Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

688

21.1.1997, 20:15 Uhr (Zyklus A 71. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Petersen Quartett (Berlin)

Muck, Conrad, Violine 1
Süssmuth, Gernot, Violine 2
Weigle, Friedemann, Viola
Eschenburg, Hans-Jakob, Violoncello

Das Petersen-Quartett wurde 1979, als seine Mitglieder an der Berliner Hochschule für Musik «Hanns Eisler» zu studieren begannen, gegründet. 1980-87 wurde es vom Primarius des Berliner Streichquartetts, Wolf Dieter Batzdorf, betreut. Zweite Preise beim Internationalen Streichquartettwettbewerb in Evian 1985 und beim ARD-Wettbewerb in München 1987 sowie der 1. Preis beim Kammermusikwettbewerb in Florenz 1986 waren die Auszeichnungen, die das Quartett gewann und die es bekannt machten. 1992 ersetzte Conrad Muck die namenstiftende Primaria. Das Quartett gastiert in aller Welt. Unter den CD-Aufnahmen figurieren die grossen Quartette Mozarts, Werke von Beethoven, Berg, Boccherini, Dutilleux, Grieg, Janá6cek, Schumann sowie sämtliche Kammermusikwerke für Streicher von Erwin Schulhoff.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 23, F-dur, KV 590 (1790)

Allegro moderato
Allegretto
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro

Pavel Haas
1899-1944

Streichquartett mit Schlagzeug Nr. 2, op. 7, «Z opicích hor» (Aus dem Affengebirge) (1925)

Andante: «Krajina» (Landschaft)
Andante: «Ko`´cár, ko`´cí a k°u`´n» (Pferd, Kutsche und Kutscher)
Largo e misterioso: «M`´esíc a já» (Der Mond und ich)
Vivace con fuoco - Andante - Tempo I: «Divá noc» (Eine wilde Nacht)

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 17, F-dur, op. 135 (1826)

Allegretto
Vivace
Lento assai e cantante tranquillo
Der schwer gefasste Entschluss: «Muss es sein?» Grave, ma non troppo tratto –
«Es muss sein!» Allegro

Mozart trug sein letztes Quartett im Junnius 1790 ins eigenhändige Werkverzeichnis ein, ein Jahr nach dem ersten Werk, das er für Seine Mayestätt dem König in Preussen geplant hatte. Die Hoffnung auf Widmung und Entschädigung hatte sich längst zerschlagen. Während A. Einstein aus dem «Andante, einem der sensitivsten Sätze der ganzen Kammermusik-Literatur, einen selig-wehmütigen Abschied vom Leben» heraushörte, vernahmen andere «absichtslose Musizierseligkeit» (H. Renner) oder empfanden es als «kapriziös und von munterer Spielfreude erfüllt» (U. Kraemer). Die Spielfreude gilt sicher für das Perpetuum mobile des Finales. Im langsamen Satz war sich Mozart wohl selber nicht ganz sicher, ob er mehr die leicht melancholische oder die tänzerische Note betonen sollte. Der im Autograph als Andante bezeichnete Satz wurde im Druck (Artaria 1791 nach Mozarts Tod) zum Allegretto. Da gerade in diesem Satz auch andere Änderungen vorliegen, dürften sie auf Mozart selbst zurückgehen.

Pavel Haas ist einer jener Komponisten, deren physische Existenz und damit auch, zumindest bis vor kurzem, sein Weiterleben im Werk die Nationalsozialisten ausgelöscht haben. Wie sein gleichaltriger Kollege Hans Krása wurde Haas in Theresienstadt interniert und am 16. Oktober 1944 in die Gaskammern von Auschwitz geschickt. Die Kompositionen des als Sohn eines tschechischen Kaufmanns und einer Russin in Brünn geborenen Haas wurden vergessen und gelangen erst jetzt im Rahmen der Wiederentdeckung «entarteter Musik» erneut zur Aufführung. Wie die Quartette von Krása und Schulhoff gehört das 2. Quartett von Haas (das 3. entstand 1938 unter dem Eindruck der Bedrohung der Heimat) in die zwanziger Jahre. Es ist eine programmatische Suite, entstanden nach einer Reise in die mährischen Berge, die man in Brünn auch «Affengebirge» nannte. Haas schrieb dazu: «Dieses ganze sorglose Werk wird vom Bewegungsimpuls beherrscht - entweder dem gleichmässigen Rhythmus der offenen Landschaft und der Vogelstimmen, oder dem unregelmässigen Rumpeln der Dorfkarren, dem warmen Schlagen des menschlichen Herzens, dem kalten Spiel des Mondscheins oder dem wilden Ende einer ausgelassenen Nacht... «Der erste und der dritte Satz sind lyrisch gehalten, während die motorischen Abläufe des zweiten und vierten die moderne Zeit widerspiegeln. Im Schlussatz sind deutliche Jazzelemente auszumachen: er steht im Rumbarhythmus» (B. 8Cerniková). Der von Haas hier ursprünglich vorgesehene Schlagzeugpart (allerdings ohne Jazzband) wird heute wohl erstmals in einer Konzerttournee realisiert.

In seiner viersätzigen Knappheit und in der gebrochenen, an Haydn gemahnenden Heiterkeit ist Beethovens letztes Quartett das Gegenstück zum komplexen siebensätzigen op. 131. Ursprünglich hatte Beethoven nur drei Sätze vorgesehen; das Scherzo ist nachkomponiert. Das bedeutungsmässige Zentrum bildet das Lento assai in Des-dur, eine Cavatina wie der entsprechende Satz in op. 130. Was Der schwer gefasste Entschluss wirklich war, ein Notschrei de profundis oder ein Scherz über finanzielle Probleme (so die Anekdoten), wird sich nie ergründen lassen. Das Allegro wischt die Resignation weg, ohne in affirmative Heiterkeit umzuschlagen.

rs