Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

666

17.1.1995, 20:15 Uhr (Zyklus A 69. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Guarneri Quartet (New York)

Steinhardt, Arnold, Violine 1
Dalley, John, Violine 2
Tree, Michael, Viola
Soyer, David, Violoncello

Dreissig Jahre spielt das Guarneri Quartet nun bereits zusammen, und dies in unveränderter Besetzung. Dass das Quartett damals den Namen Guarneri wählte, ist ein Zufall, denn Steinhardt spielt eine Storioni (Cremona), Dalley eine Lupot (Paris 1810) und Tree eine Busan (Venedig 1750). So blieb es dem Cellisten als Doyen des Quartetts, der zugleich das älteste Instrument spielt, ein Guarneri von 1669, vorbehalten, den Namen zu stiften; über das Quartett, seine Erfolge und sein Ansehen, braucht man keine Worte zu verlieren. Es mag uns mit dem seit langem bei uns auftretenden Ensemble ergehen wie - nach den Worten des Primgeigers - dem Quartett mit Beethoven: "Wir sehen ihn wie einen Freund, auf den wir uns immer wieder freuen, wenn wir ihn treffen." Freuen wir uns auf die Guarneris und mit ihnen auf Beethoven zugleich!

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 1, F-dur, op. 18, Nr. 1 (1798/1800)

Allegro con brio
Adagio affetuoso ed appassionato
Scherzo: Allegro molto – Trio
Allegro

Béla Bartók
1881-1945

Streichquartett Nr. 4, Sz 91 (1928)

Allegro
Prestissimo, con sordino
Non troppo lento
Allegretto pizzicato
Allegro molto

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

Streichquartett Nr. 5, Es-dur, op. 44, Nr. 3 (1838)

Allegro vivace
Scherzo: Assai leggiero vivace
Adagio non troppo
Molto allegro con fuoco

Das F-dur-Quartett aus Beethovens erster Quartettreihe wurde in zwei Fassungen als zweites komponiert. Es "führt in Technik und Ausdruck einen gewaltigen Schritt über Haydn hinaus. So wird sogleich im Allegro con brio das dominierende Prinzip der motivischen Arbeit geradezu auf die Spitze getrieben, indem der ganze Satz sich fast ausschliesslich mit einem einzigen 2-Takt-Motiv durchführungsartig auseinandersetzt. Das Adagio ist auf seine Weise ebenso extrem wie der ungemein konstruktive 1. Satz: Wie schon seine ausführliche Tempocharakterisierung anzeigt, führt es in die Ausdruckswelt von Schmerz und Leidenschaft. Das behende Scherzo lebt vor allem vom ständigen Schwanken zwischen periodischer Symmetrie und ,Verstössen’ dagegen. Das Finale fügt das Element des Spielerischen, Unterhaltenden hinzu; ein typisches wirbelndes Rondo-Thema wird hier motivisch, harmonisch und sogar kontrapunktisch verarbeitet" (Werner-Jensen).

"In meinen neueren Werken verwende ich mehr Kontrapunkt als früher. So vermeide ich wieder die Formeln des 19. Jahrhunderts, die vorwiegend homophoner Art waren. Ich studiere Mozart. Vereinigte er nicht in wunderbarer Weise kontrapunktische und homophone Ideen? Ich habe die vorklassischen Kontrapunktisten studiert, die für Orgel und Cembalo schrieben, und ich habe vor, die Partituren der alten Vokalkontrapunktisten zu lesen. Denn ich beabsichtige immer ein Lerner zu bleiben." So äusserte sich Bartók, dessen 50. Todestages man am kommenden 26. September gedenken wird, 1928, im Entstehungsjahr des 4. Streichquartetts. Das kontrapunktische Element (Häufigkeit von Kanon und Umkehrungsimitation, etwa im Finale) verbindet sich mit dem Mittel der Variation und mit der neu entwickelten Brücken- oder Bogenform. "Der langsame Satz bildet den Kern des Werkes, die übrigen Sätze schichten sich um diesen. Und zwar ist der 4. Satz eine freie Variation des 2., die Sätze 1 und 5 wiederum haben gleiches Material, das heisst: um den Kern (Satz 3) bilden die Sätze 1 und 5 die äussere, 2 und 4 die innere Schicht" (Bartók). So entsteht eine Symmetrieform vom Muster ABCBA. Zu den vielen klanglichen Spezialeffekten wurde Bartók vielleicht von Bergs Lyrischer Suite angeregt.

Erstaunlich, dass Mendelssohns op. 44/3 erstmals in unseren Konzerten erklingt. Die drei Quartette op. 44 scheinen allerdings generell weniger beliebt zu sein als die jugendlich frischen Opera 13 und 12. Der Rückgriff auf geradezu beethovensche Thematik und ein klassisches Formgerüst haben dem Es-dur-Quartett auch schon den Vorwurf des Klassizismus eingetragen, wie man überhaupt das ganze op. 44 als konventionell beurteilt hat. Doch Mendelssohn selber war der Ansicht, op. 44/3 sei "einige hundertmal besser" als die früheren (zu denen ein Jugendwerk in Es-dur hinzuzuzählen ist), und man werde "einen rechten Fortschritt darin bemerken". Vielleicht liegt gerade in der von Mendelssohn hier erreichten kompositorischen Meisterschaft der Ansatz zur Kritik: Man entdeckt die auch hier vorhandene Originalität wegen der eleganten Leichtigkeit und kunstvollen Verarbeitung, wohl zu wenig. Umso mehr lohnt es sich, bei einer Aufführung gerade darauf zu achten.

rs