Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

643

10.11.1992, 20:15 Uhr (Zyklus B 67. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Glasunow-Quartett (Moskau)

Lichopoj, Natalia, Violine 1
Charitonowa, Jelena, Violine 2
Peskowa, Inna, Viola
Jerofejewa, Jelena, Violoncello

Alexander Glasunow
1865-1936

Suite für Streichquartett, C-dur, op. 35, G 58 (1887/91)

Introduktion und Fuge: Andante – Allegro moderato
Scherzo: Allegro
Orientale: Andante
Thema: Moderato, mit 5 Variationen:
Tranquillo: Allegro –
Mistico: Andante –
Scherzo: Allegretto Scherzando –
Pensieroso: Andante sostenuto –
Alla Polacca
Walzer

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 5, B-dur, op. 92 (1951)

Allegro non troppo
Andante – Andantino – Andante –
Moderato – Allegretto – Andante

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
1840-1893

Streichquartett Nr. 1, D-dur, op. 11 (1871)

Moderato e semplice – Poco più mosso – Allegro non troppo, ma con fuoco
Andante cantabile
Scherzo: Allegro non tanto e con fuoco
Finale: Allegro giusto – Allegro vivace

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 5, B-dur, op. 92)

Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde noch vor dem 4. (UA 3.12.1953) am 13. November 1953 das 5. Quartett uraufgeführt, beide in Moskau vom Beethoven Quartett. Schostakowitsch hatte das dem Beethoven Quartett zum 30jährigen Bestehen gewidmete neue Quartett am 7. September 1952 begonnen und am 1. November vollendet. Damit hatte er zum üblichen raschen Komponieren zurückgefunden. Das Werk hat drei etwa gleich lange Sätze und wird durch Überleitungen in eine einheitliche Grossform gegossen. Musikalisch besteht eine Verbindung zur im Sommer/Herbst 1953 komponierten 10. Sinfonie. Das Werk ist herber, impulsiver und sinfonischer als das 4. Quartett, gleichwohl reich an leisen und verinnerlichten Tönen. Der Kopfsatz beginnt mit einem Basston im Cello und einem dreitönigen Motiv in Halbtonschritten der Geigen. Dazwischen nimmt die Bratsche mit einem markanten Motiv zweimal Anlauf, bevor sie daraus das Hauptthema entfaltet; es besteht aus einem punktierten Achtel und Sechzehntel sowie drei folgenden Vierteln. Diese Fünftongruppe ist im Satz stark präsent. Ein sangliches Seitenthema der 2. Geige bildet einen Gegensatz, wird aber durch einen Ostinato-Rhythmus der 1. Geige „gestört“. Die Exposition wird wiederholt. Die dicht gewobene sinfonische Durchführung steigert sich zu grosser Expressivität; sie führt die 1. Geige in höchste Lagen. Die Reprise beruhigt das Geschehen. Zuletzt zerbröckelt der Fluss; darüber spielt die 1. Geige 26 Takte lang ein dreigestrichenes F, das drei weitere Takte ins Andante hinübergreift, wo die Bratsche nun con sordino das Hauptthema anstimmt. Der fast durchweg leise Satz mit gedeckten Farben wirkt elegisch, beinahe konturlos dahinfliessend. Eine synkopische Linie des Cellos in den beiden Andantino-Teilen bringt keine Bewegung in Gang. Der Schlusssatz scheint in diesem Bereich zu bleiben, bis ein Allegretto tänzerische Töne anschlägt, die sich aber zwischendurch verlieren. Dynamik und Expressivität nehmen zu, was an den Kopfsatzes erinnert. Nach einer Überleitung folgt nochmals eine „Tanzepisode“, bevor die Stimmung des 2. Satzes zurückkehrt – und einmal mehr endet ein Stück Schostakowitschs im Pianissimo morendo.

(zu Tschaikowsky, Streichquartett Nr. 1, D-dur, op. 11)

(...) Auch Tschaikowskys 1. Quartett hat einen äusseren Anlass. Er schrieb es in aller Eile, weil er für ein Konzert mit eigenen Kammermusikwerken noch ein grösseres Stück benötigte. Publikum und Kritik nahmen das Quartett begeistert auf. Es ist musikantisch-spielfreudig, der Tonfall ist unverkennbar russisch. Im Kopfsatz allerdings, dessen Thema mit seinem synkopierten 9/8-Takt so eigenartig wirkt, hat man auch schon Schubert-Anklänge festgestellt. Das Andante in B-dur con sordini, das 1876 Tolstoi Tränen entlockt hat, beruht auf einem ukrainischen Volkslied im Wechsel von 3/4- und 2/4-Takt und einem salonhaften Originalthema, wie es „ein Orchester in einem Salon de thé an den Ufern des Schwarzen Meeres“ (Ménétrier) spielen könnte; nur die schlichte Satztechnik bewahrt es vor Banalität. Das Scherzo, ein robuster russischer Tanz, entwickelt durch die Verlagerung des schweren Taktteils starke rhythmische Energie. In behendem Elan verläuft das Finale. Es lässt ein russisches Dorffest aufleben. Im abrupten Wechsel von D-dur nach B-dur klingt wieder Schubert an. Nach dem pianissimo-Rückgriff auf das dritte Thema im Andante-Tempo klingt die Coda triumphierend fortissimo und Allegro vivace aus.