Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

663

8.11.1994, 20:15 Uhr (Zyklus A 69. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Orpheus Quartett (Düsseldorf)

Linale, Charles-André, Violine 1
Piedicuta, Emilian, Violine 2
Cantor, Emile, Viola
Sbarcea, Laurentiu, Violoncello

Obwohl das Orpheus-Quartett in Düsseldorf beheimatet ist, stammt kein Mitglied aus Deutschland. Der erste Geiger kommt aus Rouen, der zweite und der Cellist aus Rumänien, der Bratscher aus Holland. Seit 1987 treten die vier Musiker gemeinsam auf. Unter mehreren Preisen ragen die 1. Preise im Karl Klingler-Wettbewerb in München von 1990 und im Kammermusik-Wettbewerb von Osaka on 1993 hervor. Neben der Konzerttätigkeit in aller Welt hat das Quartett auch Platten eingespielt. Als Rarität haben die acht Quartette von Malipiero (1991) zu gelten; dazu kommen (auf dem Label Channel Classics) Debussy, Ravel und Dutilleux (1992), von Beethoven op. 18/3 und 59/1, von Schubert das Quintett (beide 1994). Aufgenommen sind bereits seltene Kammermusikwerke Beethovens (Sextett mit den zwei Hörnern, Streichquintett, Streichquartett nach der Klaviersonate op. 14/1) und Werke von Hartmann, Schulhoff und Weill. Für die Einspielung der Malipiero-Quartette haben die Musiker 1992 den Grand Prix du Disque der Academie Charles Cros erhalten. Seit 1991 lehrt das Quartett Kammermusik am Konservatorium von Utrecht.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 20, D-dur, KV 499 «Hoffmeister-Quartett» (1786)

Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Adagio
Molto allegro

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 3, Sz 85 (1927)

Prima parte: Moderato –
Seconda parte: Allegro –
Recapitulazione della 1a parte: Moderato
Coda: Allegro molto

Serban Nichifor
1954-

Anamorphose, Streichquartett Nr. 1 (1976)

In einem Satz

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 11, f-moll, op. 95 «Serioso» (1810)

Allegro con brio
Allegretto ma non troppo
Allegro assai vivace ma serioso
Larghetto espressivo - Allegretto agitato

Mozarts siebtes der zehn "grossen" Quartette entstand ein Jahr nach Beginn der Komposition des Figaro und erschien im Figaro-Jahr 1786 beim Freund, Gönner und Verleger Franz Anton Hoffmeister. Nach ihm trägt es den Beinamen. Mit dem Figaro hat es die Haupttonart D-dur gemeinsam, dazu jene Mischung aus Melancholie und Buffonerie, heiterem Charme und leidvollem Ernst, die diese Oper so unvergleichlich macht. Das tänzerische Moment des Kopfsatzes und das ländlerhafte des Menuetts (mit fast nervös wirkendem d-moll-Trio) kontrastieren zum Adagio, von dem Alfred Einstein gesagt hat, es spreche "in noch niemals gehörter Tiefe von gewesenem Leid". Das Finalthema mit seinen raschen Triolen kann bei aller scheinbaren Heiterkeit die melancholische Grundhaltung nicht überspielen.

Bartóks knappstes, konzentriertestes Quartett war zu seiner Zeit auch eines seiner kühnsten Werke. Theodor W. Adorno beurteilte es damals als "fraglos die beste von des Ungarn bisherigen Arbeiten. Die Themen, aus denen straff ökonomisch das Werk gebildet, sind plastischer als je bei Bartók zuvor, prägnanter, zuverlässiger gehört; die Harmonik wird in tapferer Ungebundenheit aus Linien und Linienüberschneidungen entwickelt, doch exakt im Stufenwert verfolgt. Es entscheidet die Formkraft des Stückes; die stählerne Konzentration, die ganz originale, aufs genaueste Bartóks aktueller Lage angemessene Tektonik. Ungarische Typen [Adorno denkt an Rhapsodie, Monodie und Csárdas (rs)] und deutsche Sonate sind in der Glut ungeduldiger kompositorischer Bemühung eingeschmolzen; aus ihnen wahrhaft Form erzeugt. Die Produktivität der Farbe hat Bartók im dritten Quartett recht eigentlich für sich entdeckt. Sie garantiert dies Meisterstück nicht bloss, sondern eröffnet die Perspektive dessen, was folgt."

Serban Nichifor studierte in seiner Heimatstadt Bukarest Komposition und Cello, später in München Dirigieren bei Sergiu Celibidache. 1980-87 und seit 1990 unterrichtet er Cello in Bukarest; dazwischen war er künstlerischer Berater der George Enescu Philharmonie. Nichifor pflegt viele Gattungen, u.a. hat er sieben Sinfonien geschrieben. Seine Anamorphose gewann 1977 den 1. Preis beim internationalen Gaudeamus-Wettbewerb Amsterdam. Das einsätzige Werk besteht aus zahlreichen Anklängen an rumänische melodische Floskeln, die in ein Gewebe im Stil von Ligetis und Lutoslawskis Techniken und Klängen verarbeitet sind.

Beethoven hat sein Opus 95 ausdrücklich als Quartetto serioso bezeichnet. Es entstand in einer Phase schwerster persönlicher Krisen, die auf Jahre hinaus zu einer Produktionshemmung führten. Düster und introvertiert, schroff in Thematik und Klang, weist es eine formale und satztechnische Konzentration auf, die auf die späten Quartette vorausweist. Es kennt weder Überleitungs- noch Entspannungsabschnitte und bildet so das knappste aller Quartette Beethovens. Dieser wusste, warum er es vom breiteren Publikum fernhalten wollte.

rs