Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

721

18.1.2000, 20:15 Uhr (Zyklus B 74. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Edith Wiens, Sopran/Rudolf Jansen, Klavier

Wiens, Edith, Sopran
Jansen, Rudolf, Klavier

Edith Wiens ist in Basel keine Unbekannte: Zwischen 1977 und 1985 trat die in Kanada geborene Sängerin regelmässig in den Konzerten des Basler Kammerorchesters unter Paul Sacher auf. Vor einem Jahr beeindruckte sie in Zemlinskys Lyrischer Sinfonie, die sie mit Armin Jordan auch auf CD aufgenommen hat. Ihre Studien absolvierte sie in den USA und in München, wo sie heute lebt. Sie erhielt bedeutende Wettbewerbsauszeichnungen und ist mit berühmten Orchestern und Dirigenten, auch bei Festspielen wie Salzburg, Tanglewood, Luzern, Montreux sowie an den Berliner und Wiener Festwochen aufgetreten. Als Liedsängerin von höchstem Rang hat sie in Wien, Moskau, New York, Berlin und London, als Mozart-Interpretin u.a. in Glyndebourne, an der Scala und im Teatro Colon in Buenos Aires gesungen. Edith Wiens ist Ehrendoktor des Oberlin College USA und Professorin für Gesang in Düsseldorf. Liedaufnahmen mit Rudolf Jansen liegen auf CD von Schubert, Schumann und Strauss vor.

Rudolf Jansen stammt aus dem niederländischen Arnhem. Seine Studien schloss er am Konservatorium von Amsterdam 1966 mit Auszeichnung ab und trat daraufhin in Rezitals und als Solist auf. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Liedpianisten. Er ist unter anderem mit Ely Ameling, Brigitte Fassbaender, Dietrich Fischer-Dieskau, Ernst Häfliger, Peter Schreier aufgetreten. Unter den Jüngeren hat er mit Hanspeter Blochwitz, Barbara Bonney, Robert Holl und Andreas Schmidt zusammengearbeitet. Häufig tritt er auch mit Edith Wiens auf, mit der er auch Platten eingespielt hat. Ausserdem gibt er weltweit Meisterkurse für Liedinterpretation.

Franz Schubert
1797-1828

«Seligkeit», (Ludwig H.C. Hölty), D 433 (1816)

Ariette der Claudine (J. W. v. Goethe), D 239/6 (1825)

An den Mond (J. W. v. Goethe), D 259 (1815)

An Silvia (W. Shakespeare/E. v. Bauernfeld), D 891 (op. 106/4) (1826)

Die junge Nonne (Jakob Nikolaus Craigher), D 828 (op. 43/1) (1825)

Felix Mendelssohn Bartholdy
1809-1847

«Die Liebende schreibt» (Text: J. W. v. Goethe), op. 86/3 (1844)

Gruss. «Leise zieht durch mein Gemüt» (Heinrich Heine), op. 19a/5 (1830/34)

«Auf Flügeln des Gesanges» (Heinrich Heine), op. 34/2 (1833/34)

Hugo Wolf
1860-1903

Lieder für Sopran aus dem «Italienischen Liederbuch» (Paul Heyse)

12: Nein, junger Herr (1891)
43: Schweig einmal still (1896)
11: Wie lange schon war immer mein Verlangen (1891)
10: Du denkst mit einem Fädchen mich zu fangen (1891)
46: Ich hab in Penna einen Liebsten (1896)

Aaron Copland
1900-1990

Aus den «Old American Songs» (1950/52)

Simple gifts (Shaker song) I, 4 (1950)
At the river (Robert Lowry) II, 4 (1952)

Johannes Brahms
1833-1897

«Der Jäger» (Friedrich Halm), op. 95/4

Trennung. «Da unten im Tale» (Volkslied), op. 97/6

«Auf dem Kirchhof» (Detlev von Liliencron), op. 105/4

«Schwesterlein» (Volkslied), op. 97/15

«Von ewiger Liebe» (Josef Wentzig), op. 43/1 (1864)

«Vergebliches Ständchen» (Volkslied/Anton W. F. v. Zuccalmaglio), op. 84/4

Richard Strauss
1864-1949

«Ach Lieb, ich muss nun scheiden» (Felix Dahn), op. 21/3 (1887-88)

«Die Nacht» (Hermann von Gilm), op. 10/3 (1882-83)

«Wiegenlied» (August H. Hoffmann von Fallersleben) (1878)

«Das ist ein schlechtes Wetter» (Heinrich Heine), op. 69/5 (1895-96)

«Zueignung» (Hermann von Gilm), op. 10/1 (1882-83)

Das hübsche Walzerliedchen „Seligkeit“ hat Schubert im Mai 1816 etwa gleichzeitig mit der unvollendeten Oper „Die Bürgschaft“ nach Schiller – leider in einer glättenden Textfassung – als biedermeierlich naive Petitesse vertont. Die Pianissimo-Ariette aus Goethes „Claudine von Villabella“ wiederholt den Text zweimal, variiert aber die Melodielinie mehr oder weniger frei. Die erste Bearbeitung „An den Mond“ ist ein einfaches Strophenlied; da Schubert je zwei Strophen in eine Liedstrophe zusammenfasst, fällt eine der neun Strophen Goethes weg. Berühmt ist der von Schuberts Freund Bauernfeld übersetzte dreistrophige Gesang aus Shakespeares „Two Gentlemen of Verona“ (IV, 2), eine Kantilene über durchgehenden, von einem punktierten Motiv im Bass leidenschaftlich untermalten Achtelakkorden. Ein typisch schubertsches Tremolo über unruhigem Bassmotiv führt „Die junge Nonne“ in Crescendo und Decrescendo von der Leidenschaft weltlicher Liebe zur Ruhe himmlischen Friedens und zum erlösenden Alleluja.

Aus Mendelssohns Liedschaffen ist wenig bekannt, doch die beiden Heine-Vertonungen gehören zu den berühmtesten Liedern des 19. Jahrhunderts. Vielleicht überzeugen die 15 Takte zartester Lyrik in „Leise zieht durch mein Gemüt“ mit ihrem Spiel um den D-dur-Dreiklang heute mehr als die arpeggienumrauschte, etwas glatte Kantilene von „Auf Flügeln des Gesanges“.

Wolf hat die 46 Lieder von Heyses Nachdichtungen italienischer volksliedhafter Gesänge als „die originellsten und künstlerisch vollendetsten“ seiner Werke bezeichnet. Die Vielfalt der Liebes- und Spottlieder, Rache- und Hochzeitsgesänge nutzt er zu farbiger Ausgestaltung, vor allem im raffinierten Klavierpart. Er wird zum Zentrum der Vertonung, während die Stimme oft ins Deklamatorische zurückgenommen ist. Wolf verzichtet weitgehend auf Anklänge an Folklore und bietet eine nordalpine Sicht im Stile des fin de siècle auf eine gebrochene Italianità, bewahrt aber – trotz höchster Konzentration – gerade in den hier gebotenen Liedern einen buffonesken Ton voller Esprit – gleichsam nach dem Motto des ersten Liedes des Zyklus: „Auch kleine Dinge können uns entzücken.“

Der Amerikaner Copland aus Brooklin N.Y. studierte bei Rubin Goldmark und 1921–24 in Paris bei Nadja Boulanger. 1950 und 1952 gab er zwei Sammlungen mit je fünf volkstümlichen „Old American Songs“ heraus, die er 1954 bzw. 1958 auch mit Orchesterbegleitung arrangiert hat.

Brahms zeigte eine Vorliebe für Volksmelodien (Ungarische Tänze!) und Volkslieder, für die er Klavierbegleitungen erfand. 1860 wollte er gar das Volkslied als Gegenbewegung zum „falschen Kurs“ des Kunstliedes setzen. Unter den fünf volksliedhaften des Programms ragt das aus dem Wendischen übertragene „Von ewiger Liebe“ mit grandioser Schlusssteigerung heraus. Drei sind eigentliche Volkslieder. Die späte Liliencron-Vertonung dagegen geht ganz von dieser Linie ab und weist mit dem Choralzitat –auch das ein Volksgesang! – auf die „Vier ernsten Gesänge“ voraus.

Im op. 10, acht Liedern aus Gilms „Letzte Blätter“, dem Werk eines Achtzehnjährigen, klingt die berühmte enthusiastische „Zueignung“ an Brahms an und ist doch echter Strauss. „Die Nacht“ dagegen leitet sich eher von Schumann her und lässt die Lichter in fahlen Klängen erlöschen. Volksliedhaft wirkt die elegisch leise Dahn-Vertonung aus den „Schlichten Weisen“. Im letzten Liederabend Zugabe, erklingt nun Heines „Schlechtes Wetter“ im regulären Programm: Ironie in Text und Ton!

rs