Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

693

6.5.1997, 20:15 Uhr (Zyklus A 71. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Alban Berg Quartett (Wien)

Pichler, Günter, Violine 1
Schulz, Gerhard, Violine 2
Kakuska, Thomas, Viola
Erben, Valentin, Violoncello

Seit mehr als 25 Jahren, erstmals 1971 im Wiener Konzerthaus, konzertiert das Alban Berg Quartett regelmässig in den Musikmetropolen der Welt, im Rahmen bedeutender Festspiele und führt eigene Zyklen in Wien, London, Paris und Zürich durch. Sein Name, Inbegriff heutigen Quartettspiels, steht für die Affinität des Quartetts zur Wiener Klassik und Romantik wie zur Zweiten Wiener Schule. Wie ernst das Quartett seine Verpflichtung der Musik unserer Zeit gegenüber nimmt, zeigt eine ganze Reihe von Uraufführungen (u.a. Rihm, Schnittke, Berio). Seine Mitglieder sind Professoren an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und an der Musikhochschule Köln (als Nachfolger des Amadeus Quartetts), Ehrenmitglieder des Wiener Konzerthauses und «Associate Artists» des South Bank Centre in London.

Zahllose Platteneinspielungen, darunter die klassisch gewordene Aufnahme von Schuberts Spätwerk (Neuauflage in 4 CDs, auch einzeln erhältlich), belegen das breite Repertoire des Quartetts. Den Einsatz für die Musik des 20. Jahrhunderts dokumentiert die Jubiläums-Edition 1971–1996, 25th Anniversary. «Das Alban Berg Quartett ist ein wertvolles, unersätzliches Stück Musikgeschichte» sagt einer, der es wissen muss: Luciano Berio.

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 9, g-moll, op. post., D 173 (1815)

Allegro con brio
Andantino
Menuetto: Allegro vivace – Trio
Allegro

Streichquartett Nr. 10, Es-dur, op. post. 125, Nr. 1, D 87 (1813)

Allegro moderato
Scherzo: Prestissimo – Trio
Adagio
Allegro

Streichquartett Nr. 15, G-dur, op. post. 161, D 887 (1826)

Allegro molto moderato
Andante un poco mosso
Scherzo. Allegro vivace – Trio: Allegretto
Allegro assai

Schuberts Quartettschaffen ist, vom Quartettsatz D 703 abgesehen, in zwei klar getrennte Abschnitte gegliedert. In die erste Phase gehören rund 16 Werke (12 vollständig überliefert, einige verschollen oder nur in Einzelsätzen erhalten). Die Hälfte davon entstand 1812/13 in rascher Folge. Gemeinsam ist ihnen (bis auf das E-dur-Quartett D 353), dass sie für den Hausgebrauch geschrieben wurden und ihre erste Aufführung durch das schubertsche Familienquartett erfuhren. Während die zur selben Zeit entstandenen Lieder (1813 zahlreiche auf Texte von Schiller) auf höhere Ambitionen schliessen lassen, bleiben die Quartette eher bescheiden, was nicht heisst, dass Schubert nicht experimentiert hätte.

Im Oktober 1815 schreibt er mit dem Erlkönig das Lied, das er später zu seinem Opus 1 bestimmte. Ein halbes Jahr vorher entstand das g-moll-Quartett. «Stärker als in anderen Quartetten der Zeit hat Schubert in seinem ersten Moll-Quartett den ‘klassizistischen’ Aspekt betont (straffe Formgliederung, kontrapunktische Durchführungsarbeit, thematische Verknüpfung der Sätze). Auch der melodische Tonfall erinnert bisweilen an ’Klassisches’, so an Beethovens Quartett op. 18 Nr. 2 (Finale) im ersten Satz und an Mozarts g-moll-Sinfonie (einem Lieblingsstück Schuberts) im Menuett» (M. Lichtenfeld).

Das Es-dur-Quartett D 87 ist eines der hübschesten, beliebtesten und meistgespielten der frühen Quartette. Dass man es jedoch im 19. Jahrhundert (zusammen mit D 353, mit dem es als op. 125 1830 postum veröffentlicht wurde) für im Jahre 1824, dem Entstehungsjahr des a-moll- und d-moll-Quartetts, entstanden halten konnte, ist ein heute nicht mehr verständlicher Irrtum. Erst die Auffindung des Manuskripts während des 1. Weltkriegs erbrachte die korrekte autographe Datierung November 1813. Bemerkenswert sind – neben dem gefälligen Kopfsatz und dem intermezzohaften Scherzo, «kurz und bündig eine deftige Rahmenhandlung zu einem reizenden Trio» [A. Feil]) und das Finale, eines «der besten, die Schubert bis 1819 komponierte» (J.E. Brown).

Welch andere Welt in Schuberts grösstem Quarett! In nur elf Tagen (allerdings möglicherweise nach Vorarbeiten im Jahr 1824) fast gleichzeitig mit Beethovens Abschluss von op. 131 entstanden, stellt es, mit jenem gleichrangig, nicht nur einen Gipfel der Quartettkunst dar, sondern gehört in seiner Weise zum Schwierigsten – in der Ausführung und im Erfassen. Kein populäres Liedthema (ist es deshalb weniger beliebt als das Rosamunde-Quartett oder als Der Tod und das Mädchen?), keine behäbige Biedermeierseligkeit täuscht über das Ernsthafte hinweg. In geradezu sinfonischen Zügen werden dramatische, in unruhigem Tremolo aufbrausende Blöcke mit lyrisch-kantablen verzahnt, als eine Art «einander ablösender Varianten. Variierte Reihung kennzeichnet auch den zweiten Satz, dessen ausgedehnt singende Cello-Melodien wohl Beruhigung, gar Frieden auszustrahlen vermöchten, wäre ihnen nicht der Affekt der Ruhelosigkeit in den Oberstimmen beigegeben» (A. Feil). Schubert hat hier wie in der C-dur-Sinfonie, im Streichquintett und in den letzten Sonaten nicht nur zur gros-sen Form gefunden, sondern in ihren Ein- und Ausbrüchen Grenzen erreicht, an die er auch in der Lyrik der Winterreise oder im Heine-Zyklus gestossen ist.

rs