Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

687

3.12.1996, 20:15 Uhr (Zyklus A 71. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Carmina Quartett (Zürich)
Paul Meyer, Klarinette

Enderle, Matthias, Violine 1
Frank, Susanne, Violine 2
Champney, Wendy, Viola
Goerner, Stephan, Violoncello

Meyer, Paul, Klarinette

Das Carmina Quartett darf heute zu Recht als das namhafteste unter den Schweizer Quartetten bezeichnet werden. 1987 trat es erstmals in unseren Konzerten auf, damals als frischer Preisträger beim Borciani-Wettbewerb; heute ist es zum sechsten Mal zu Gast. Das national und international gefragte Quartett plant sein Repertoire äusserst sorgfältig und studiert die ausgewählten Werke mit grösster Gewissenhaftigkeit ein. Dies ist nicht nur in den Konzerten zu hören, sondern auch bei den Einspielungen (Ravel, Debussy, Szimanowsky, Haydn, Brahms usw.). Mit dem Klarinettisten Paul Meyer tritt das Carmina Quartett häufig zusammen auf.

Paul Meyer stammt aus Mulhouse und lebt heute in Paris. 1982 bis 1984 gewann er sehr jung verschiedene höchste Auszeichnungen, was ihn nicht nur rasch zu einer steilen Solistenkarriere führte, sondern ihm auch den Rat und die Freundschaft Benny Goodmans verschaffte. Zahlreich sind prominente Dirigenten und Kammermusikpartner, mit denen er musiziert und zahlreich sind seine Platteneinspielungen, gerade auch der Kammermusikwerke mit Klarinette.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 15, a-moll, op. 132 (1825)

Assai sostenuto – Allegro
Allegro, ma non tanto
Heiliger Dankgesang eines Genesenen, in der lydischen Tonart: Molto adagio –
Neue Kraft fühlend: Andante –
Mit innigster Empfindung: Molto adagio
Alla Marcia, assai vivace – Più allegro – Allegro appassionato – Presto

Pierre Boulez
1925-2016

«Domaines» für Klarinette solo (1968)

6 pièces: Cahiers B, C, E, A, D, F

Johannes Brahms
1833-1897

Quintett für Klarinette, 2 Violinen, Viola und Violoncello, h-moll, op. 115 (1891)

Allegro
Adagio
Andantino – Presto non assai, ma con sentimento
Con moto (con variazioni)

Von den späten Quartetten Beethovens sind die drei mittleren motivisch miteinander verknüpft. Das Grundmotiv gis-a-f-e wird zu Beginn des zuerst komponierten a-moll-Quartettes vom Cello intoniert. Es bildet «das Konstruktions- und Ausdruckszentrum des ganzen Quartetts» (W. Konold). Der erstmalige Versuch, die Viersätzigkeit auszuweiten, wirkt mit dem Einschub des kurzen Geschwindmarsches vor dem Finale im Vergleich zu den beiden folgenden Quartetten mit sieben (op. 131) und sechs (op. 130) Sätzen noch etwas unentschlossen; er soll wohl den langsamen Satz ins Zentrum rücken. «Dieser in seiner erklärten Religiosität einzigartige monumentale Satz ist, trotz seiner «himmlischen» Längen, recht einfach gebaut: Er beginnt mit einer choralartigen Melodie, deren einzelne Phrasen jeweils im 4stimmigen Satz, jedoch immer halbtaktig imitierend einsetzend, erklingen. Dieser Teil wird abgelöst durch ein lebhafteres, diesseitigeres Andante mit dem Zusatz «neue Kraft fühlend», das im weiteren Verlauf fast tänzerisch-heitere Züge annimmt. Beide Teile werden wiederholt: zunächst, gleich einer variierten 2. Strophe, der Dank-Choral; es folgt wieder der weitgehend unveränderte Andante-Teil. Eine 3. Choralstrophe beschliesst «mit innigster Empfindung» den rondoartigen Satz, einer Choralbearbeitung gleich» (A. Werner-Jensen).

Boulez, der Analytiker, scharfsinnige Denker und technische Experimentator unter den modernen Komponisten (und Dirigenten), hat mehrere kammermusikalische Werke geschrieben, darunter ein frühes Streichquartett (Livre pour quatuor, 1949). Die Domaines existieren auch in einer Fassung für Soloklarinette mit verschiedenen Instrumentengruppen pro Blatt A-F des 1. Teils. Der Solist nimmt dazu dieser Gruppe gegenüber bzw. in der Soloversion an einer entsprechenden Stelle des Podiums Platz und wählt deren Reihenfolge frei. Unter «domaine» versteht Boulez «un ensemble de champs harmoniques».

1891 begegnete Brahms, der mit dem Streichquintett op. 111 sein Lebenswerk für abgeschlossen hielt, in Meiningen dem Klarinettisten Richard Mühlfeld. Unter dem Eindruck der Interpretation von Mozarts Quintett KV 581 schreibt er für ihn im Sommer das Trio op. 114 und das Quintett op. 115; 1824 folgen die Sonaten op. 120. Man hat aus dem Quintett Todesgedanken heraushören wollen. In der Tat liegt etwas Melancholisch-Sanftes über dem Werk, eine Art resignativer Heiterkeit, wie sie aber schon früher im Deutschen Requiem zu vernehmen war. Es musste also für Brahms - er starb vor knapp hundert Jahren am 3. April 1897 - der Tod nichts Schreckhaftes gewesen sein. Doch kann man im Quintett auch Leidenschaftlichkeit, männliche Kraft, ja Freude hören. Vielleicht kommt diese Spannung im Gegenpol der beiden bestimmenden Tonarten h-moll und D-dur zum Ausdruck. Die letzten von Brahms komponierten Töne galten in den Vier ernsten Gesängen (1896) den Worten: «Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die grösste unter ihnen.» In Ausdruck und Kantilene sind sie manchen Stellen im Quintett ähnlich. Und 1891 galt die Liebe des oft genug unglücklich liebenden Komponisten offensichtlich «dem Fräulein Klarinette».

rs