Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

60

28.11.1933, 20:15 Uhr ( 8. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Basler Streichquartett [1926-1947] (Basel)

Hirt, Fritz, Violine 1
Felicani, Rodolfo, Violine 2
Bertschmann, Albert, Viola
Wenzinger, August, Violoncello

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 1, F-dur, op. 18, Nr. 1 (1798/1800)

Allegro con brio
Adagio affetuoso ed appassionato
Scherzo: Allegro molto – Trio
Allegro

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 9, g-moll, op. post., D 173 (1815)

Allegro con brio
Andantino
Menuetto: Allegro vivace – Trio
Allegro

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 48, F-dur, op. 50, Nr. 5, Hob. III:48 «Der Traum» (1784–87)

Allegro moderato
Poco Adagio
Menuetto: Allegretto
Finale: Vivace

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 1, F-dur, op. 18, Nr. 1)

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch die unvollständige Serie des op. 77. Nach einer Vermutung von H. C. Robbins Landon hat Haydn sogar aufgrund des Erscheinens der Beethoven-Quartette op. 18 1801 seine letzte Sechserserie nicht zu Ende geführt – das bleibt allerdings unsicher. Natürlich wurzeln die sechs Quartette des op. 18 noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. Äusserlich wird dies sichtbar an der Bezeichnung des Tanzsatzes, dem Beethoven in der Form des Scherzos eine neue Dimension gibt. Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3. Gerade Nr. 1, eigentlich als zweites entstanden, wurde in den beiden ersten Sätzen besonders stark überarbeitet und geht nun den entscheidenden Schritt über Haydn hinaus. Kein Wunder, dass es Beethoven darum an den Anfang der Serie gestellt hat. Darum schrieb er 1801, im Jahr des Erscheinens der dem Fürsten Lobkowitz (dem Auftraggeber?) gewidmeten Quartette, auch an seinen Freund Karl Amenda, dem er das F-dur-Quartett zunächst zugeeignet hatte: Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss. Der erste Satz treibt jetzt die motivische Arbeit auf die Spitze, beruht er doch beinahe ganz auf einem Zweitaktmotiv – Reduktion einer langen Auseinandersetzung mit dem Material auf elf Seiten Skizzen. Das unisono auftretende Hauptmotiv wird in einer Weise verarbeitet, die selbst Haydns Monothematismus in den Schatten stellt. Im d-moll-Adagio, einer ganz neuartig dramatisch-expressiven Szene, sei, wie Amenda weiss, die Grabszene aus "Romeo und Julia" gemeint. Während das synkopierte Scherzo geradezu Verwirrung stiftet, lebt das Finale, mit seinen Sechzehnteltriolen noch in der Tradition Haydns stehend, von Bewegung und Spielfreude.

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 48, F-dur, op. 50, Nr. 5, Hob. III:48 «Der Traum»)

Das zuletzt geschrieben fünfte Quartett ist ein heiteres Stück in gelöster Stimmung. Besonders schön ist hier ruhige und zarte, meist piano erklingende langsame Satz. Auch hier ist das f-moll-Trio bloss eine Variante des Menuetts. Das Finale ist wie der Kopfsatz weitgehend monothematisch und endet überraschend in einer Coda, die Satzanfang und Ende der Exposition zusammenfasst.

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 9, g-moll, op. post., D 173)

Schuberts Quartettschaffen ist, vom Quartettsatz D 703 abgesehen, in zwei klar getrennte Abschnitte gegliedert. In die erste Phase gehören rund 16 Werke (12 vollständig überliefert, einige verschollen oder nur in Einzelsätzen erhalten). Die Hälfte davon entstand 1812/13 in rascher Folge. Gemeinsam ist ihnen (bis auf das E-dur-Quartett D 353), dass sie für den Hausgebrauch geschrieben wurden und ihre erste Aufführung durch das schubertsche Familienquartett erfuhren. Während die zur selben Zeit entstandenen Lieder (1813 zahlreiche auf Texte von Schiller) auf höhere Ambitionen schliessen lassen, bleiben die Quartette eher bescheiden, was nicht heisst, dass Schubert nicht experimentiert hätte.

Im Oktober 1815 schreibt er mit dem Erlkönig das Lied, das er später zu seinem Opus 1 bestimmte. Ein halbes Jahr vorher entstand das g-moll-Quartett. «Stärker als in anderen Quartetten der Zeit hat Schubert in seinem ersten Moll-Quartett den ‘klassizistischen’ Aspekt betont (straffe Formgliederung, kontrapunktische Durchführungsarbeit, thematische Verknüpfung der Sätze). Auch der melodische Tonfall erinnert bisweilen an ’Klassisches’, so an Beethovens Quartett op. 18 Nr. 2 (Finale) im ersten Satz und an Mozarts g-moll-Sinfonie (einem Lieblingsstück Schuberts) im Menuett» (M. Lichtenfeld).