Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

628

26.2.1991, 20:15 Uhr (Zyklus A 65. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Hagen Quartett (Salzburg)

Hagen, Lukas, Violine 1
Schmidt, Rainer, Violine 2
Hagen, Veronika, Viola
Hagen, Clemens, Violoncello

Das berühmteste und bedeutendste unter den heute wirkenden Familienquartetten hat seine Ausbildung am Salzburger Mozarteum, später in Basel, Hannover und Philadelphia erhalten. Lehrer und Mentoren waren Hatto Beyerle, Heinrich Schiff und Walter Levin. Die Begegnungen mit Nikolaus Harnoncourt und Gidon Kremer, der das Quartett schon früh nach Lockenhaus eingeladen und immer wieder in seine kammermusikalischen Projekte einbezogen hat, haben den musikalischen Blickwinkel des Ensembles ungemein erweitert. 1981 waren dem Quartett in Lockenhaus der Preis der Künstlerjury und der Publikumspreis zuerkannt worden, 1982 folgte der erste Preis in Portsmouth, 1983 die Auszeichnungen in Evian, Bordeaux und Banff. Seither zählt das Hagen Quartett zu den weltweit etablierten und anerkannten Meisterquartetten. Seine Platteneinspielungen sind besonders sorgfältig ausgewählt und ausgearbeitet. Sie belegen wie die Konzertprogramme das Selbstbewusstsein und Wandlungsvermögen in den unterschiedlichsten Stilen von Bach bis Ligeti und Lutoslawski.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2 (1798/1800)

Allegro
Adagio cantabile – Allegro
Scherzo: Allegro – Trio
Allegro molto quasi Presto

Alfred Schnittke
1934-1998

Streichquartett Nr. 3 (1983)

Andante –
Agitato –
Pesante

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b) (1783)

Allegro (moderato)
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto, ma non troppo (con variazioni)

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 2, G-dur, op. 18, No. 2)

Mit Beethovens Opus 18 steht die Komposition von Streichquartetten im Moment eines entscheidenden Wandels. Es ist kein Zufall, dass dies genau im Zeitpunkt der Jahrhundertwende geschah: Die Klassik eines Haydn und Mozart, die noch vor nicht allzu langer Zeit im Gewande des Rokoko daher gekommen war, neigte sich ihrem Ende zu, eine neue Klassik, die sich mit romantischen Elementen verbinden sollte, stand am Horizont. 1797 hatte Haydn die Quartette op. 76 komponiert und sie 1799 veröffentlicht; in diesem Jahr entstand auch das unvollständige op. 77. Zur gleichen Zeit arbeitete Beethoven erstmals an Streichquartetten. Zuvor oder gleichzeitig hatte er sich in erstaunlicher Weise fast allen Kammermusikgattungen gewidmet und folgende Werke einer Opuszahl, d.h. der Veröffentlichung gewürdigt: Klaviertrios (op.1; um 1794), Klaviersonaten (op. 2, 7, 10, 13 und 14; 1795-99), Streichquintett (op. 4 nach einem früheren Bläseroktett), Cellosonaten (op. 5; 1796), Streichtrios (op.3, 8 und 9; 1798), Violinsonaten (op.12; 1797), Klavierquintett mit Bläsern (op.16; 1796), Hornsonate (op. 17; 1800). Jetzt war die Zeit reif, fühlte er sich reif für die Komposition und Veröffentlichung von Quartetten - kurz danach sollte die 1. Sinfonie folgen.

Natürlich wurzeln die sechs Quartette noch im 18. Jahrhundert und berufen sich auf Haydn und Mozart. Noch einmal taucht auch jene Sechserzahl für ein Opus auf, die für Haydn die Regel gewesen war. Sie zeigen aber auch die Suche nach dem eigenen Stil. (...)

Im Jahre 1800, nach Abschluss aller sechs Quartette, überarbeitete Beethoven die Nummern 1 bis 3 grundlegend. 1801, im Jahr des Erscheinens der dem Fürsten Lobkowitz (dem Auftraggeber?) gewidmeten Quartette, schrieb er an Freund Karl Amenda, dem er das F-dur-Quartett zunächst zugeeignet hatte: "Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss."

In der Tat kann man die drei ersten Quartette teilweise noch der Spielmusik - wenn auch auf höchstem Niveau - des 18. Jahrhunderts zuweisen. Das wird am 2. Quartett deutlich, dem man im 19. Jahrhundert wegen seiner galanten "Verbeugungen" den Namen "Komplimentierquartett" gegeben hat. Gerade hier aber ist das Scherzo voll entwickelt. (...)

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 15, d-moll, KV 421 (417b))

Die Tonart d-moll gibt Mozart immer Anlass zu besonderer Intensität, so auch hier. Im Sotto voce-Einsatz wird zuerst die Erregung zurückgedrängt, doch kommt sie bald im Forte zum Ausbruch, und auch die Bewegung steigert sich ständig. Die Schönheit des Andante bringt Beruhigung; es ist aber kleingliedrig und von Pausen durchbrochen. Die Schroffheit des Menuetts kippt im Trio in fast unwirkliche Eleganz und Leichtigkeit, so als hätten wir es mit einer Serenade zu tun. Das Finale orientiert sich zwar an Haydns Finalthema aus op. 33/5, aber Mozarts d-moll ist weit entfernt von Haydns G-dur-Leichtigkeit. - -

Das d-moll-Quartett weist im typisch mozartschem Mollcharakter voller Erregung und in dunkler Klangsprache - wozu im Kopfsatz Intervallsprünge und herbe Dissonanzen treten - Neuartiges auf. Im Menuett kontrastiert die dunkle Färbung mit dem heiteren Serenadenton des Trios. Das Variationen-Finale greift sowohl im Siciliano-Rhythmus wie in der Melodik unüberhörbar auf Haydn selbst zurück: auf seine Finalvariationen in op. 33/5, werden aber harmonisch und modulatorisch neu gedeutet.

(zu Schnittke, Streichquartett Nr. 3)

Alfred Schnittke entstammt einer deutsch-jüdischen Familie und wurde in Engels an der Wolga geboren. Zwölfjährig kam er nach Wien, 1953-58 studierte er am Moskauer Konservatorium, 1962-72 lehrte er dort selber. Seit 1985 war er gesundheitlich stark beeinträchtigt. Gleichwohl übernahm er 1989 eine Kompositionsklasse in Hamburg, wo er bis zu seinem Tod meist lebte. 1990 erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit. Schnittke hat sich zunächst intensiv mit Bartók, Strawinsky und der 2. Wiener Schule auseinandergesetzt, später mit den modernsten Richtungen der neuen Musik. Wichtig war 1963 die Begegnung mit Luigi Nono in Moskau. Seinen Stil prägte seit Ende der sechziger Jahre die von ihm so bezeichnete Polystilistik. Er verstand darunter Rückgriffe in Zitaten oder Anspielungen auf andere Stilepochen und andere musikalische Bereiche. Er verwendet diese aber nicht in Form der Collage, sondern um eine Zusammenführung verschiedener musikalischer Schichten zu erreichen, indem er sie verfremdet, bricht und verbindet. Dies geschieht manchmal mit Ironie (Moz-Art-Serie), meist aber ernsthaft, etwa durch eine Art Hineinmontieren und intensives Verarbeiten der Anspielungen, so im 3. Streichquartett, einer Auftragskomposition der Gesellschaft für Neue Musik Mannheim. Es beginnt mit drei Zitaten: einer Kadenzfloskel aus Orlando di Lassos Stabat Mater (1582), dem Hauptthema von Beethovens Grosser Fuge und den von Schostakowitsch öfters benutzten (10. Sinfonie, 8. Streichquartett) eigenen Initialen D-eS-C-H; dieses gleicht mit der aufsteigenden und fallenden kleinen Sekund den ersten vier Tönen von Beethovens Fugenthema. Aus diesem Material wird durchführungsmässig der Satz gestaltet. Als viertes Thema kommt eine Tonfolge mit Quart, Sekund und doppeltem Tritonus hinzu; man hat es als das Schnittke-Thema bezeichnet. Das gleiche Material, immer stärker variiert und aufgespalten, bestimmt den zweiten, scherzohaften Satz. Der heftigen Bewegung mit mehreren Steigerungen werden Phasen der Erstarrung gegenübergestellt. Der Pesante-Satz beginnt voller Pathos, dem sich wiederum Bewegungslosigkeit entgegenstellt. Die Zitatthemen und das 4. Thema tauchen wieder auf, allerdings meist nicht mehr selbständig, sondern in engem Beziehungsgeflecht. Zum Schluss erklingt im Pizzicato das DSCH-Motiv – und alles verklingt morendo.