Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

689

4.2.1997, 20:15 Uhr (Zyklus B 71. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Leipziger Streichquartett (Leipzig)

Seidel, Andreas, Violine 1
Büning, Tilman, Violine 2
Bauer, Ivo, Viola
Moosdorf, Matthias, Violoncello

Das Quartett wurde 1988 gegründet. Drei seiner Mitglieder waren Stimmführer des Gewandhausorchesters Leipzig. Sie verliessen das Orchester 1993, um sich ausschliesslich der Kammermusik zu widmen. Seit kurzem hat das Quartett das «Neues» im Namen abgelegt und tritt selbstbewusst als «das» Leipziger Quartett auf. Seine Kammermusikausbildung hat das Quartett u.a. beim Amadeus-Quartett, bei Hatto Beyerle und bei Walter Levin erhalten. Als Preise und Auszeichnungen sind zu nennen: 2. Preis beim ARD-Wettbewerb in München und Brüder-Busch-Preis 1991, 1992 Förderpreis des Siemens-Musikpreises. Seit 1991 gestaltet das Quartett in Leipzig eine eigene Konzertreihe «Pro Quatuor» und engagiert sich als Mitglied des Leipziger «Ensemble Avantgarde» für zeitgenössische Musik. Konzerttourneen führten das Ensemble durch die ganze Welt. Im August 1995 gastierte es zur Eröffnung der Kyburgiade im Schlosshof der Kyburg. Auf MDG legt das Quartett laufend sein vielfältiges Repertoire vor: Beethoven, Brahms, Blacher, Lutoslawski; aus der zweiten Wiener Schule (Gesamtaufnahme in Vorbereitung) Schönberg und Webern; schliesslich die erste Aufnahme sämtlicher Werke und Fragmente Schuberts für Quartett, Streichtrio und Quintett (wovon bereits 6 CDs erschienen sind).

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. 74 «Harfenquartett» (1809)

Poco Adagio – Allegro
Adagio ma non troppo
Presto – Più presto quasi prestissimo –
Allegretto con Variazioni – Un poco più vivace – Allegro

Morton Feldman
1926-1987

«Structures» für Streichquartett (1951)

Soft as possible

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 3, B-dur, op. 67 (1875)

Vivace
Andante
Agitato (Allegretto non troppo) – Trio
Poco Allegretto con Variazioni – Doppio Movimento

Beethovens Harfenquartett und dem op. 67 von Brahms gemeinsam ist - bei beiden Komponisten nicht häufig anzutreffen - ein Finale, das als Allegretto mit sechs bzw. acht Variationen gestaltet ist. Während Beethoven die Variationenfolge «quasi experimentierend zur weiteren Erprobung klangfarblicher, instrumentatorischer Reize nutzt» (A. Werner-Jensen), lässt Brahms sein Finale durch den Einbezug von Themen des Kopfsatzes zu einem bewusst gestalteten und komplexen Ganzen, das die Gesamtform des Werkes betont, erwachsen. Damit verweist es eher auf den späten als auf den mittleren Beethoven. Beiden Werken ist auch ein - als Reaktion auf das vorangehende Quartettschaffen - versöhnlich-leichterer, freundlicher Charakter eigen. Beethoven wollte oder musste auf den für die damalige Zeit ungewohnt komplexen Zyklus der Rasumowsky-Quartette, Brahms auf sein lange erdauertes op. 51 mit dem pathetisch-bekenntnishaften c-moll- bzw. dem elegisch-poetischen a-moll-Quartett «reagieren». Beide Male ist ein freundlich-heiteres Werk herausgekommen; deren Heiterkeit ist nicht blosse Fassade, sondern verbirgt hinter leichten Harfenklängen bzw. bukolischem Frieden einen tiefen Kunstwillen. Bei beiden Werken sind «keine anpasserischen künstlerische Kompromisse geschlossen worden, sondern es wird nur ein anderer Weg beschritten». Dadurch dass Brahms die im op. 51 vorgeformte Technik der entwickelnden Variation weiterführt und auf das Finale hin ausrichtet, zeigt auch er den bewussten Willen zur neuen Formgestaltung. Die Gelöstheit ist innerlich begründet. Ist es nicht eine besondere Leistung eines Künstlers, Schwieriges leicht, Ernsthaftes heiter erscheinen zu lassen? Beethoven und Brahms, die zeitweise ihre liebe Mühe mit Heiterkeit und Leichtigkeit hatten, fanden in beiden Werken auf höchstem Niveau dazu. Nichts kann die neue Gelöstheit hübscher zeigen, als was Brahms zur Widmung des op. 67 zu sagen hatte. Wie er für die «Zangengeburt» des op. 51 des Chirurgen Theodor Billroth bedurfte, so widmete er das op. 67 erneut einem Medizinerfreund, fügte aber hinzu: «Es handelt sich um keine Zangengeburt mehr; sondern nur um das Dabeistehen.»

Der in New York geborene Feldman war unter anderem Schüler des 1938 in die USA emigrierten Avantgardisten Stefan Wolpe. Seit 1950 stand er unter dem prägenden Einfluss von John Cage. An abstrakter Malerei interessiert, begann er um 1951 mit der graphischen Notation von Musik. In diese Schaffenszeit gehören die «Structures», die aber konventionell notiert sind. Feldman wollte Klänge frei von kompositorischer Rhetorik in die Zeit projizieren. John Cage sagte dazu: «Viele der Klänge sind von Stille umgeben, so dass sie ungehindert voneinander im Raum existieren und doch einander durchdringen, weil Feldman sie nicht davon abgehalten hat, sie selbst zu sein. Er kümmert sich nicht um Kontinuität, weil er weiss, dass jeder Klang jedem andern folgen kann.» Später dehnte Feldman seine Werke zum Teil ins Gigantische: So dauert das 1. Streichquartett (1979) über eineinhalb Stunden, das zweite (1983) an die sechs. Da sind die secheinhalb leisen «Structures»-Minuten von wohltuender Kürze.