiten Themas. Auf ein Scherzo verzichtet Brahms und stellt, wie auch sonst nicht selten, zwei einander angenäherte Sätze in die Mitte des Werkes. Zuerst ein schwärmerisch halbdunkles Intermezzo in c-moll mit einem in Sexten geführten Hauptthema; es wird von einem belebteren Trio geteilt, das in der Coda wieder auftaucht. Es folgt das einem sanften Menuett angenäherte liedhafte Andante in Es-dur. Sein Mittelteil wächst aus einem pochenden Motiv heraus, wobei der vom Klavier getragene Marschrhythmus (im ¾-Takt!) von den Streichern gespenstisch umspielt wird, bis alle zur Ruhe des Andante zurückfinden. Am Schluss steht der stilisierte ungarische Tanz, der sich bei genauem Hinhören nicht nur als rasanter Kehraus, sondern mit durchaus tragischen Zügen als Gegenstück zum Kopfsatz erweist.

(zu Fauré, Klavierquartett Nr. 1, c-moll, op. 15)

In seinen ebenfalls zwei Klavierquartetten zeigt sich Fauré gegenüber manchen seiner anderen Werke von der schwungvoll-eleganten Seite. Im 1. Quartett überzeugen die Frische und die Balance in allen Stimmen. Obwohl Fauré Pianist war und das Quartett 1880 selber zur Uraufführung brachte, dominiert das Klavier nicht. Der grösste Teil des Werkes entstand 1876 in der Normandie. Das Finale bereitete Fauré grössere Schwierigkeiten; eine erste Fassung von 1879 wurde 1883 weitgehend revidiert. Im Formalen orientiert sich der Komponist an romantischen Vorbildern. Im Klanglichen allerdings gibt er hier sein Bestes. Wunderbar die Ruhe des auf einem kurzen Motiv aufgebauten melancholisch-meditativen Adagios, sublim die nie seichte Leichtigkeit und Eleganz des Scherzos. Dieses, der wohl genialste Satz des Werkes, ist rondoartig nach dem Schema A – B – A – C (eigentliches Trio) – A gebaut. Der Fauré-Biograph J.-M. Nectoux schrieb 1972 dazu: «C’est, retrouvée, la finesse des clavecinistes français du XVIIIe siècle, dans une atmosphère où l’on pressent déjà Verlaine. (...) Par la séduction immédiate qu’il exerce, c’est l’une des clefs de son oeuvre. (...) Il annonce les scherzos des Quatuors à cordes de Debussy et de Ravel.» Im Kopfsatz, einem strengen Sonatensatz, kontrastieren die in Moll bzw. Dur gehaltenen beiden Themen, die man als männlich und weiblich bezeichnen könnte. Das Finale, wiederum ein Sonatensatz, nimmt die Energie des Kopfsatzes auf und führt in einer breit ausgeführten Coda in C-dur die Themen kontrapunktisch zusammen.