Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

622

23.10.1990, 20:15 Uhr (Zyklus A 65. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Arditti Quartet (London)
Brenda Mitchell, Sopran

Arditti, Irvine, Violine 1
Alberman, David, Violine 2
Knox, Garth, Viola
de Saram, Rohan, Violoncello

Mitchell, Brenda, Sopran

Fast 400 Werke für Streichquartett, dazu rund 80 für Streichtrio, mit weiteren Instrumenten oder mit Orchester (z.B. beim Basler Musik Forum am 24.11.94) stehen auf der Repertoireliste des Arditti-Quartetts. Nur gerade drei Streichquartette - sieht man von Beethovens Grosser Fuge ab - gehören nicht dem 20. Jahrhundert an: Nr. 2 von Carl Nielsen (1890/91), Debussy (1893) und Schönbergs Nr. 1 (1897). Die neusten stammen aus dem laufenden Jahr. Welches Quartett könnte da noch mithalten? Seit seiner Gründung an der Royal Academy of Music in London im Jahre 1974 ist das Arditti-Quartett seiner Konzeption treu geblieben, nur Werke der klassischen Moderne, der neuen und neusten Zeit zu spielen. Scelsi, Harvey, Ferneyhough Nr. 3 und Nr. 4 (als Uraufführung unseres Auftragswerks), Berg, Webern und Schönberg haben die vier Musiker bisher (1989 und 1990) bei uns gespielt: ein knapper, aber guter Querschnitt durch ihr Repertoire. Nicht nur "Weltmeister im Uraufführen" (wie die Basler Zeitung einst titelte) sind die Arditti-Musiker, sondern unbestritten auch Garanten für die höchst kompetente Interpretation Neuer Musik, wofür sie zahlreiche Preise entgegennehmen durften.- Der Geiger Graeme Jennings löste 1994 David Alberman am zweiten Pult ab.

Alban Berg
1885-1935

Streichquartett op. 3 (1909/10/24)

Langsam
Mässige Viertel

Brian Ferneyhough
1943-

Streichquartett Nr. 4 in vier Sätzen, 2. und 4. Satz mit Singstimme. Text: Jackson Mac Low (nach Ezra Pound) (1987/90)


Anton Webern
1883-1945

Streichquartett Nr. 2 (Drei Stücke für Streichquartett, op. 3, Nr. 3) mit Singstimme, Urfassung. Text: Anton Webern (1909-11)

Bewegt – Langsam – Nicht zu langsam

Arnold Schönberg
1874-1951

Streichquartett Nr. 2, fis-moll, op. 10, mit Singstimme im 3. und 4. Satz, Gedichte von Stefan George (1907/08)

Mässig
Sehr rasch
LITANEI: Langsam
ENTRUECKUNG: Sehr langsam

(zu Schönberg, Streichquartett Nr. 2, fis-moll, op. 10, mit Singstimme im 3. und 4. Satz, Gedichte von Stefan George)

Der die «Luft von anderem Planeten» als erster gespürt, sie seinen Schülern vermittelt und zudem den George-Text an entscheidender Stelle vertont hat, war Schönberg. Das 2. Streichquartett ist das Werk dieses Übergangs, bei dem sich einerseits Tonartenbindung (fis-moll im Kopfsatz) und andererseits der Verzicht auf die feste Einbindung ins Tonartensystem (im 2. Satz mit dem Volksliedzitat) finden. Merkwürdigerweise ist dieses Quartett wie dasjenige Bergs, wenn auch mit vertauschten Rollen, eng mit der Beziehung zu einer Frau verbunden. Auch Schönberg bedient sich eines unüberhörbaren Zitats, und auch Zemlinsky ist beteiligt, dazu am Rande Webern. Schönberg war nicht nur Schüler Zemlinskys, der sein einziger Lehrer war, er hatte 1901 auch dessen Schwester Mathilde geheiratet. Diese hat ihn 1907 mit dem Maler Richard Gerstl betrogen und verlassen, was Schönberg in eine tiefe Krise stürzte. Es gelang zwar Webern, Mathilde und Schönberg wieder zusammenzubringen – doch da war nichts mehr wie früher. Das Zitat «O du lieber Augustin, alles ist hin...» im 2. Satz gibt dieser Stimmung Ausdruck. Neu an diesem Quartett ist der Einbezug der Singstimme. Was in der Sinfonie seit Beethoven nicht häufig, doch möglich und seit Mahler gängig geworden war, bedeutete in einem Streichquartett beinahe einen Tabubruch. Auch in den beiden «Vokalsätzen», in denen die Singstimme in den Streichersatz eingebaut ist, wird die feste Grundierung auf einer Tonart aufgehoben. Dazu kommt die in Georges Texten ausgedrückte Lösung vom Irdischen ins geradezu Mystische. Die neue Musik Schönbergs, welche damals Skandale auslöste, und die seiner Schüler musste wie «Luft von anderem Planeten» wirken: Neue Welten öffnen sich. Und so ist Schönbergs Wahl gerade dieser Texte und speziell des Gedichts «Entrückung» mehr als nur die Klage über den Verlust, wie es «Litanei» zunächst nahe legen könnte, sondern bedeutet das bewusste Verlassen gewohnter Wege und Suche nach Neuem. 1923 wird sich dies definitiv in der Kompositionstechnik «mit zwölf nur aufeinanderbezogenen Tönen» erfüllen.

(zu Webern, Streichquartett Nr. 2 (Drei Stücke für Streichquartett, op. 3, Nr. 3) mit Singstimme, Urfassung. Text: Anton Webern)

Mit freundlicher Genehmigung der Paul Sacher-Stiftung

(zu Berg, Streichquartett op. 3)

Das Streichquartett op. 3 ist das letzte Werk, das Alban Berg während seines 1910 beendeten Studiums bei Schönberg und unter dessen Aufsicht – „direkt von Schönberg empfangen“ nannte es Berg – komponiert hat. Er widmete es Helene Nahowski, die gegen den Willen ihrer Familie bald darauf seine Frau werden sollte. Die Uraufführung fand am 24. April 1911 in Wien durch ein ad hoc-Quartett statt. Den Durchbruch sollte das Werk aber erst nach der Aufführung vom 2. August 1923 durch das Havemann-Quartett vor versammelter Kritik beim Salzburger Kammermusikfest erlangen. Weitere offenbar sehr erfolgreiche Aufführungen folgten. Dies veranlasste Berg 1924 wohl auch zur Revision des Werks für die Universal Edition. Die beiden Sätze sind im Tempo angeglichen, etwa gleich lang und im Material eng verwandt. Noch 1935 hat Berg daran gedacht, einen kurzen Mittelsatz einzuschieben, um die beiden (zu) ähnlichen Sätze zu trennen. Sie beginnen beide mit einer heftigen Geste der 2. bzw. der 1. Violine. Die Themen, welche zudem alle untereinander motivisch verbunden und verwandt sind, machen es einem nicht leicht, beim Hören der Satzform zu folgen, obwohl es sich um einen Sonatensatz und um ein Sonatenrondo handelt. (Wie wichtig strenge Formen für Berg waren, zeigen seine anderen Werke, etwa Wozzeck.) Die Themen selber verschleifen diese Formen für das Ohr geradezu, zumal sie intensiv verarbeitet werden. So ist für den Hörer ohne Partitur ein vor allem rhythmisch auffälliges Motiv viel leichter verfolgbar, das gleich am Beginn pianissimo in Bratsche und Cello auftaucht. Eindrücklich sind Klanglichkeit und Farbigkeit des Stücks; Berg fordert mit genauen Vortragsvorschriften dafür mannigfache Spieltechniken. Dass ihm neben den expressiven Ausbrüchen durchaus auch der Wohlklang wichtig war, zeigt er im Brief an seine Frau nach der erwähnten Salzburger Aufführung: „Es war künstlerisch der schönste Abend meines Lebens. (...) Trotz meiner grossen Aufregung (...) schwelgte ich in dem Wohlklang und der feierlichen Süsse und Schwärmerei dieser Musik. Du kannst Dir’s nach dem, was Du bisher gehört hast, nicht vorstellen. Die sogenannt wildesten und gewagtesten Stellen waren eitel Wohlklang im klassischen Sinn.“

(zu Ferneyhough, Streichquartett Nr. 4 in vier Sätzen, 2. und 4. Satz mit Singstimme. Text: Jackson Mac Low (nach Ezra Pound))

Auftragswerk der Gesellschaft für Kammermusik mit Unterstützung des Lotteriefonds Basel-Stadt