Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

659

8.3.1994, 20:15 Uhr (Zyklus A 68. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Vermeer Quartet (Chicago)
Antonio Meneses, Violoncello

Ashkenasi, Shmuel, Violine 1
Tacke, Mathias, Violine 2
Young, Richard, Viola
Johnson, Marc, Violoncello

Meneses, Antonio, Violoncello

Seit seiner Gründung im Jahre 1969 im Rahmen des Marlboro Festival und nach seiner ersten Europatournee von 1972/73 ist das Vermeer Quartett zu einer der namhaftesten Quartettformationen geworden. Regelmässig ist es Gast in unseren Konzerten, heute zum zehnten Mal. Sein Repertoire umfasst neben den Standardwerken auch weniger Bekanntes wie eben Bridge, Zeitgenössisches oder Amerikanisches: Elliott Carters 1. Quartett stand vor zwei Jahren auf dem Programm.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 21, D-dur, KV 575 (1789)

Allegretto
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto

György Kurtág
1926-

Hommage à Mihaly András: 12 Mikroludien für Streichquartett op. 13 (1977/78)


Franz Schubert
1797-1828

Streichquintett C-dur, op. post. 163, D 956 (1828)

Allegro ma non troppo
Adagio
Scherzo: Presto – Trio: Andante sostenuto
Allegretto

(zu Mozart, Streichquartett Nr. 21, D-dur, KV 575)

Am 4. Juni 1789 war Mozart von seiner Reise nach Potsdam und Berlin nach Wien zurückgekehrt. Noch im selben Monat trug er «Ein Quartett für 2 Violin, Viola e Violoncello für Seine Mayestätt dem König / in Preussen» in sein Werkverzeichnis ein. Der Grund, für den Cello spielenden Friedrich Wilhelm II. eine Serie von sechs Quartetten zu schreiben, war wohl ein königlicher Auftrag, bestand aber für den in Geldnöten steckenden Komponisten vor allem in der Hoffnung auf ein angemessenes Gnadengeschenk. Juni 1789, das war nur ein Monat vor dem Sturm auf die Bastille. Ein Jahr später hatte sich nach der Komposition zweier weiterer Quartette (KV 589 und 590) im Mai und Juni 1790 das Projekt zerschlagen – da war die Welt, zumindest in Paris, nicht mehr dieselbe wie im Vorjahr. Eines jedoch ist sicher: Es war nicht die neue politische Situation, die Mozart zur Aufgabe des ursprünglichen Plans geführt hatte. Was der genaue Grund war, ist unklar; vielleicht war es der Ärger beim Versuch der Geldbeschaffung. So klagte denn Mozart am 12. Juni 1790 gegenüber Puchberg bloss wegen der entgangenen Entlöhnung: «Nun bin ich gezwungen, meine Quartetten (diese mühsame Arbeit) um ein Spottgeld herzugeben, nur um in meinen Umständen Geld in die Hände zu bekommen.» In ihnen ist weder etwas von Umbruchstimmung noch von Geldnot zu spüren, im Gegenteil – und das trotz «mühsamer Arbeit». In entspannter Kantabilität, Liedhaftigkeit, staccato-untermalter Melodie und in Verbindung von eleganter Klangsinnlichkeit mit hochentwickelter Polyphonie fliessen die vier Sätze vorüber. Leichte Melancholie liegt über dem D-dur-Quartett, und vielleicht hat man darum den Anklang des so einfach gestalteten zweiten Satzes an das Lied «Das Veilchen» gerne zum Anlass genommen, es mit dem Beinamen «Veilchenquartett» zu kennzeichnen. Zwar sind die drei Quartette von 1789/90 stilistisch einfacher als die sechs «Haydn-Quartette» von 1782 bis 1785. Dass es sich Mozart gleichwohl nicht leicht gemacht hat, zeigen aufgegebene Entwürfe zu den Finali von KV 575 und 589. Und obwohl sie als «Preussische Quartette» bezeichnet werden, gehören sie nach Wien – und Paris hat schon gar nichts zu suchen. An den Preussenkönig erinnert ausser dem Beinamen noch die gerade in KV 575 besonders reiche Cellostimme. Sie hat grossen Anteil am musikalischen Geschehen – mit der Folge, dass die vier Stimmen so gleichwertig ausgestaltet sind wie nie zuvor.

(zu Kurtág, Hommage à Mihaly András: 12 Mikroludien für Streichquartett op. 13)

György Kurtág darf heute neben Ligeti als der bedeutendste Komponist Ungarns gelten. Er studierte bei Sandor Veress und Ferenc Farkas, sowie – in Kammermusik, die er heute selber gerne unterrichtet – bei Leo Weiner. Der Einfluss von Bartók und des Schönberg-Kreises, speziell Weberns, haben seinen Stil geprägt. Dies gilt besonders für die Mikroludien, die er seinem Budapester Kollegen, dem Dirigenten und Komponisten András Mihály, zum 60. Geburtstag gewidmet hat. Die zwölf Aphorismen mit einer Dauer von zwölf Sekunden bis knapp zwei Minuten zeigen, so eigenständig und eigenwillig sie auch sind, die erwähnten Merkmale: Von Webern stammt die durchstrukturierte Kürze ohne dessen wienerische Expressivität, von Bartók die repetitive Rhythmik und das periodische Denken, das Kurtág selbst einmal so beschrieb: «Es geschieht etwas – und es wird geantwortet.»

(zu Schubert, Streichquintett C-dur, op. post. 163, D 956)

Wenn ein Kammermusikwerk höchste Bewunderung verdient und sie auch erhält, so ist es das grosse C-Dur-Quintett Schuberts. Mehr noch als die letzten Quartette, die ihm gewiss nahe stehen, insbesondere das in G-dur, führt es einen Schritt in eine letztlich nicht mehr begreifbare musikalische Welt. Und doch ist es nicht nur Esoterik und Mystizismus, wie man sie vielleicht dem Adagio zuweisen könnte, sondern neben dunklen und unheimlichen Klangfarben und Harmonien steht durchaus Lebhaft-Schwungvolles. Auch rhythmisch hat das Werk einiges zu bieten, wie das Scherzo und das Final-Allegretto zeigen. Und doch liegt über dem Ganzen eine geheimnisvolle Stimmung, welche das Werk in andere Dimensionen hebt. Da mag noch jemand sagen, C-dur sei eine einseitige, diesseitige Tonart ohne Geheimnisse. Schubert verwendet C-dur eben nicht als Ausdruck von Glanz und Pracht; er bricht es im Gegenteil dauernd, etwa durch Molltrübungen, verunklart es, gibt ihm harmonisch neue Farben. So verwundert nicht, dass der Leipziger Verleger Probst, dem Schubert das Quintett mit Brief vom 2. Oktober 1828 zusammen mit den Heine-Vertonungen des sog. «Schwanengesangs» (vgl. das Konzert vom 21.10.2008) und den drei letzten Klaviersonaten angeboten hatte, kein Verständnis für solche Werke aufbringen konnte. Probst war es auch gewesen, der Schubert zu den Kürzungen im Finale des Es-dur-Klaviertrios gedrängt hatte. Seine einmal Schubert gegenüber geäusserten Worte zeigen, «dass der eigne, sowohl oft geniale, als wohl auch mitunter etwas seltsame Gang Ihrer Geistesschöpfungen» damals Mühe bereiteten, gerade in Schuberts besten Werken. So kam es, dass das Quintett, welches gemäss dem erwähnten Brief «dieser Tage erst probirt» worden war, zu Schuberts Lebzeiten zwar geprobt, aber wohl nie aufgeführt worden ist. Erst 1853 wurde es von C. A. Spina veröffentlicht und teilt damit das Schicksal mancher grosser Schubert-Werke. Gegenüber der grossen C-dur-Sinfonie – einem anderen von Schuberts Werken in «untypischem», dafür umso geheimnisvollerem C-dur (man könnte noch die fälschlicherweise als «Reliquie» bezeichnete unvollendete Klaviersonate D 840, dazunehmen) – weist es gar einen Rückstand von 13 Jahren auf. Auffällig ist am C-dur-Quintett auch die Besetzung. Die Werke, welche Schubert für ein Streichquintett am ehesten vor Augen hatte, die grossen Quintette Mozarts, verwenden zwei Bratschen. Diese Besetzung hatte der vierzehnjährige Schubert denn auch für seine Ouvertüre in c-moll für Streichquintett D 8 (1811) wie selbstverständlich gewählt. Ob Schubert Boccherinis Quintette mit zwei Celli kannte, ist fraglich. Jedenfalls hatte er im Gegensatz zum Cellisten Boccherini keinen äusseren Anlass für die Verwendung eines zweiten Cellos, wohl auch nicht durch einen Auftraggeber, wie dies im Forellenquintett beim Einsatz des Kontrabasses der Fall war. Es müssen innere Gründe gewesen sein, welche ihn zu dieser Besetzung geführt haben. Das Geheimnisvoll-Dunkle des Quintetts wird durch die tiefere, vollere Klangfarbe der beiden Celli verstärkt. Es gibt dem ersten Cello die Gelegenheit zum Singen in der Tenorlage (man denke an die gleichzeitig entstandenen Lieder des sog. «Schwanengesangs»), ohne dass dadurch der Bass verwaist wäre. Dies wird besonders in dem wunderbaren Adagio erkennbar, wo das erste Cello den die Melodie tragenden Mittelstimmen beigefügt ist, während das zweite im Pizzicato die Basslinie vertritt. Gerade in diesem Satz erkennen wir auch Schuberts innovative Gestaltung, welche mehr das Inhaltliche als das Formale betrifft. Was wie eine simple dreiteilige Form daherzukommen scheint, wird durch den Kontrast zwischen der Melodieseligkeit der Rahmenteile und dem unheimlich erregten Mittelteil zu etwas Neuartigem. Das Umgekehrte erleben wir im Scherzo, wo der Lebenslust und Vitalität in voller Wucht und im Fortissimo, wie sie die Rahmenteile prägen, ein die Stimmung des Adagios aufgreifendes, sie aber ins Geheimnisvolle und Klagende, ja Bedrohliche verwandelndes Trio entgegengesetzt wird. Für die völlig konträre Stimmung wählt Schubert mehrere Gegensätze: Dem Dreivierteltakt wird ein Viervierteltakt, dem hier durchaus glänzenden C-dur wird Des-dur, einem Presto wird Andante sostenuto gegenüber gestellt. Auch das auf den ersten Blick volkstümlich heiter wirkende Finale weist zahlreiche Brüche auf, welche tiefere Töne anschlagen als Lebensfreude und Lustigkeit. Verhaltenes und Beängstigendes kommen auch hier vor. Man höre etwa den Schluss mit seiner Stretta, welche in einem dissonanten fff-Akkord (des / f / h / g) gipfelt, bevor ganz am Ende unisono der Ton C steht. Ist das, ohne Terz und Quint, reines, strahlendes C-dur? Oder doch eher ein offener Schluss?