Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

662

18.10.1994, 20:15 Uhr (Zyklus B 69. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Quatuor Ysaÿe (Paris)

Giovaninetti, Christophe, Violine 1
Aguera, Luc-Marie, Violine 2
Da Silva, Miguel, Viola
Poulet, Michel, Violoncello

Das Quartett wurde 1984 von vier Absolventen des Pariser Konservatoriums gegründet und studierte in der Folge in Köln beim Amadeus Quartett. 1988 gewann es den 1. Preis in Evian. Es benannte sich nach dem berühmten belgischen Geiger und Komponisten Eugene Ysaÿe (1858-1931). Rasch machte es sich einen Namen und wurde zu bedeutenden Festivals eingeladen. In Lockenhaus etwa setzte es sich schon früh für die Streichquartette von Erwin Schulhoff ein. Für dessen Wiederentdeckung hat das Quartett einen wesentlichen Beitrag geleistet. Besonders gerühmt werden neben dem französischen Repertoire die Interpretationen der Werke Mendelssohns.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 18, A-dur, KV 464 (1784/85)

Allegro
Menuetto – Trio
Andante
Allegro (non troppo)

Erwin Schulhoff
1894-1942

Streichquartett Nr. 1 (1924)

Presto con fuoco
Allegretto con moto e con malinconia grotesca
Allegro giocoso alla Slovacca
Andante molto sostenuto

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 2, a-moll, op. 13 (1827)

Adagio – Allegro vivace
Adagio non lento
Intermezzo: Allegretto con moto – Allegro di molto
Presto – Adagio non lento

In Mozarts A-dur-Quartett "ist die Synthese von Bachscher Kontrapunktik und Haydnscher motivisch-thematischer Durcharbeitung sicher am besten gelungen". Trotz aller Polyphonie und kontrapunktischer Konzentration klingt der Kopfsatz nicht "angestrengt oder gar intellektuell. Im Gegenteil: auf geheimnisvolle Weise liegt über allem ein unnachahmlicher Klangzauber, herrscht im besten Sinn Mozartsche Leichtigkeit vor." In den Variationen des Andante zeigt sich "Mozarts Kunst des Variierens auf höchster Reifestufe, fern jeder Figurationsäusserlichkeit" (A. Werner-Jensen).

Am 8. Juni dieses Jahres gedachte man des hundertsten Geburtstages des bis vor kurzem vergessenen und verdrängten Erwin Schulhoff. Als Sohn eines deutsch-jüdischen Kaufmanns wurde er in Prag geboren. Schon in jüngsten Jahren wurde sein Talent von Dvo6rák bestätigt. Später studierte er in Prag, Wien und Leipzig Klavier und Komposition, u.a. bei Reger. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs, in dem er als österreichischer Soldat diente, wurde Schulhoff zum überzeugten Sozialisten. 1932 vertonte er "Das kommunistische Manifest" als Oratorium, wollte 1933 nach Moskau auswandern, komponierte in den dreissiger Jahren im Stil des Sozialistischen Realismus und wurde im Mai 1941 wunschgemäss sowjetischer Staatsbürger. Zur Auswanderung in die UdSSR kam es nach dem Überfall der Nazis nicht mehr. Im Juni 1941 wurde er zusammen mit seinem Sohn Petr in Prag interniert, später in das Internierungslager Wülzburg in Bayern überführt, wo er, an seiner 8. Sinfonie schreibend, von Unterernährung geschwächt, am 18. 8. 1942 an Tuberkulose starb. Seine originellsten, in den zwanziger Jahren entstandenen Werke zeigen ihn, den musikalischen Experimentator und Revolutionär, als wichtigen Vertreter der Neuen Musik. Er stand dem Dadaismus nahe (Vertonung von Arps "Wolkenpumpe" 1922) und setzte sich mit dem Jazz und anderen damaligen Stilrichtungen auseinander. Seine Musik galt in Nazideutschland als entartet - und Schulhoff wurde vergessen. Seine (sieht man von Jugendkompositionen ab) drei Werke für Streichquartett entstanden 1923-25. Auf die "Fünf Stücke", eine Art Tanzsuite, folgte 1924 das 1. Quartett; die ersten drei Sätze sind ebenfalls tänzerisch, im Stil neofolkloristisch. Der langsame Satz, an den Schluss gerückt, ist "ein melancholisches Notturno, dessen Musik den Raum zur leisen Meditation über die irdische Freude des menschlichen Lebens eröffnet" (J. Bek).

Mendelssohns erstes gültiges Quartett ist das Werk eines Achtzehnjährigen. Das Adagio, welches das Quartett mottoartig eröffnet und beendet, greift auf das Lied "Frage (Ist es wahr?)" desselben Jahres zurück. Keine Frage ist, dass Mendelssohn sich hier nicht nur auf der Höhe seiner Zeit erweist, sondern in der Auseinandersetzung mit den mittleren und späten Quartetten Beethovens seine Aufgeschlossenheit dem Neuesten gegenüber dokumentiert. Eigene Wege geht vor allem das Intermezzo: Weder Scherzo noch Menuett, verbindet es Liedhaftigkeit mit Mendelssohns "Elfenstil".

rs