Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

599

19.4.1988, 20:15 Uhr (Zyklus A 62. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Carmina Quartett (Zürich)

Enderle, Matthias, Violine 1
Heeg, Karin, Violine 2
Champney, Wendy, Viola
Goerner, Stephan, Violoncello

Das Carmina Quartett darf heute zu Recht als das namhafteste unter den Schweizer Quartetten bezeichnet werden. Das 1984 gegründete Ensemble konnte bald grosse Erfolge aufweisen, so 1987 beim Borciani-Wettbewerb. Im gleichen Jahr trat es erstmals in unseren Konzerten auf; heute ist es zum siebten Mal zu Gast. Das national und international gefragte Quartett plant sein Repertoire äusserst sorgfältig und studiert die ausgewählten Werke mit grösster Gewissenhaftigkeit ein. Dies ist nicht nur in den Konzerten zu hören, sondern auch bei Platteneinspielungen, etwa der Quartette von Ravel, Debussy, Szimanowsky, Haydn oder Brahms. Um so erfreulicher ist es, dass das Carmina Quartett nicht nur das Quartettrepertoire pflegt, sondern immer wieder mit ausgezeichneten Kammermusikpartnern auftritt. Eine der neusten Aufnahmen umfasst Othmar Schoecks «Notturno» mit Olaf Bär. Diese Aufnahme zeigt, dass das Carmina Quartett nicht nur das reine Quartettrepertoire pflegt, sondern immer wieder mit namhaften Partnern auftritt, was in unseren Konzerten - wie auch heute - meistens der Fall war.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 72, C-dur, op. 74, Nr. 1, Hob. III:72 (1793)

Allegro (moderato)
Andantino (grazioso)
Menuetto: Allegro – Trio
Finale: Vivace

Peter Wettstein
1939-

«Janus» für Streichquartett (1987)

Face I
Intermède
Face II

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
1840-1893

Streichquartett Nr. 3, es-moll, op. 30 (1876)

Andante sostenuto – Allegro moderato
Allegretto vivo e scherzando
Andante funebre e doloroso, ma con moto
Finale: Allegro non troppo e risoluto

(zu Tschaikowsky, Streichquartett Nr. 3, es-moll, op. 30)

Die drei Streichquartette Tschaikowskys, neben dem Klaviertrio und dem Streichsextett seine kammermusikalischen Hauptwerke, sind 1871, 1874 und 1876 entstanden; sie sind alle klassisch viersätzig. Ist das erste noch weitgehend musikantisch gehalten, treten schon beim zweiten bei aller Spielfreudigkeit tiefer empfundene und expressivere Teile auf. Das dritte nun dringt in ganz andere Sphären vor. Man hat von «seelischen Abgründen» (A. Werner-Jensen) gesprochen. Wie das spätere Klaviertrio von 1881/82, das ein Requiem für Nikolaj Rubinstein werden sollte, ist es ein Werk «in memoriam». In typisch slawischem (auto-)biographischem Bezug gedenkt Tschaikowsky hier eines Freundes, des 1875 verstorbenen Geigers Ferdinand Laub. Dieser war der Primgeiger bei der Uraufführung der beiden ersten Quartette gewesen. Jetzt soll die Vorherrschaft der ersten Geige das ausdrucksvolle Spiel des Freundes heraufbeschwören und gleichzeitig der eigenen Trauer über den Verlust Ausdruck geben. Die seltene Tonart es-moll mit sechs ♭ trägt das Ihre dazu bei. Die Klagen der Andante-Einleitung mit ihrem chromatischen Beginn (B – Ces – C – Es – D) werden nach dem ebenfalls emotional geprägten Allegro bedeutungsvoll wiederholt. Dieses Allegro nimmt die Chromatik auch gleich selber auf. Einzig das Seitenthema in B-dur wirkt lichter. Die Episode des kurzen Scherzos, ebenfalls in B-dur und im ungewohnten 2/4-Takt, wirkt wie ein Spuk oder, wie man auch gesagt hat, wie eine «dämonische Vision». Sie wird im Trio leicht aufgehellt, was aber die gedrückte Stimmung kaum unterbricht. Diese wird im trauermarschähnlichen, in der Grundtonart es-moll stehenden langsamen Satz wieder aufgenommen. Neben verbalen Bezeichnungen wie funebre, doloroso, piangendo oder con dolore weisen die Anklänge an die Totenmesse der russisch-orthodoxen Kirche in den Tonwiederholungen der zweiten Geige auf den Charakter eines Trauergesanges hin. Erst das musikantische, wenn auch konventionelle und eher kurze Rondo bricht mit dieser Stimmung und lässt das Werk im dreifachen Forte in Es-dur ausklingen. Das Quartett wurde am 18. März 1876 im Haus von Nikolaj Rubinstein erstmals aufgeführt.

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 72, C-dur, op. 74, Nr. 1, Hob. III:72)

Am 12. Februar 1797, am Geburtstag des deutschen Kaisers Franz II. (ab 1806 als Franz I. noch Kaiser Österreichs), erklang im Wiener Nationaltheater erstmals jene Melodie Haydns, welche seine beliebteste werden sollte: das Kaiserlied (Text von Lorenz Leopold Haschka). Es wurde mit neuem Text von Johann Gabriel Seidl zur österreichischen Nationalhymne (bis 1918); seit 1922 ist es mit Hoffmann von Fallerslebens Text von 1841 die deutsche. Die Idee für eine derartige Hymne hatte Haydn in England erhalten. Er hat sie bis zu seinem Lebensende täglich auf dem Klavier gespielt. Das «Kaiserquartett» trägt seinen Beinamen aufgrund dieses Themas, das als Cantus firmus variiert, d.h. umspielt wird, darf aber auch in den übrigen Teilen als kaiserlich gelten. Es strahlt generell Glanz und Monumentalität aus und ist das sinfonischste der sechs Quartette op. 76. Die Themen der übrigen Sätze weisen eine gewisse Verwandtschaft mit der Kaiserhymne auf, die somit als Kern des ganzen Werkes gelten darf. Der Kopfsatz bereitet den Variationensatz vor, das robust-simple Menuett ist ein kräftiger Tanz, unterbrochen von einem Trio in sanftem a-moll; das Finale führt von unruhigem c-moll über verschiedene Zwischenstationen (u.a. G-dur) ad astra bzw. zum Licht, d.h. zum kaiserlichen C-dur.