Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

712

16.3.1999, 20:15 Uhr (Zyklus A 73. Saison)
Stadtcasino, Festsaal

Juilliard Quartet (New York)

Smirnoff, Joel, Violine 1
Copes, Ronald, Violine 2
Rhodes, Samuel, Viola
Krosnick, Joel, Violoncello

Auch wenn Robert Mann, Gründer und fünfzig Jahre lang Primarius des Juilliard Quartet, seit 1997 nicht mehr dabei ist: Einer Vorstellung bedarf diese Legende des Quartettspiels nicht mehr. 1946 wurde es auf Veranlassung von William Schuman, dem Präsidenten der Juilliard School of Music New York, gegründet. Die neu hinzugekommenen Mitglieder Samuel Rhodes (1969), Joel Krosnick (1974) und Joel Smirnoff (1986) haben den Juilliard-Stil übernommen und weitergeführt und werden ihn auch mit Ronald Copes weitergeben. Vor seinem ersten Konzert mit dem Quartett im August 1997 in Tanglewood war Ronald Copes zwanzig Jahre lang Professor an der University of California in Santa Barbara und Mitglied zweier amerikanischer Klavierquartette. Er gehört zum Lehrkörper der Juilliard School, wo das Quartett seit jeher als Quartet in residence wirkt. Seit 1962 hat es die gleiche Funktion an der Library of Congress in Washington inne. Die Fähigkeit der Juilliards, Partituren auszuleuchten, musikalische Abläufe überblickbar zu machen, emotionales understatement und Texttreue mit innerer Gespanntheit zu verbinden und mit der Klangfülle doch auch die Selbständigkeit der Stimmen zu bewahren, wurde immer bewundert und wird auch die Qualität des «neuen» Juilliard Quartets sein. Es tritt heute zum zweiten Mal in der neuen Besetzung in unseren Konzerten auf.

Ludwig van Beethoven
1770-1827

Streichquartett Nr. 1, F-dur, op. 18, Nr. 1 (1798/1800)

Allegro con brio
Adagio affetuoso ed appassionato
Scherzo: Allegro molto – Trio
Allegro

Elliott Carter
1908-2012

Streichquartett Nr. 5 (1994-95)

Introduction
Giocoso
Interlude I
Lento espressivo
Interlude II
Presto scorrevole
Interlude III
Allegro energico
Interlude IV
Adagio sereno
Interlude V
Capriccioso

Bedrich Smetana
1824-1884

Streichquartett Nr. 1, e-moll «Aus meinem Leben» (1876)

Allegro vivo appassionato
Allegro moderato alla Polka
Largo sostenuto
Vivace

Beethovens Nummer 1 ist eigentlich sein zweites; es wurde vor der Veröffentlichung stark überarbeitet. Seinem Freund Amenda, dem er die Erstfassung geschenkt hatte, schrieb er ein Jahr später: Dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgearbeitet habe, indem ich erst jetzt recht Quartetten zu schreiben weiss. Der erste Satz treibt nun die motivische Arbeit auf die Spitze, beruht doch der ganze Satz beinahe ganz auf einem Zweitaktmotiv – Reduktion einer langen Auseinandersetzung auf elf Seiten Skizzen. Im d-moll-Adagio sei, wie Amenda weiss, die Grabszene aus «Romeo und Julia» gemeint. Während das Scherzo geradezu Verwirrung stiftet, setzt das Finale auf Spiel und Charme. Beide Sätze erreichen nicht ganz die Tiefe und Bedeutung der beiden ersten – aber muss das denn sein?

Elliott Carter, fast auf den Tag ein Altersgenosse von Olivier Messiaen, darf einer der grössten modernen Komponisten der USA genannt werden. Er macht nicht durch spektakuläre, die Publizität suchende Auftritte auf sich aufmerksam, sondern durch seine gediegene, sorgfältige, aber nichtsdestoweniger lebendige Musiksprache. Er will – bei aller Radikalität – nicht aufbegehren, sondern kommunizieren. Er sucht die «fokussierte Freiheit» des Diskurses, nicht die Konfrontation. Mit Basel ist Carter durch eine enge Beziehung zu Heinz Holliger verbunden. Das fünfte seiner Streichquartette (Dauer: gut zwanzig Minuten) will zu den vorangehenden, äusserst kontrastierenden Quartetten Ergänzung und Unterschied zugleich sein. Carter wählte dafür eine neue, eigene Form. Sechs suitenartige Sätze (gerade Satzzahl) werden durch eine Einleitung und fünf Interludien getrennt. Dabei sind die Suitensätze sorgfältig durchgearbeitete Charakterstücke: «ein flüchtiges Giocoso, ein Lento espressivo mit langsam sich verlagernden Akkorden, ein hastiges, scherzoähnliches Presto scorrevole, ein rhetorisch ausdrucksvolles Adagio sereno mit hohen Flageoletttönen und schliesslich eine eigentümliche Pizzicato-Coda mit der Bezeichnung Capriccioso» (B. Northcott). Einleitung und Zwischenspiele dagegen wirken, obwohl sie genau notiert sind, frei, ja zufällig. Wie wenn Musiker während der Pausen einer Probe einzelne Passagen ihres Parts spielen, werden Elemente aus den Suitensätzen aufgenommen. So wird das gleiche musikalische Material «im Zusammenhang der Ordnung und der (scheinbaren) Unordnung hörbar».

Zu Smetanas Selbstbiographie in Tönen sei hier wieder einmal das Programm, das der Komponist in einem Brief vom 12. April 1878 beschrieben hat, aufgeführt (gekürzt): I. Satz: Hang zur Kunst in meiner Jugend, romantische Stimmung, unaussprechliche Sehnsucht nach etwas, was ich nicht in Worten ausdrücken konnte. Der II. Satz führt mich in der Erinnerung in das heitere Leben meiner Jugendzeit, in der ich meine Umwelt mit Tanzstücken überschüttete, selbst als leidenschaftlicher Tänzer bekannt war. Der dritte Satz erinnert mich an das Glück der ersten Liebe zu dem jungen Mädchen, das später meine treue Gattin wurde. Der vierte Satz: Die Erkenntnis der elementaren Kraft, die in der nationalen Musik ruht, und die Freude an den Ergebnissen des beschrittenen Weges bis zu jenem Augenblick, da sein weiterer Verlauf durch die ominöse Katastrophe jäh unterbrochen wurde: Beginn der Taubheit, Ausblick in eine freudlose Zukunft.

rs