Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

600

3.5.1988, 20:15 Uhr (Zyklus A 62. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Orlando-Quartett (Utrecht)

Harding, John, Violine 1
Oberdorfer, Heinz, Violine 2
Erblich, Ferdinand, Viola
Metz, Stefan, Violoncello

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. post. 125, Nr. 1, D 87 (1813)

Allegro moderato
Scherzo: Prestissimo – Trio
Adagio
Allegro

Ernst Krenek
1900-1991

Streichquartett Nr. 5, op. 65 (1930)

Sonate: Allegro, molto deciso ed energico
Thema und Variationen
Thema: Sostenuto –
1 Allegro – 2 Andante – 3 Andantino tranquillo –
4 Allegro, molto moderato, energico – 5 Moderato molto, etwas frei –
6 Allegro vivace – 7 (Canon) Andante moderato –
8 Allegro risoluto – 9 Andante sostenuto –
10 (Chaconne) Andante con moto (fliessend)
Phantasie: Adagio – Andante – Adagio – Più lento

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 13, a-moll, op. 29, D 804 «Rosamunde» (1824)

Allegro ma non troppo
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro moderato

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 13, a-moll, op. 29, D 804 «Rosamunde»)

Schuberts a-moll-Quartett sei, so äusserte sich dessen Freund, der Maler Moritz von Schwind, «im ganzen sehr weich, aber von der Art, dass einem Melodie bleibt wie von Liedern, ganz Empfindung». In der Tat klingen in diesem ersten vollgültigen Quartett nach dem grossen Entwicklungsschub im Instrumentalen der Jahre 1822–24 Lieder an: Im 1. Satz, der ganz «weich» zwischen der Unruhe der Begleitfiguren und der Ruhe der Kantilene schwankt, das (für Schuberts kurzes Leben lange) zehn Jahre ältere Gretchen-Lied «Meine Ruh ist hin» (D 118). Im so gar nicht tanzhaften Menuett erklingt im Cello ein Motiv, das an den Beginn des Schiller-Liedes «Die Götter Griechenlands» (D 677, 1819) erinnert, das A-dur-Trio zitiert daraus die Melodie zum Text «Kehre wieder, holdes Blütenalter der Natur». Im zweiten Satz verwendet Schubert 16 Takte lang – im Gegensatz zum zeitgleich geplanten d-moll-Schwesterwerk – kein Lied; er schreibt auch keine Variationen zum Thema des 2. Entre-Act aus der Schauspielmusik zu «Rosamunde» (das holt er im B-dur-Impromptu D 935/3 nach). Es dient im Schauspiel dem nachdenklichen Zurückblicken – und so empfinden wir alle Zitate und Anklänge im ganzen Quartett. Auch die ungarisierenden alla zingarese-Anklänge im Finale könnten diese Funktion haben. Es ist also nicht, wie man lange glaubte, Schuberts Unfähigkeit, unabhängig von Liedern zu komponieren, vielmehr ein gezieltes, in der entscheidenden Phase der Neuorientierung reflektierendes Zurückblicken.

(zu Schubert, Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. post. 125, Nr. 1, D 87)

Das Es-dur-Quartett mit der merkwürdigen Opuszahl 125/1 ist eines der bekanntesten Jugendquartette Schuberts. Noch merkwürdiger aber ist, dass man zum Teil bis ins 20. Jahrhunderts gemeint hat, das Werk sei 1824, also etwa gleichzeitig mit den Quartetten «Rosamunde» und «Tod und das Mädchen» entstanden. Vielleicht liegt der Bekanntheitsgrad des Werks – neben durchaus vorhandenen Qualitäten – auch daran. Zweifel an dieser Datierung waren bei der Gesamtausgabe (Alte Gesamtausgabe, Serie V, Streichquartette, 1890) aufgekommen. Die damals vermutete Entstehung «um 1817» (darum die Nr. 10 statt der richtigeren Nr. 7) erwies sich aber noch einmal als falsch, als das fragmentarische Autograph gefunden wurde: November 1813 ist richtig. Das Werk ist also eines der zahlreichen von Schubert für das Familienquartett geschriebenen Streichquartette, und zwar das letzte während Schuberts Zeit im Schulkonvikt, das er eben im November 1813 verliess, um sich nach dem Vorbild seines Vaters für den Beruf eines Volksschullehrers ausbilden zu lassen. Die Opuszahl kam dadurch zustande, dass die Verleger, die nach dessen Tod Werke Schuberts herausbrachten, die bereits vorhandenen Opuszahlen fortsetzten. Schubert selbst hatte noch vor seinem Tod die Opusnummern 98f., 101-105 und 108 an Werke vergeben, welche er zur Veröffentlichung vorsah. Bekannt sind etwa die nur noch geplante Opuszahl 99 (op. post.; D 898) und das noch zu Lebzeiten erschienene op. 100 (D 929) für die beiden Klaviertrios. Spätere Opuszahlen stammen nicht mehr von Schubert. Das Es-dur-Quartett erschien zusammen mit dem Quartett in E-dur D 353 von 1816 (op. 125/2) im Jahre 1830 bei Joseph Czerny in Wien. Dabei hat vermutlich der Verleger das Scherzo an die zweite Stelle gesetzt, was bei Schuberts Sinfonien, Quartetten und Klaviersonaten ganz aussergewöhnlich wäre. Der lyrische Kopfsatz verzichtet auf markante Themen und setzt sie auch nicht wirklich gegeneinander ab. Das folgende Scherzo sprüht vor Vitalität, die sich auch in äusserster Kürze bemerkbar macht. Sein Trio in c-moll gibt sich über Bordunquinten des Cellos als besinnlicher Ländler. Das sangliche Adagio – das einzige in Schuberts Quartettschaffen unter lauter Andante-Sätzen – steht überraschend ebenfalls in Es-dur; es kennt keine Ausbrüche, wie sie manchen Andante-Sätzen und erst recht dem späten Schubert eigen sind, und klingt geradezu andächtig. Überschäumende Spielfreude ist dem als Sonatensatz gestalteten Finale eigen, was grosse Wirkung tut; ein wunderbar sangliches zweites Thema setzt dazu den Kontrast.