Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

609

2.5.1989, 20:15 Uhr (Zyklus A 63. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Tokyo String Quartet (New York)

Oundjian, Peter, Violine 1
Ikeda, Kikuei, Violine 2
Isomura, Kazuhide, Viola
Harada, Sadao, Violoncello

Das Toyko String Quartet wurde von Studenten der Musikhochschule Tokio während ihres Studiums bei Mitgliedern des Juilliard String Quartets (Robert Mann, Raphael Hillyer und Claus Adam) an der Juilliard School New York 1969 offiziell gegründet. 1970 gewann es den ARD-Wettbewerb in München, was eine weltweite Karriere einleitete. Bald galt es als eines der hervorragendsten Quartette überhaupt, bald erschienen auch gerühmte Platten, so die Einspielung der Quartette op. 50 von Haydn (1973). Seither hat es über 40 Aufnahmen gemacht, darunter Gesamtaufnahmen von Beethoven, Schubert und Bartók. Zum Jubiläum gab das Quartett 2009 eine Reihe Konzerte in der Oji Hall von Tokio unter dem Motto «Yesterday (Debütprogramm in New York von 1970 mit Beethoven, Berg, Bartók) – Today (Programm gemäss Publikums-Abstimmung per Internet) – Tomorrow (Musik eines jungen japanischen Komponisten)». Die vier Quartettmitglieder spielen Stradivari-Instrumente, die, weil sie in Paganinis Besitz waren, «Paganini Quartett» genannt werden. Mit den Jahren hat es Besetzungswechsel gegeben. So hat etwa 1996 Mikhail Kopelman, zuvor Primarius beim Borodin Quartett, den 1981 für Koichiro Harada eingewechselten Peter Oundjian abgelöst. Von der ursprünglichen Besetzung ist heute noch der Bratscher dabei. Martin Beaver kam als letzter 2002 neu hinzu, Clive Greensmith 1999, Kikuei Ikeda 1974. Das Ensemble ist natürlich auch in unseren Konzerten aufgetreten: 1981, 1983, 1989 und zuletzt – in der heutigen Besetzung – am 1. Dezember 2009 mit Schubert, Berg und Brahms.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 73, F-dur, op. 74, Nr. 2, Hob. III:73 (1793)

Allegro spirituoso
Andante grazioso
Menuetto: Allegro
Finale: Presto

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 3, Sz 85 (1927)

Prima parte: Moderato –
Seconda parte: Allegro –
Recapitulazione della 1a parte: Moderato
Coda: Allegro molto

Alexander Borodin
1833-1887

Streichquartett Nr. 2, D-dur (1880/81)

Allegro moderato
Scherzo: Allegro
Notturno: Andante
Finale: Andante – Vivace

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 73, F-dur, op. 74, Nr. 2, Hob. III:73)

Haydns Apponyi-Quartette sind die ersten für den grossen Konzertsaal geschriebenen Streichquartette. Was Haydn bereits in den für London komponierten Sinfonien gelungen ist, überträgt er hier auf die Kammermusik. Besonders das F-dur-Quartett hat, wie zu Beginn hörbar, sinfonischen Charakter: Ein achttaktiges Unisono-Signal eröffnet das Werk; daraus wird das Thema des monothematischen Kopfsatzes entwickelt. Das Andante gibt sich als unkomplizierte Variationenfolge (3 Variationen und Coda). Im Menuett kontrastiert das zarte Trio in Des-dur mit dem Ernst des Hauptteils. Grandios auftrumpfend das Finale: ein Sonatenrondo ohne Wiederholung, das unverkennbar zu Beethoven hinführt. Die lange Coda kulminiert fortissimo auf einem Orgelpunkt, bevor das Hauptthema nochmals auftritt und den Satz rasch zu Ende führt.

(zu Bartók, Streichquartett Nr. 3, Sz 85)

Bartóks knappstes, konzentriertestes Quartett war damals das kühnste seiner Werke und durfte als repräsentativ für moderne Musik gelten, selbst im Vergleich mit den Werken des Schönberg-Kreises. Adorno hielt es damals für «fraglos die beste von des Ungarn bisherigen Arbeiten» und bewunderte die «Formkraft des Stückes, die stählerne Konzentration, die ganz originale, aufs genaueste Bartóks aktueller Lage angemessene Tektonik». Die Recapitulazione bildet die Reprise des 1. Satzes, die Coda nimmt, ebenfalls reprisenhaft, Material der Seconda parte wieder auf. Dies ergibt eine ungeheure Geschlossenheit. Dazu kommt, dass die Motive auf zwei oder drei beschränkt sind; aus ihnen wird das gesamte Material des ganzen Werkes abgeleitet. Neu ist vor allem die Lösung von romantischen und vordergründig folkloristischen Anklängen und besonders die in ihren harmonischen Schärfen und in der kontrapunktischen Kompromisslosigkeit noch nie gehörten, dem Streicherklang bisher fremden Farben.

(zu Borodin, Streichquartett Nr. 2, D-dur)

Über Borodin hört man manchmal die Frage, ob er ein komponierender Wissenschaftler oder ein wissenschaftlicher Komponist gewesen sei. Zweifellos war er eine grosse Doppelbegabung. Hauptamtlich war er (innovativer) Wissenschaftler, Mediziner, dann Chemieprofessor in Petersburg. Komponieren konnte er nur nebenher. Bei seiner Weiterausbildung nach der Promotion in Medizin lernte er in Heidelberg seine Frau kennen (und daneben in Mannheim die Musik Wagners). Sie war eine grosse Musikliebhaberin; ihr hat er das 2. Streichquartett gewidmet – und das hört man dem Werk an. War im 1. Quartett der Ausgangspunkt Beethoven gewesen (mit einem Zitat aus op. 130), so ist im 2. Quartett russische Melodik bestimmend. Dazu trägt das Cello bei, das Borodin selbst ausgezeichnet spielte. So wurde nicht zufällig das ausdrucksstarke Notturno zum beliebtesten Satz des Werkes. Elegant-lyrisch gibt sich der Kopfsatz, das originelle Scherzo in freier Form, das sein gesamtes Material aus den ersten Tönen bezieht, lässt im Trio einen Walzer anklingen. Am ehesten erinnert das Finale an Beethoven. Das einleitende Andante stellt das Material vor (Unisono-Passagen) und unterbricht später den locker dahin fliessenden Ablauf des Hauptteils.