Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

704

20.10.1998, 20:15 Uhr (Zyklus B 73. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Amati Quartett (Basel)

Zimmermann, Willi, Violine 1
Nawrotek, Katarzyna, Violine 2
Corti, Nicolas, Viola
Herrmann, Claudius, Violoncello

Das Amati-Quartett formierte sich 1981 und erhielt schon bald erste Preise in Evian und München. Neben dem klassischen und romantischen Repertoire liegt dem Ensemble einerseits vergessene oder wenig bekannte Musik des 20. Jahrhunderts, andererseits vor allem die neueste Musik unserer Zeit am Herzen. In unseren Konzerten hat es Streichquartette von Rudolf Kelterborn, Isang Yun, Bettina Skrzypczak und Ernst Helmuth Flammers Werk für Vibraphon und Streichquartett zur Uraufführung gebracht. Vor genau einem Jahr hat es in diesem Saal mit Werken von Haydn, Zemlinsky und Beethoven begeistert. Zu den renommierten Kammermusikpartnern gehören u.a. Krystian Zimerman, Antonio Meneses, Karl Engel, Eduard Brunner, David Geringas. Neben einer regen Konzerttätigkeit in Europa, USA, Japan und an bekannten Festivals wie Berlin, Ascona, Paris, Schwetzingen belegen zahlreiche Aufnahmen das künstöerische Niveau des Quartetts. Zwei seiner Einspielungen wurden mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Joseph Haydn
1732-1809

Streichquartett Nr. 78, B-dur, op. 76, Nr. 4, Hob. III:78 «The sunrise» (1797)

Allegro con spirito
Adagio
Menuetto: Allegro
Finale. Allegro ma non troppo

Jacques Wildberger
1922-2006

COMMIATO, Musik für Streichquartett Komponiert im Auftrag der „Pro Helvetia“ für das Amati-Quartett In memoriam D.P.F. 21.10.1961–18.2.1996 (1997)

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Streichquartett Nr. 12, Des-dur, op. 133 (1968)

Moderato
Allegretto

Mit Haydns „Sonnenaufgang“, den man aus der mehrfach ansetzenden Melodie zu Beginn des Kopfsatzes hat heraushören wollen, hebt die 73. Kammermusiksaison an. Sie weist zwei Schwerpunkte auf: Wiener Klassik (Haydn, Mozart, Beethoven:10 Werke) und einen Rundgang durch die westlichen Musiknationen, eingeschlossen den slawischen Bereich, Lateinamerika, die USA, die Schweiz sowie die weniger als Kammermusiknationen geltenden Randländer Spanien, Italien und Skandinavien.

Jacques Wildberger, einer der namhaftesten und wichtigsten Schweizer Komponisten unserer Zeit, wurde in Basel geboren und hat hier studiert. Es folgten Kompositionsstudien bei Wladimir Vogel in Ascona. 1966 wurde er Dozent in Karlsruhe, 1967 Stipendiat in Berlin. Bis 1987 lehrte er Komposition, Analyse und Satzlehre am Basler Konservatorium. Für seine Werke, in denen er als erster Schweizer die Zwölftontechnik anwandte, erhielt er mehrere Preise, zuletzt 1987 den Kulturpreis seiner Wohngemeinde Riehen. Wildbergers ernsten, in die Tiefe lotenden, jeder Form von Popularität abholden Qualitäten haben ihm vor allem in Deutschland hohe Anerkennung verschafft; sie treten auch in seiner ersten Streichquartettkomposition hervor. Er schreibt dazu:

In meinem Streichquartett nehme ich Abschied („Commiato“) von einer Frau aus meinem engeren Lebenskreis, die unter besonders tragischen Umständen im Alter von 34 Jahren gestorben ist. Ich habe versucht, meiner Befindlichkeit angesichts dieses Todes musikalische Gestalt zu verleihen: Zuerst das Wiederfinden von Sprache aus dem Geräuschhaften, dazu ein Zitat aus Mahlers 1. Kindertotenlied („...ein Lämpchen erlosch...“); dann eine Melodie, im 4-stimmigen Kanon mit sich selbst verstrickt; darauf ein Ausbruch unverhüllten Protestes. Zu Beginn des letzten Teils das musikalische Porträt der Verstorbenen, indem jeder Silbe des Namens – frei nach Josquin – eine Solmisationssilbe gleichen Vokals zugeordnet wird, freilich, entsprechend dem heutigen musikalischen Idiom, unter Zuhilfenahme von Versetzungszeichen, was den Aufbau einer 10-Ton-Reihe ermöglicht. Auch hier führt die Auffächerung zum 4-stimmigen Kanon zu einer Verstrickung mit sich selbst, ohne Hoffnung auf Befreiung. Im Schlussabschnitt tritt ein konstanter marschartiger Puls immer deutlicher und härter hervor: das unerbittliche Schicksal, das keine unserer Fragen beantwortet und schliesslich einfach ins Leere abbricht.

Schostakowitschs 12. Quartett, Konsolidierung und Neubeginn, leitet die Reihe der letzten Quartette ein. Obwohl das Cellomotiv zu Beginn zwölftönig ist, nutzt es der Komponist nicht seriell, sondern thematisch, wie er auch die Tonalität nicht aufgibt. Das Werk beginnt und endet in Des-dur. Hinter der Zweisätzigkeit mit einem gegenüber dem 1. Satz dreimal längeren zweiten verbirgt sich eine komplexe fünfteilige Struktur (H. Keller): I Exposition (Moderato) II Scherzo (Allegretto) III Langsamer Satz (Adagio) IV Durchführung (Moderato) V Finale als Reprise (Moderato – Allegretto). Schostakowitsch sah im 1. Satz „die Welt hoher Ideale. Der 2. Satz stellt ein beunruhigendes Scherzo dar, eine Agonie, die unfähig ist, die Widersprüchlichkeit des Lebens zu lösen“.

rs