Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

710

26.1.1999, 20:15 Uhr (Zyklus A 73. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Guarneri Quartet (New York)

Steinhardt, Arnold, Violine 1
Dalley, John, Violine 2
Tree, Michael, Viola
Soyer, David, Violoncello

Seit nunmehr 35 Jahren spielt das Guarneri Quartet in unveränderter Besetzung. Die Wahl des Namens beruhte auf einem Zufall, da der Cellist damals ein Cello von Guarneri spielte. Inzwischen tritt David Soyer mit einem Instrument von Giuseppe Gagliano (Neapel 1778) auf, Steinhardt spielt eine Lorenzo Storioni (Cremona), Dalley eine Nicolas Lupot (Paris 1810), Tree eine Bratsche von Domenico Busan (Venedig 1750). Das Quartett gehört zu den berühmtesten der letzten Jahrzehnte. Zahllos sind die Konzerte in aller Welt, riesig auch das Plattenrepertoire: Vor genau zehn Jahren erfolgte die Einspielung der Quartette von Grieg und Sibelius. Die Jubiläumstournee führt das Quartett u.a. nach Berlin, Freiburg, Zürich, London, Frankfurt, in der zweiten Saisonhälfte nach Kopenhagen, Köln, Bonn, Basel, Tübingen, Stuttgart, Bologna.

Juan C. de Arriaga
1806-1826

Streichquartett Nr. 2, A-dur (1822)

Allegro con brio – Più Allegro
Andante
Menuetto (Scherzo) – Trio
Andante ma non troppo – Allegro

Alban Berg
1885-1935

Streichquartett op. 3 (1909/10/24)

Langsam
Mässige Viertel

Edvard Grieg
1843-1907

Streichquartett g-moll, op. 27 (1877/88)

Un poco andante – Allegro molto ed agitato
Romanze. Andantino – Allegro agitato
Intermezzo. Allegro molto marcato – Più vivo e scherzando
Finale. Lento – Presto al saltarello

Den spanischen Mozart oder Schubert hat man ihn genannt, den keine zwanzig Jahre alt gewordenen Juan Crisóstomo Jacobo Antonio de Arriaga y Balzola aus Bilbao, der keine Gelegenheit hatte, über den Status des Wunderkinds hinauszutreten. Bei aller Vorsicht: Ein Körnchen Richtigkeit haben die Vergleiche. Mit Mozart verbindet Arriaga sein Geburtstag: Auf den Tag genau 50 Jahre nach ihm wurde er am 27. Januar 1806 geboren. Und seine drei Quartette kann man, auch in der Qualität, mit den nur wenig zuvor und in vergleichbarem Alter entstandenen frühen Quartetten Schuberts vergleichen, mögen sie stilistisch auch nicht der Wiener Klassik angehören. Arriaga hatte bereits mit elf Jahren in Bilbao «begonnen, Quartette zu komponieren», wie sein Vater berichtet. Die drei bekannten Quartette entstanden in Paris, wo sich der junge Komponist seit Herbst 1821 aufhielt – und einer wahren Quartettmode begegnete. Trotz einer gewissen Bevorzugung der 1. Violine wenden sich seine Quartette vom Pariser Typus des Quatuor concertant ab, schon allein in ihrer Viersätzigkeit. Modern ist Arriaga weniger äusserlich (er belässt trotz der Bezeichnung Scherzo das Menuett), als im Verschleiern der Übergänge und in der Tonsprache. So ist er einer der ersten, der eine rein im Pizzicato zu spielende Passage wagt. Weitere Qualitäten der drei Werke sind harmonische Überraschungen, der sorgfältige Aufbau und die Schönheit der Melodik.

Einer andern Randnation der (Kammer-)Musik gehört Grieg an. Auch er hat seine Studien in einem internationalen Zentrum absolviert, 1858–1863 in Leipzig. Obwohl hier die Nachfolger Mendelssohns und Schumanns (Stichwort Gade, bei dem Grieg in Kopenhagen studierte) den «Ton angaben», «verschworen (wir) uns gegen den Gadeschen-Mendelssohn-vermischten weichlichen Skandinavismus und schlugen mit Begeisterung den neuen Weg ein, auf dem sich noch heute die nordische Schule befindet», berichtet Grieg in seiner deutsch geschriebenen Autobiographie. Die Hinwendung zur nordischen Folklore und zum Nationalen, die man an Grieg als eine Art Exotikum schätzt, hat es dem Quartett schwer gemacht. In der Tat scheint das Quartett mehr eine suitenartige Folge von Sätzen zu sein. Richard Stein nannte sie «vier einheitlich gekleidete Kinder, die nicht zu einer Familie gehören». Dabei überhört man, dass das thematische Material aller Sätze aus den drei unisono gespielten Anfangstönen abgeleitet ist, also Griegs Willen zu einer konsequenten Einheitlichkeit dokumentieren. So ist Griegs Werk vielleicht kein einmaliges Meisterwerk, aber doch ein interessantes Beispiel für ein individuelles Quartett am Rand der als verbindlich geltenden klassisch-romantischen «Norm».

Am Rande steht auch Bergs op. 3, an jener (Auf-) Bruchstelle des frühen 20. Jahrhunderts. Als noch direkt von Schönberg empfangen hat Berg das Werk später bezeichnet. Die «Geste der herrischen Selbstbehauptung, als welche das Stück einsetzt und endet» hat «nichts mehr von der Befangenheit des Gesellen, nichts vom Gefühlsdekor des Jugendstils» (Adorno). Die trotz Anlehnung an Sonate und Rondo neuartige Architektur des Stücks zeigt auf, wie der Komponist, ohne mit den alten Formen zu brechen – wie im Wozzeck – neue Wege geht, indem er sie produktiv umformt.

rs