Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

681

16.4.1996, 20:15 Uhr (Zyklus A 70. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Borodin-Quartett (Moskau/Aldeburgh)

Kopelman, Michail, Violine 1
Abramenkov, Andrej, Violine 2
Berlinsky, Valentin, Violoncello

Jurow, Jurij, Viola

«Moskauer Philharmonisches Quartett» hiess das Borodin-Quartett, das traditionsreichste und bekannteste russische Quartett unserer Zeit, vor 1955. Es besteht seit über fünfzig Jahren. Von der ursprünglichen Besetzung ist noch der Cellist dabei. Über den Vater des früheren Bratschers Dmitrij Shebalin bestand ein enger Bezug zu Schostakowitsch. In den siebziger Jahren formierte sich das Quartett durch den Beizug zweier Geiger neu. In den achtziger Jahren begann es regelmässig im Westen zu konzertieren, besonders in England, wo es zeitweise in Aldeburgh, Brittens Wohn- und Festspielort, eine zweite Heimat fand. 1996 kamen zwei weitere Umbesetzungen dazu, die zur Verschiebung des Konzerttermins führten: Ruben Aharonian stammt aus Riga, studierte u.a. bei Leonid Kogan und gewann Preise beim Enescu Wettbewerb (Bukarest), in Montreal und beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Der Bratschist Igor Naidin, Schüler von Yuri Bashmet, arbeitete u.a. mit Mitgliedern des Borodin-Quartetts, Mikhail Kopelman und Valentin Berlinsky, zusammen. Kammermusikerfahrung sammelte er als Mitbegründer im Quartetto Russo. Neben dem russischen Repertoire, u.a. mit allen 15 Quartetten Schostakowitschs, widmet sich das Borodin-Quartett besonders gerne Beethoven und der Romantik.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 9, Es-dur, op. 117 (1964)

Moderato con moto –
Adagio –
Allegretto –
Adagio –
Allegro

Streichquartett Nr. 13, b-moll, op. 138 (1970)

Adagio –
Doppio movimento –
Tempo I

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132 (1825)

Assai sostenuto – Allegro
Allegro, ma non tanto
Heiliger Dankgesang eines Genesenen, in der lydischen Tonart: Molto adagio –
Neue Kraft fühlend: Andante –
Mit innigster Empfindung: Molto adagio
Alla Marcia, assai vivace – Più allegro – Allegro appassionato – Presto

(zu Beethoven, Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132)

Auch in Beethovens a-moll-Quartett bildet der langsame Satz Zentrum und Hauptaussage des ganzen Werkes. Nicht nur die Länge, auch die religiös motivierte Umschreibung der Satzbedeutung hebt diesen einmaligen Satz aus den andern hervor. Mag die erstmalige Ausweitung der Satzzahl von vier auf fünf im Vergleich mit op. 130 und 131 noch unentschlossen wirken, die eine Aufgabe, das Molto Adagio ins Zentrum zu rücken, wird durch den kurzen Geschwindmarsch durchaus erreicht. Der Dankgesang ist – trotz seinen „himmlischen Längen“ – im Grunde einfach gebaut; er beginnt mit einer choralartigen Melodie. Ihre Phrasen folgen einander jeweils halbtaktig im 4stimmigen Satz. Der Choralteil wird von einem leichteren Andante in D-dur abgelöst, das mit „Neue Kraft fühlend“ überschrieben ist. Es nimmt im weiteren Verlauf geradezu tänzerische Züge an. Diese beiden Teile werden wiederholt, der Choral wird variiert, das Andante bleibt weitgehend unverändert. Eine 3. Choralstrophe führt „mit innigster Empfindung“ den Satz fast in Rondoform zu Ende. Der erste Satz beginnt mit einer Einleitung, welche ausgehend vom Cello jenes Viertonmotiv in je einem auf- und absteigenden Halbtonschritt (gis – a / f – e; in der 1. Violine dis – e / c – h) einführt, welches als Klammer die drei grossen der späten Beethovenquartette verbindet. Schon das Hauptthema des Kopfsatzes nimmt es im Zentrum auf und selbst im Finalthema taucht es versteckt wieder auf.

(zu Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 13, b-moll, op. 138)

Das 13. Quartett Schostakowitschs besteht aus einem einzigen langsamen Satz: Ein Adagio umschliesst einen Mittelteil in doppeltem Tempo, in dem die Klänge bis hin zum Geräusch (Klopfen auf den Instrumentenkörper) ausgeweitet werden. Da das Werk dem Bratscher des Beethoven-Quartetts, Wadim Borisowskij, gewidmet ist, kommt der Bratsche eine führende Rolle zu. Gleich das Hauptthema, eine dreifach ansetzende Klagemelodie, die alle zwölf Töne umfasst, wird von ihr vorgetragen. Sie bildet die Keimzelle für das ganze Werk. Aus von Intervallen gebildeten Motiven wie der Quart der Erstarrung, der Sekund der Klage oder der grossen und kleinen Terz als Schwanken zwischen Dur und Moll entwickelt sich das zwischen Starre und meditativer Ruhe pendelnde Werk. Das Geräuschhafte, die Motorik, die Pizzicati und Triller werden zu Abbildern von Lethargie und Verzweiflung. In zwei Takten, die vom Piano bis zum Forte anschwellen, wobei die Bratsche, begleitet von Klopfgeräuschen, in höchste Höhen aufsteigt, endet nach der Reprise das Werk, eine von Schostakowitschs persönlichsten Kompositionen. Er selbst war bei der Generalprobe so erschüttert, dass er wortlos den Raum verliess. Bei der Uraufführung am 13. Dezember 1970 übertrug sich, wie Isaak Glikman berichtet, diese Erschütterung auf das Publikum: Es „erhob sich am Ende des neuen Quartetts und blieb stehen, bis es in voller Länge ein zweites Mal gespielt wurde“.