Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

676

12.1.1996, 20:15 Uhr (Zyklus B 70. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Beaux Arts Trio (New York)

Kavafian, Ida, Violine
Wiley, Peter, Violoncello
Pressler, Menahem, Klavier

Das Beaux Arts Trio, 1955 gegründet, ist über Jahrzehnte hinweg bis heute nicht nur das bekannteste, sondern auch das hervorragendste Klaviertrio geblieben. Anlässlich des letzten Auftritts in unseren Konzerten am 12.1.1996 hat es der eine Kritiker eine «lebende Legende» genannt, der andere rühmte das «Höchstmass an persönlichem Können und Virtuosität» und die «Fähigkeit, dies alles zugunsten Zusammengehens und Verschmelzens als dreieinige Gruppe einzusetzen». Einig waren sich beide Kritiker über die Rolle des Pianisten Menahem Pressler, des Garanten der Beaux Arts-Tradition - «ein Dirigent ohne Taktstock und ohne Orchester, in jeder Sekunde wachsam und hellhörig für die Beiträge seiner Partner». Die in Istanbul geborene und in Amerika aufgewachsene Geigerin Ida Kavafian hat 1992 Isidore Cohen abgelöst, der seinerseits 1968 Daniel Guilet ersetzt hatte. Im Sommer 1987 war Peter Wiley an die Stelle des Cellisten Bernard Greenhouse getreten. Beeindruckend an diesem Trio ist «das temperamentvolle Musizieren, das einzigartige Ensemblespiel und die feinsinnige Musikalität verbunden mit einer klanglichen Ästhetik, deren Ideal ein Höchstmass an Verschmelzung ist».

Johann Nepomuk Hummel
1778-1837

Klaviertrio Nr. 4, G-dur, op. 65 (um 1814)

Allegro con spirito
Andante grazioso
Rondo: Vivace assai e scherzando

Maurice Ravel
1875-1937

Klaviertrio, a-moll (1914/15)

Modéré
Pantoum: Assez vif
Passacaille: Très large
Final: Animé

Antonín Dvorák
1841-1904

Klaviertrio Nr. 3, f-moll, op. 65, B 130 (1883)

Allegro ma non troppo
Allegretto grazioso
Poco Adagio
Finale: Allegro con brio

(zu Dvorák, Klaviertrio Nr. 3, f-moll, op. 65, B 130)

Wäre nicht das beliebte Dumky-Trio, Dvoráks f-moll-Trio hätte es leichter, seine Meisterschaft zu erweisen. Das etwa vierzigminütige Werk darf als eines der gelungensten und persönlichsten Kammermusikwerke des Komponisten gelten. Die von der Tonart vorgegebene Düsterheit verbindet sich mit Klangschönheit, insbesondere im As-dur-Klagegesang des Adagio, der die Leidenswelt des Kopfsatzes wieder aufnimmt. Das Scherzo steht in cis-moll und war ursprünglich an der traditionellen dritten Stelle geplant. Das furiantähnliche Finale macht sich die Spannung von cis-moll und f-moll zunutze und bricht sich erst nach mehreren Anläufen die Bahn nach F-dur. Böhmische Einflüsse sind vorhanden, vor allem in Rhythmus und Harmonie, wirken aber gebändigt durch eine gewisse brahmsnahe Färbung und eine eigenständige und neue Themenbildung. Der folkloristische Ton ist nicht mehr zentrales Anliegen Dvoráks. Nicht zuletzt der Klaviersatz mahnt an den verehrten Mentor. Das Werk entstand im Februar/März 1883, kurz nach dem Tod von Dvoráks Mutter. Wie in einem andern f-moll-Werk, das in dieser Saison zu hören war (Mendelssohns Streichquartett op. 80), mag auch hier der Todesfall auf die Stimmung eingewirkt haben. Das Werk war dem Komponisten so wichtig, dass er es bis zur Uraufführung im Oktober 1883, bei der er selber als Geiger mitwirkte, laufend überarbeitete.

(zu Ravel, Klaviertrio, a-moll)

Fast zwölf Jahre nach dem Streichquartett hat Ravel auch die Gattung Klaviertrio mit einem Werk bedacht. Pläne dafür gab es bereits 1908. Entstanden ist es in baskischer Umgebung, in St-Jean-de-Luz, nahe von Ravels Geburtsort Ciboure. Darauf weisen die Anklänge an baskische Rhythmen gleich zu Beginn des Kopfsatzes hin, dessen Hauptthema im ungewöhnlichen 8/8-Takt, allerdings asymmetrisch zerlegt (3+3+2) über einem Bass in Vierteln, gehalten ist. Das 2. Thema verschiebt die Betonung (3+2+3). Das Scherzo trägt den fremdartigen Titel «Pantoum», Hinweis auf eine malaiische Dichtungsform, bei der die 2. und 4. Zeile einer Strophe wiederholt werden, um daraus die 1. und 3. Zeile der folgenden Strophe zu bilden. Ravel benutzt für dieses Wechselspiel drei Themen. Die streng gebaute Passacaglia in fis-moll und cis-moll, deren achttaktiges Thema im Klavierbass eingeführt wird, zeigt Ravel als einen Neoklassizisten vor dem Neoklassizismus der zwanziger Jahre. Brillant, rhythmisch ungewohnt im (baskischen?) Wechsel von 5/4- und 7/4-Takt und in beinahe orchestraler Klangfülle zieht das wirkungsvolle Finale vorüber: Man spürt die Nähe zur Musik von Daphnis und Chloé, die kurz zuvor abgeschlossen wurde.