Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

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Konzertdetails

737

27.11.2001, 20:15 Uhr (Zyklus B 76. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Trio Wanderer (Paris)
Gillian Webster, Sopran

Phillips, Jean-Marc, Violine
Pidoux, Raphaël, Violoncello
Coq, Vincent, Klavier

Webster, Gillian, Sopran

Der Wanderer ist - nicht zuletzt bei Schubert - eines der wichtigsten Symbole der Romantik. Es steht für Heimatlosigkeit, Unruhe, Suche nach dem (verlorenen) Glück. Diese romantische Note des Begriffs "Wanderer" griff das 1987 gegründete Trio auf. Er soll die Verbundenheit der Musiker mit der Musik und dem Denken der deutschen Romantik ausdrücken. Es studierte in den USA und in Kanada mit Janos Starker und Menahem Pressler, in Deutschland mit Mitgliedern des Amadeus Quartetts. Es gewann rasch Wettbewerbspreise (Fischoff Chamber Music prize, ARD Wettbewerb München). Es folgten regelmässige Auftritte in Paris, London, Salzburg und Wien, aber auch in Osteuropa, Kanada und Japan. Es pflegt das klassisch-romantische und neuere Trio-Repertoire, tritt aber auch mit Orchester auf (Tripelkonzerte von Beethoven, Casella, Martinu etc.).

Gillian Webster

Die Sopranistin stammt aus Schottland. Sie hat am Royal Northern College of Music und am National Opera Studio studiert. Von 1988 bis 1992 war sie Mitglied des Royal Opera House Covent Garden, wo sie u.a. Pamina, 1. Dame, Ilia (Idomeneo), Mimi, Micaëla, Euridice, Marzelline und die Rheintöchter sang. Einige dieser Rollen sang sie auch in Bordeaux, Genf, Aix-en-Provence, Berlin und Las Palmas. Inzwischen sind die Figaro-Gräfin und Katya Kabanova dazu gekommen. Sie tritt ebenfalls als Konzertsängerin auf, zum Beispiel mit Dirigenten wie John Eliott Gardiner und Marc Minkowski. Sie sang „The Messiah“ (unter Sir Yehudi Menuhin), das Requiem von Frank Martin sowie das Sopransolo in Mahlers 2. und 4. Sinfonie.

Dmitrij Schostakowitsch
1906-1975

Klaviertrio Nr. 1, C-dur, op. 8 (1925)

Andante - Allegro - Moderato - Allegro

Ophelia-Lieder. Romanzen-Suite nach Gedichten von Aleksandr Blok, op. 127 (1967)

Pesnya Ofelli (Lied der Ophelia)
Gamayun, ptitsa veshchaya (Gamajun, der Prophetenvogel)
My byli vmeste (Wir waren zusammen)
Gorod spit (Die Stadt schläft)
Burya (Sturm)
Tayniye znaki (Geheimnisvolle Zeichen)
Muzyka (Musik)

Franz Schubert
1797-1828

Klaviertrio Nr. 2, Es-dur, op. 100, D 929 (1827)

Allegro
Andante con moto – Un poco più lento
Scherzando: Allegro moderato – Trio
Allegro moderato

Schostakowitsch / Schubert: Triozyklus I

Beim 1. Trio Schostakowitschs handelt es sich um das Jugendwerk eines Siebzehnjährigen. Er widmete es einer Jugendliebe, Tatjana Gliwenko, die er 1923 während seines Kuraufenthalts auf der Krim kennen gelernt hatte. Das Werk besteht aus einem Satz, ist aber in vier Abschnitte unterteilt. Ein Dreitonmotiv, vom Cello exponiert, wird im rhapsodisch gehaltenen Duktus durch Tempo und Beleuchtung stets variiert. Trotz einer gewissen Uneinheitlichkeit, ja Naivität in seinem Rückgriff auf romantische Vorbilder wirkt das Werk durch seine Dichte. Obwohl der später berühmte Pianist Lev Oborin das Trio 1925 - in diesem Jahr brachte die 1. Sinfonie, die ein Thema aus dem Trio aufgreift, dem Komponisten den Durchbruch - uraufführte, erschien es erst 1983 im Druck. Dazu hatte Schostakowitschs Schüler Boris Tischtschenko die fehlenden 22 letzten Takte des Klavierparts ergänzt.

Offiziell aus Anlass des 50. Jahrestags der Oktoberrevolution vertonte Schostakowitsch Bloks sieben Romanzen im Februar 1967. Blok gehörte um 1900 dem Kreis russischer Symbolisten an und entwickelte sich später zu einem von Pessimismus geprägten Mystiker. Es ist daher nicht zu erwarten, dass das Werk in unreflektierter Weise die Revolution verherrlicht. Bestimmende Themen sind Tod, Flucht in längst vergangenes Glück, Kampf gegen äussere Gefahren und Spuk, trostlose Ausblicke in eine trübe Zukunft. Im Schlusslied, dessen Titel von Schostakowitsch selbst stammt, sieht der Komponist zwar in seiner eigenen Kunst einen Gegensatz zu den Schrecken der Realität - aber der Schlussakkord mit einem Tritonusschritt von es nach a lässt zweifeln, ob Musik Trösterin, ja gar Retterin sein kann. Die Musik des ganzen Zyklus ist stark verinnerlicht, kein Auftrumpfen ist zu hören, selbst die bei Schostakowitsch so häufig genutzte Groteske fehlt. Mit Ophelias Klage um den Kriegstod ihres Geliebten beginnt der Zyklus verhalten-leise, die Katastrophenvision der zweiten Romanze bleibt in der Singstimme ruhig, das Unheil wird im Klaviersatz hörbar. Das dritte Lied, Erinnerung an vergangenes Liebesglück, verklingt morendo. Im zentralen Stück, herrscht nichts als Aussichtslosigkeit und erschreckende Monotonie - so ist dieser Zyklus im Spätwerk nicht nur Resignation im Persönlichen, sondern auch Infragestellung der Beglückung durch die Revolution, die 1967 keine besseren Aussichten versprach. Die Uraufführung fand am 28. Oktober 1967 mit G. Wischnewskaja (ihr ist das Werk gewidmet), D. Oistrach, M. Rostopowitsch und M. Wainberg in Moskau statt.

Bis heute ist die Abfolge der Entstehung von Schuberts Klaviertrios nicht klar. Das Es-dur-Trio wurde am 26. Dezember 1827 in einer Veranstaltung des Musikvereins erstmals gespielt; kurz davor dürfte es entstanden sein. Verschiedene Themen sollen durch schwedische Lieder angeregt sein. Schubert hat sie im November 1827 im Hause der Schwestern Fröhlich gehört, als dort der schwedische Sänger I.A. Berg solche Lieder vortrug. Der Nachweis ist allerdings erst für den zweiten Satz gelungen, in dem das Lied "Se solen sjunker" anklingt. Das Es-dur-Werk wirkt noch geschlossener als op. 99; zwischen allen Sätzen bestehen feinste thematische Bezüge. Der Kopfsatz ist aus drei Themen gebaut; das zweite in h-moll wird in der Durchführung verarbeitet. Im Andante trägt das Cello das in der Stimmung an die Winterreise erinnernde Liedthema vor. Es wird im umfangreichen, für die Erstausgabe um 98 Takte gekürzten Finale wieder aufgegriffen.

rs