Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

726

7.11.2000, 20:15 Uhr (Zyklus B 75. Saison)
Stadtcasino Basel, Hans Huber-Saal

Dietrich Henschel, Bariton
Irwin Gage, Klavier

Henschel, Dietrich, Bariton
Gage, Irwin, Klavier

Dietrich Henschel wurde in München und Berlin ausgebildet; schon während des Studiums war er Preisträger mehrerer Wettbewerbe. Sein Operndebut gab er als 23-jähriger bei der Münchner Biennale 1990. Es folgten Gastengagements an verschiedenen deutschen Opernhäusern und bei Festivals, so bei den Schubertiaden in Wien und Feldkirch. 1993-95 war er Ensemblemitglied der Kieler Oper und sang dort Papageno, Graf (Nozze), Valentin (Faust), Pelléas und Orfeo (Monteverdi und Gluck). Seit 1996 führten ihn freie Engagements nach Bonn, Stuttgart, Lyon und Berlin (Deutsche Oper), wo er 1997 Henzes Prinz von Homburg sang. 1999 war es die Rolle des Faust, die er mehrfach interpretierte: in Schumanns «Faustszenen» mit Gardiner in London und Luzern, in Busonis «Dr. Faust» in Lyon, Berlin und Paris unter Kent Nagano. Als Konzertsänger ist er mit vielen Spitzenensembles und berühmten Dirigenten aufgetreten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Liedgesang. Mit Irwin Gage hat er «Die Winterreise» im Sommer 2000 mehrfach szenisch aufgeführt; eine CD-Einspielung ist in Vorbereitung.

Irwin Gage darf als einer der grössten Kenner des Liedes und bedeutendsten Liedpianisten unserer Zeit gelten. Er wurde als Sohn eines ungarischen Vaters und einer russischen Mutter in Cleveland/Ohio geboren und studierte Klavier, Musikwissenschaft und Literatur. Sein besonderes Interesse für das Lied führte ihn nach Wien, u.a. zu Erik Werba. Das französische Repertoire erarbeitete er mit Pierre Bernac in Paris. Obwohl Gage immer wieder als Solist auftritt, gilt sein Hauptinteresse der Liedbegleitung. So war er Begleiter bedeutender Liedsängerinnen und -sänger wie Fischer-Dieskau, Schreier, Brigitte Fassbaender, Gundula Janowitz, Jessye Norman. Ganz besonders wichtig ist ihm die Zusammenarbeit mit jungen Künstlern. Gerade hier sind in letzter Zeit erfreulich viele meisterliche Talente aufgetaucht (u.a. Kurt Streit, Roman Trekel, Matthias Goerne, Dietrich Henschel, Christine Schäfer, Cornelia Kallisch, Christiane Oelze). Gage hat bei vielen nicht unwesentlichen Anteil an ihrer Entwicklung oder ist zumindest mit ihnen aufgetreten. Für seine Leistungen ist er mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Am 9. März 1999 gastierte er mit Christiane Oelze in unseren Konzerten.

Franz Schubert
1797-1828

«Die Winterreise». Zyklus von 24 Liedern nach Texten von Wilhelm Müller, op. 89, D 911 (1827)

Gute Nacht
Die Wetterfahne
Gefrorne Tränen
Erstarrung
Der Lindenbaum
Wasserflut
Auf dem Flusse
Rückblick
Irrlicht
Rast
Frühlingstraum
Einsamkeit
Die Post
Der greise Kopf
Die Krähe
Letzte Hoffnung
Im Dorfe
Der stürmische Morgen
Täuschung
Der Wegweiser
Das Wirtshaus
Mut
Die Nebensonnen
Der Leiermann

«Die Korrektur von der zweiten Abteilung der Winterreise waren die letzten Federstriche des vor kurzem verblichenen Schubert.» Dieser Satz aus der Verlagsankündigung vom Dezember 1828 ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Ungewollt gerät der unglückliche Winterreisende in die Nähe von Schuberts eigenem Tod - eine Mythifizierung wie so häufig bei Schubert (man denke an die «Unvollendete»!) setzt ein. Zum andern erfahren wir, dass der Zyklus offenbar in zwei Abteilungen veröffentlicht wurde. Diese Zweiteilung gilt nicht nur für die Veröffentlichung, sondern auch für die Entstehung, und zwar zweifach: Die ersten zwölf Lieder, deren Text Schubert offensichtlich aus Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1823 entnommen hat, sind zu Beginn des Jahres 1827 entstanden (die Reinschrift von Gute Nacht ist mit Februar 1827 datiert). Wilhelm Müller selbst hat später zwölf Gedichte hinzugefügt und 1824 unter dem Titel Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten in Dessau herausgebracht. Während Müller die neuen Gedichte zwischen die alten einfügte (Reihenfolge in der Zählung bei Schubert: 1-5/13/6-8/14-21/9-10/23/11-12/22/24), hängte sie Schubert an die bereits komponierten an und stellte dabei einzig Mut und Die Nebensonnen um. Dieses Faktum zeigt, dass die Winterreise viel weniger als Die schöne Müllerin eine sich entwickelnde «Handlung» aufweist. Die Texte kreisen immer um dasselbe, variieren die gleichen Gedanken und greifen das im einsamen Wandern so typische Reflektieren in zwar neuen Formen und Bildern, aber letztlich im gleichen Gefühl wieder auf. Der Wanderer der Winterreise bricht zwar auf (Nr. 1 ist ein Wanderlied - aber was für eines im Vergleich zur Nr. 1 der Müllerin!), geht dann aber im Kreis herum und findet sein Ziel, das «Wirtshaus» (= Totenacker) nicht. Das Kreisende, welches sowohl in der Textentstehung und in der Komposition enthalten ist, findet sein Abbild im Schlusslied: Der seinen Leierkasten sinnlos drehende Leiermann wird so zum Ebenbild des sinnlos über sein Schicksal nachdenkenden und trotz dem Wegweiser ziellos kreisenden Wanderers. Ob der Leiermann der den Wanderer erlösende Tod ist (wie es in der Müllerin der Bach war) bleibt letztlich offen wie Schuberts schwebende Quinte am Ende des Zyklus. Dieses Schauerlich-Ungewisse, diese Hilflosigkeit trotz zeitweisem Aufbäumen und Trotzen (etwa in Der stürmische Morgen oder Mut), dieses immer mehr in sich selbst hinein Kreisen hat Schuberts Freunde und Zeitgenossen so tief erschüttert, dass sie über diesem Zyklus erschraken. Schubert ist es gelungen, über diese Texte in eine Tiefe, in Schmerz und Einsamkeit vorzudringen wie nie zuvor. Was in der Müllerin noch naive Volksliedhaftigkeit und im Grunde Heiterkeit gewesen war (man vergleiche den hellen Bach noch am Ende der Müllerin und den Fluss in Auf dem Flusse), ist trotz mancher textlicher Volkstümlichkeit einer monochrom-schmerzhaften Trostlosigkeit gewichen (16 Lieder stehen in Moll). Das einzige scheinbar volkstümliche Lied, Der Lindenbaum, war auch das einzige, das den Zuhörern der ersten Aufführung gefallen hat. In Silchers «Volksliedfassung» für Chor wird die beängstigende Mollpassage der dritten Strophe an das Dur der beiden ersten angeglichen. Am 27. März 1824 hatte Schubert in seinem Tagebuch notiert: «Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz entstanden! jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen.» Erfreuen wird uns das Schmerzende dieser Winterreise auch heute nicht - aber noch immer so erschüttern, wie es nur wenige Werke der Musikgeschichte vermögen.

rs