Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

673

31.10.1995, 20:15 Uhr (Zyklus B 70. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Vogler-Quartett (Berlin)

Vogler, Tim, Violine 1
Reinecke, Frank, Violine 2
Fehlandt, Stefan, Viola
Forck, Stephan, Violoncello

Das Vogler Quartett wurde 1985 gegründet und spielt seit Januar 1986 in unveränderter Besetzung. Seine Mitglieder studierten an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Mentoren waren u. a. Walter Levin, Sandor Végh, Arnold Steinhardt und György Kurtág. Ein mehrmonatiger Studienaufenthalt beim LaSalle Quartett in Cincinnatia prägte nachhaltig die Arbeitsweise der Künstler. Den Beginn der internationalen Karriere markierte 1986 der Gewinn mehrerer Preise beim Streichquartettwettbewerb in Evian. Seit 1993 veranstaltet das Ensemble im Berliner Konzerthaus eine eigene Konzertreihe, ab 2000 ebenfalls in Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern). Von 1999 bis 2004 war das Vogler Quartett Quartet in Residence im County Sligo (Irland), einem in dieser Art einmaligen Projekt in Europa mit Konzerten, Meisterkursen und Workshops. Das Vogler Spring Festival findet nach wie vor im Mai in Sligo statt. Viele weitere Projekte, auch mit Kindern, etwa bei den Nordhessischen Kindermusiktagen in Kassel, gehören zum Wirkungsbereich des Ensembles. Natürlich tritt es seit mehr als zwei Jahrzehnten weltweit in Konzertreihen und an Festivals auf, 1990 und 1995 auch in unseren Konzerten; oft spielt es auch in erweiterter Besetzung (Quintett bis Oktett). Regelmässig hat es neue Werke uraufgeführt – zuletzt von Frank Michael Beyer (2004), Jörg Widmann (2005) und Mauricio Kagel (2007). Seit 2007 sind die Mitglieder des Vogler Quartetts in der Nachfolge des Melos Quartetts Professoren für Kammermusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 73, F-dur, op. 74, Nr. 2, Hob. III:73 (1793)

Allegro spirituoso
Andante grazioso
Menuetto: Allegro
Finale: Presto

Alois Hába
1893-1973

Streichquartett Nr. 14, op. 94 (1963)

Allegro energico
Allegro agitato
Andante leggiero
Allegretto scherzando
Andante cantabile –
Allegro risoluto

Anton Webern
1883-1945

5 Sätze für Streichquartett, op. 5 (1909)

Heftig bewegt. Tempo I – Etwas ruhiger, Tempo II
Sehr langsam
Sehr bewegt
Sehr langsam
In zarter Bewegung

Antonín Dvorák
1841-1904

Streichquartett Nr. 14, As-dur, op. 105, B 193 (1895)

Adagio ma non troppo – Allegro appassionato
Molto vivace
Lento e molto cantabile
Allegro non tanto

(zu Webern, 5 Sätze für Streichquartett, op. 5)

Die «Fünf Sätze» Weberns dürften für den Komponisten in mancher Hinsicht den Durchbruch gebracht haben: Befreiung von der festen Tonalität – das Wort Atonalität schätzte Webern nicht – ebenso wie von den tradierten Formen und Bekenntnis zur Kürze. Die für Webern charakteristische Kürze hängt eng mit dem Verlassen der klassischen Satzformen zusammen. Sonatenform mit Durchführung und Reprise oder Rondoform mit mehrfacher Wiederkehr des Themas waren keine unumgehbaren Zwänge mehr, und diese Freiheit der beinahe abstrakten selbst gewählten Form machte aussagekräftige Stücke von der Dauer einer halben bis zwei Minuten möglich. «Webern kann in zwei Minuten mehr sagen als die meisten anderen Komponisten in zehn.» Die Aussage von Humphrey Searle (englischer Zwölftonkomponist und Webern-Schüler, 1915-1982) können wir zu «in wenigen Sekunden» ändern: Der dritte der «Fünf Sätze» dauert gegen 40 Sekunden. Und doch sind die «Fünf Sätze» mit rund zehn Minuten noch relativ lang; die «Sechs Bagatellen» op. 9 (1911/13) werden noch vier dauern. Der erste Satz des op. 5 ist eigentlich noch ein Sonatensatz. Kürze allein ist nicht entscheidend. Wichtig ist neben der Dichte, die durchaus auch Luft lässt, die Vielfalt der Klänge, welche durch extreme Differenzierung der Spielweise erreicht wird. Der Kritiker Paul Stefan hat die Kompositionsweise umschrieben mit «Nicht ein Ton zuviel, von allem nur die letzte Frucht, das innerste Wissen, die kleinste Bewegung.» Im op. 5 ist Webern auf dem Weg dahin.

(zu Dvorák, Streichquartett Nr. 14, As-dur, op. 105, B 193)

Dvorák hatte den ersten Satz des As-dur-Quartetts im März 1895 in New York begonnen (bis zum Ende der Exposition). Nach seiner Rückkehr nach Böhmen hatte der sonst so rastlos Tätige keine Lust aufs Komponieren („Die heilige Wahrheit, ich bin ein Faulpelz und rühre die Feder nicht an.“), und als er damit wieder anfing, schrieb er im Spätherbst zuerst ein neues Quartett in G-dur op. 106, welches deshalb auch die niedrigere Nummer 13 trägt. Erst dann verspürte er Lust, auch das angefangene Werk zu vollenden. Vielleicht lässt sich der Grund für die neue Schaffensfreude aus folgender Äusserung erschliessen: „Wir sind gottlob alle gesund und freuen uns, dass es uns nach drei Jahren wieder vergönnt ist, liebe und frohe Weihnachtsfeiertage in Böhmen zu geniessen. Deshalb fühlen wir uns alle so unaussprechlich glücklich.“ Jetzt heisst es plötzlich: „Ich bin jetzt sehr fleissig. Ich arbeite so leicht und es gelingt mir so wohl, dass ich es mir gar nicht besser wünschen kann.“ Am 30. Dezember war das Werk vollendet. Unter diesen Umständen verwundert nicht, dass die beiden letzten Quartette den Höhepunkt in Dvoráks Quartettschaffen bilden; sie sind anspruchsvoller als das berühmtere „Amerikanische Quartett“ von 1893. Über diesem letzten Kammermusikwerk liegt die richtige Mischung zwischen freundlicher Leichtigkeit und formaler Sicherheit, so dass der Wiener Kritiker Eduard Hanslick von „reiner Meisterschaft“ sprach.

(zu Haydn, Streichquartett Nr. 73, F-dur, op. 74, Nr. 2, Hob. III:73)

Haydns Apponyi-Quartette sind die ersten für den grossen Konzertsaal geschriebenen Streichquartette. Was Haydn bereits in den für London komponierten Sinfonien gelungen ist, überträgt er hier auf die Kammermusik. Besonders das F-dur-Quartett hat, wie zu Beginn hörbar, sinfonischen Charakter: Ein achttaktiges Unisono-Signal eröffnet das Werk; daraus wird das Thema des monothematischen Kopfsatzes entwickelt. Das Andante gibt sich als unkomplizierte Variationenfolge (3 Variationen und Coda). Im Menuett kontrastiert das zarte Trio in Des-dur mit dem Ernst des Hauptteils. Grandios auftrumpfend das Finale: ein Sonatenrondo ohne Wiederholung, das unverkennbar zu Beethoven hinführt. Die lange Coda kulminiert fortissimo auf einem Orgelpunkt, bevor das Hauptthema nochmals auftritt und den Satz rasch zu Ende führt.