Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

735

23.10.2001, 20:15 Uhr (Zyklus A 76. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Brahmsiade

Paul Meyer, Thomas Larcher, Thomas Demenga

Demenga, Thomas, Violoncello
Larcher, Thomas, Klavier
Meyer, Paul, Klarinette

1982 bis 1984 gewann Paul Meyer sehr jung verschiedene höchste Auszeichnungen, was nicht nur rasch zu einer steilen Solistenkarriere führte, sondern ihm auch den Rat und die Freundschaft Benny Goodmans verschaffte. Zahlreich sind Dirigenten und Kammermusikpartner, von Abbado bis Rostropowitsch, mit denen er musiziert. Zahlreiche Platteneinspielungen, gerade auch von Kammermusikwerken sind entstanden. Paul Meyer stammt aus Mulhouse und lebt heute in Paris. Er ist bereits 1996 mit den "Domaines" von Boulez und, zusammen mit dem Carmina Quartett, mit dem Klarinettenquintett von Brahms in unseren Konzerten aufgetreten.

Thomas Demenga, in Bern geboren, studierte bei Walter Grimmer, Antonio Janigro, Leonard Rose und Mstislaw Rostropowitsch. Seine kammermusikalische Ausbildung erhielt er an der Juilliard School. Wettbewerbserfolge erzielte er in Genf (1975) und New York (1977). Seither ist ein gefragter Solist und Kammermusiker, der mit bedeutenden Dirigenten und Partnern zusammenarbeitet. Er leitet eine Solisten- und Berufsklasse an der Musikhochschule Basel. Als Komponist und Interpret widmet er sich der neuen Musik; diese ist wie das klassische Repertoire durch CD-Einspielungen dokumentiert. Seit Sommer 2001 leitet Demenga das Musikfestival Davos.

Der 1963 in Innsbruck geborene Pianist und Komponist Thomas Larcher studierte in Wien Klavier bei Heinz Medjimorec und Elisabeth Leonskaja, Komposition bei Erich Urbanner. Er tritt regelmässig bei österreichischen Festivals und in Deutschland mit bedeutenden Dirigenten und Kammermusikpartnern auf. Im Jahre 2000 fand seine Interpretation von Bachs "Wohltemperiertem Klavier" grosse Beachtung. Wichtig ist ihm die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Michael Jarrell (Uraufführung eines Klavierkonzerts bei den Salzburger Festspielen 2001), Olga Neuwirth oder Heinz Holliger. Eine Einspielung mit Werken des letztgenannten erhielt den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Er hat zudem Werke von Schönberg und Schubert, Isang Yun und Eigenkompositionen (mit Thomas Demenga und Erich Höbarth, erschienen 2001) aufgenommen.

Johannes Brahms
1833-1897

Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1, e-moll, op. 38

Allegro non troppo
Allegretto quasi Menuetto
Allegro

Sonate für Klarinette und Klavier, f-moll, op. 120/1

Allegro appassionato
Andante, un poco Adagio
Allegretto grazioso
Vivace

Pierre Boulez
1925-2016

«Domaines» für Klarinette solo (1968)

6 pièces: Cahiers B, C, E, A, D, F

Johannes Brahms
1833-1897

Trio a-moll für Klavier, Klarinette und Violoncello, op. 114 (1891)

Allegro
Adagio
Andantino grazioso
Allegro

Brahmsiade - mit einem weiteren "B"

Die klar umrissenen Werkgruppen von Brahms umfassen meist zwei oder drei Werke (Klavier- und Violinsonaten, Klaviertrios mit Streichern, Streichquartette, -quintette und -sextette); sie gehören nicht selten verschiedenen Schaffensperioden an. Das zeigen die je zwei Cello- und Klarinettensonaten, allerdings mit der Ausnahme, dass die beiden Klarinettensonaten nicht nur zusammen entstanden, sondern auch unter einer Opuszahl zusammengefasst sind. Zwischen den Cellosonaten, die Brahms ausdrücklich als "Sonaten für Klavier und Violoncello" bezeichnet, liegen hingegen 24 Jahre. Die e-moll-Sonate (bisher ein einziges Mal in unseren Programmen: 1946 mit Pau Casals) steht, abgesehen von einigen Forte-Aufschwüngen und vom energischen Finale, als lyrisches, auf die Kantabilität des Cellos setzendes Werk im Gegensatz zum mehr sinfonischen op. 99. Sie wurde als viersätziges Werk konzipiert. Auf den umfangreichen Kopfsatz in Sonatensatzform mit prachtvoller Liedmelodie im Seitenthema folgte ein Adagio, dann ein für Brahms durchaus typischer Mischsatz in dreiteiliger Liedform, der Tanzsatz (eine Art Walzer) und langsamen Satz (als langsamen Ländler) kombiniert. Erst drei Jahre später fügte Brahms als Finale das bewegt-kraftvolle Fugato hinzu. Es dürfte von der Spiegelfuge des Contrapunctus XIII aus Bachs "Kunst der Fuge" angeregt sein. In dieser Form erschien Brahms das Werk als zu lang und schwer; darum strich er zuletzt das Adagio.

Die beiden Klarinettensonaten wirken, wiewohl viersätzig, weniger gewaltig, dafür konzis, gedämpft, wenn auch höchst klangvoll. Sie sind typische Spätwerke des Komponisten, in denen die so moderne, von Schönberg gerühmte Technik der "entwickelnden Variation" voll ausgereift ist. Brahms verwendet vor allem die lyrisch-kantable Mittellage der Klarinette und macht nur selten von den virtuosen Möglichkeiten und den hohen Lagen Gebrauch. Darum werden die Sonaten zusammen mit den "Vier ernsten Gesängen" (op. 121) gerne als das Testament des Komponisten bezeichnet.

1891 war Brahms, der mit dem Streichquintett op. 111 sein Lebenswerk für abgeschlossen hielt, in Meiningen dem Klarinettisten Richard Mühlfeld begegnet. Unter dem Eindruck der Interpretation von Mozarts Quintett KV 581 schrieb er für ihn im Sommer das Trio op. 114 und das Quintett op. 115; 1824 folgten die Sonaten op. 120. Auch das Trio, das mit dem Horntrio von 1865 wieder ein gegensätzliches, zeitmässig weit auseinanderliegendes Paar bildet, gehört mit beinahe asketischen Zügen zum Spätstil. Auch hier nutzt Brahms die schönen Klänge und den sanften Ton des "Fräulein Klarinette", die sich hier mit denen des Cellos in Wärme verbinden. Die beiden Mittelsätze sind - wie manche der zeitgleichen Klavierstücke - helle Intermezzi, die Ecksätze mehr nachdenkliche Gedanken- und Formspiele. Einzig im Finale bricht manchmal das ungarisch-zigeunerische Element hervor.

Boulez, der Analytiker, scharfsinnige Denker und technische Experimentator unter den modernen Komponisten (und Dirigenten), hat mehrere Werke für kammermusikalische Besetzungen geschrieben, darunter ein frühes Streichquartett (Livre pour quatuor, 1949). Die Domaines existieren auch in einer Fassung für Soloklarinette mit verschiedenen Instrumentengruppen pro Blatt A-F des 1. Teils. Der Solist nimmt dazu dieser Gruppe gegenüber bzw. in der Soloversion an einer entsprechenden Stelle des Podiums Platz und wählt deren Reihenfolge frei. Unter "domaine" versteht Boulez "un ensemble de champs harmoniques".

rs