Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

692

5.5.1997, 20:15 Uhr (Zyklus A 71. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Borodin-Quartett (Moskau/Aldeburgh)

Aharonian, Ruben, Violine 1
Abramenkov, Andrej, Violine 2
Naidin, Igor, Viola
Berlinsky, Valentin, Violoncello

«Moskauer Philharmonisches Quartett» hiess das Borodin-Quartett, das traditionsreichste und bekannteste russische Quartett unserer Zeit, vor 1955. Es besteht seit über fünfzig Jahren. Von der ursprünglichen Besetzung ist noch der Cellist dabei. Über den Vater des früheren Bratschers Dmitrij Shebalin bestand ein enger Bezug zu Schostakowitsch. In den siebziger Jahren formierte sich das Quartett durch den Beizug zweier Geiger neu. In den achtziger Jahren begann es regelmässig im Westen zu konzertieren, besonders in England, wo es zeitweise in Aldeburgh, Brittens Wohn- und Festspielort, eine zweite Heimat fand. 1996 kamen zwei weitere Umbesetzungen dazu, die zur Verschiebung des Konzerttermins führten: Ruben Aharonian stammt aus Riga, studierte u.a. bei Leonid Kogan und gewann Preise beim Enescu Wettbewerb (Bukarest), in Montreal und beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Der Bratschist Igor Naidin, Schüler von Yuri Bashmet, arbeitete u.a. mit Mitgliedern des Borodin-Quartetts, Mikhail Kopelman und Valentin Berlinsky, zusammen. Kammermusikerfahrung sammelte er als Mitbegründer im Quartetto Russo. Neben dem russischen Repertoire, u.a. mit allen 15 Quartetten Schostakowitschs, widmet sich das Borodin-Quartett besonders gerne Beethoven und der Romantik.

Johannes Brahms
1833-1897

Streichquartett Nr. 1, c-moll, op. 51, Nr. 1 (1873)

Allegro
Romanze: Poco adagio
Allegretto molto moderato e comodo – Un poco più animato
Finale: Allegro

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 12, c-moll, op. post., D 703 «Quartettsatz» (1820)

Allegro assai

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 12, Des-dur, op. 133 (1968)

Moderato
Allegretto

Bei Brahms dauerte der Weg zum gültigen Streichquartett beinahe so lange wie der zur Sinfonie. Waren es dort Serenaden und das d-moll-Klavierkonzert, so hier zwei Streichsextette, ein Streichquintett (das zuletzt zum Klavierquintett wurde) und angeblich «über zwanzig Streichquartette», die nie das Licht der Veröffentlichung erblickten. Und als die beiden Quartette des op. 51 endlich zur Geburt reif waren, bedurfte es, wie Brahms scherzhaft vermerkte, für die «Zangengeburt» des Chirurgen. Ihm, dem Freund Theodor Billroth, sind sie denn auch gewidmet. Im Vergleich zu den Sextetten oder Klavierquartetten muss im c-moll-Werk der neue Klang und die Verdichtung mit einer geradezu spröden Verschlossenheit, strengem Ernst und der letztlich fast monothematischen Substanz überrascht haben. Die Sätze charakterisiert Ludwig Finscher mit den Begriffen «dramatisch zerklüftet» (Kopfsatz), «melancholisch» (Romanze), «nachdenklich-versponnen» (Allegretto anstelle eines Scherzos!) und «emotionale Hochspannung» (Finale). Kein Wunder, dass die Uraufführung am 11. Dezember 1873 in Wien nur einen Achtungserfolg einbrachte.

Auch Schubert, dem in der Jugend Sinfonien und Quartette für den Hausgebrauch mit Leichtigkeit aus der Feder geflossen waren, fand den Weg zur grossen Sinfonie und zum grossen Quartett erst in «vergeblichen» Anläufen. Einer der Versuche, der erstmals den neuen, den späten Schubert ahnen lässt, ist der Quartettsatz, die Parallele zur Unvollendeten von 1822. Ein folgendes, leichtgewichtiges As-dur-Andante hat Schubert nach 41 Takten aufgegeben. So bleibt das «ungemein packende Stimmungsbild» eines Quartett-Kopfsatzes mit vielen schubertschen Charakteristika: «Dramatische Unruhe über nervös-geheimnisvollem Tremolo-Grund, wenig später lyrischer Schmelz und leidenschaftlicher Gesang im As-dur-Seitenthema, das man von seiner Aussagekraft her viel eher als eigentliches Hauptthema des Satzes bezeichnen möchte» (A. Werner-Jensen).

Schostakowitschs 12. Quartett ist Konsolidierung und Neubeginn. Es leitet die Reihe der letzten Quartette ein, die mit den sechs Adagios des 15. enden wird. Obwohl das Cellomotiv zu Beginn zwölftönig ist, nutzt es der Komponist nicht seriell, sondern thematisch, wie er auch die Tonalität nicht aufgibt. Das Werk beginnt und endet in Des-dur. Hinter der Zweisätzigkeit mit einem gegenüber dem 1. Satz dreimal längeren zweiten verbirgt sich eine komplexere Struktur. H. Keller hat sie, indem er den 2. Satz in vier Teile (II-V) aufgliedert, so analysiert: I 1. Satz, Exposition (Moderato) – II Scherzo (Allegretto) – III Langsamer Satz (Adagio) – IV Durchführung (Moderato) – V Finale als Reprise (Moderato – Allegretto). «Das Scherzo mit einer schneidenden Figur von fünf Noten (vier kurze und eine lange) erstreckt sich über mehr als die Hälfte des zweiten Satzes; die Durchführung enthält Elemente des 1. Satzes, des Adagios und des Scherzos; und das ´Finale´ rekapituliert das Hauptmaterial des 1. Satzes und des Scherzos» (H. Ottaway). Schostakowitsch selbst sah im 1. Satz «die Welt hoher Ideale. Der 2. Satz stellt ein beunruhigendes Scherzo dar, eine Agonie, die unfähig ist, die Widersprüchlichkeit des Lebens zu lösen».

rs