Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

697

18.11.1997, 20:15 Uhr (Zyklus B 72. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Vermeer Quartet (Chicago)

Ashkenasi, Shmuel, Violine 1
Tacke, Mathias, Violine 2
Young, Richard, Viola
Johnson, Marc, Violoncello

Seit seiner Gründung im Jahre 1969 im Rahmen des Marlboro Festival und nach seiner ersten Europatournee von 1972/73 ist das Vermeer Quartett zu einer der namhaftesten Quartettformationen geworden. Regelmässig ist es Gast in unseren Konzerten, heute zum zehnten Mal. Sein Repertoire umfasst neben den Standardwerken auch weniger Bekanntes wie eben Bridge, Zeitgenössisches oder Amerikanisches: Elliott Carters 1. Quartett stand vor zwei Jahren auf dem Programm.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 14, G-dur, KV 387 (1782)

Allegro vivace assai
Menuetto: Allegretto – Trio
Andante cantabile
Molto allegro

Frank Bridge
1879-1941

Streichquartett Nr. 1, e-moll, H. 70 (1906)

Adagio – Allegro appassionato
Adagio molto
Allegretto grazioso
Allegro agitato

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
1840-1893

Streichquartett Nr. 1, D-dur, op. 11 (1871)

Moderato e semplice – Poco più mosso – Allegro non troppo, ma con fuoco
Andante cantabile
Scherzo: Allegro non tanto e con fuoco
Finale: Allegro giusto – Allegro vivace

Über die Entstehungsgeschichte der sechs sogenannten Haydn-Quartette wissen wir wenig, da Mozart in seinen Briefen darüber weitgehend schweigt. Doch zeigt ein Brief vom 26. April 1783 an den Pariser Verleger Joseph Sieber père, dass schon damals ein Zyklus von sechs Quartetten geplant war, obwohl erst KV 387 vorlag. Wie stark auch darin das Vorbild, Haydns op. 33, war, ist unklar. Auf dem Autograph des G-dur-Quartetts vermerkte Mozart, es sei li 31 di decembre 1782 in vienna geschrieben worden. Den neuen Stil – in Anlehnung an Haydns gantz neue Art des op. 33 – zeigt schon der Kopfsatz: ein bewundernswertes, kontrapunktisch angelegtes Hauptthema wird sogleich in motivisch-thematischer Arbeit weitergeführt. Das Menuett ist überraschend ausgedehnt und in raschem Tempo gesetzt; das Trio weicht in dunkles g-moll aus. Das Andante bildet mit seinen drei fein gegeneinander abgesetzten Themen das expressive Zentrum des Werkes, bevor eine gewagte Verbindung von Sonatenform und Fuge das Werk brillant und geistreich-spielerisch abschliesst.

Den aus Brighton gebürtigen Bridge kennt man hierzulande fast nur als Lehrer Brittens. Immerhin standen seine Three Idylls for String Quartet 1993 auf dem Programm eines unserer Konzerte. Aus dem gleichen Jahr stammt auch das 1. Streichquartett. Es entstand für einen Kompositionswettbewerb in Bologna, wo es eine Ehrennennung erhielt. Der Kopfsatz beginnt nach der langsamen Einleitung mit einem grossen, chromatisch absteigenden Thema. Die Durchführung verweilt etwas gar lange beim 2. Thema und verliert daher an Spannung. Knapper und konziser gehalten sind die Mittelsätze: Das Adagio verknüpft zu Beginn f-moll mit der Dominante von G; dies ergibt eine Vorahnung des vom Komponisten in seiner Reifezeit so geliebten Akkords, den man geradezu als „the Bridge chord“ bezeichnete. Das Allegretto kann die Nähe zur Salonmusik nicht verleugnen, verdankt ihr aber auch ein gewisses verführerisches Element. Dieser Satz und das Finale greifen auf Themen des Kopfsatzes zurück.

Auch Tschaikowskys 1. Quartett hat einen äusseren Anlass. Er schrieb es in aller Eile, weil er für ein Konzert mit eigenen Kammermusikwerken noch ein grösseres Stück benötigte. Publikum und Kritik nahmen das Quartett begeistert auf. Es ist musikantisch-spielfreudig, der Tonfall ist unverkennbar russisch. Im Kopfsatz allerdings, dessen Thema mit seinem synkopierten 9/8-Takt so eigenartig wirkt, hat man auch schon Schubert-Anklänge festgestellt. Das Andante in B-dur con sordini, das 1876 Tolstoi Tränen entlockt hat, beruht auf einem ukrainischen Volkslied im Wechsel von 3/4- und 2/4-Takt und einem salonhaften Originalthema, wie es „ein Orchester in einem Salon de thé an den Ufern des Schwarzen Meeres“ (Ménétrier) spielen könnte; nur die schlichte Satztechnik bewahrt es vor Banalität. Das Scherzo, ein robuster russischer Tanz, entwickelt durch die Verlagerung des schweren Taktteils starke rhythmische Energie. In behendem Elan verläuft das Finale. Es lässt ein russisches Dorffest aufleben. Im abrupten Wechsel von D-dur nach B-dur klingt wieder Schubert an. Nach dem pianissimo-Rückgriff auf das dritte Thema im Andante-Tempo klingt die Coda triumphierend fortissimo und Allegro vivace aus.

rs