Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Kammermusik Basel

Konzertdetails

738

4.12.2001, 20:15 Uhr (Zyklus B 76. Saison)
Stadtcasino, Hans Huber-Saal

Vellinger Quartet (London)

Gonley, Stéphanie, Violine
Honoré, Philippe, Violine
Boulton, Timothy, Viola
Pendlebury, Sally, Violoncello

Das Vellinger Quartet wurde 1991 gegründet und hat sich seitdem zu einem der führenden europäischen Streichquartette der jüngeren Generation entwickelt. Der 1. Preis beim London International String Quartet Wettbewerb 1994 war der Beginn einer internationalen Karriere. Neben regelmässigen Auftritten in London gehören Tourneen durch Europa, die USA und Japan sowie Festival-Auftritte (Bath, City of London, Edinburgh; Davos, Gstaad, Bregenz, Montpellier, Bergen, Mondsee) zu seinem Programm. Seit 1994 unterrichten die Mitglieder als Quartett an der Guildhall School of Music and Drama; 1998 führte sie ihre Lehrtätigkeit nach Kanada an das Banff Center. Neben dem klassischen Repertoire pflegt das Quartett die 2. Wiener Schule, die Quartette Brittens und Werke moderner Komponisten des 20. Jahrhunderts (Hugh Wood, Robert Simpson, Huw Watkins etc.). An Aufnahmen sind Elgars Streichquartett und Klavierquintett (mit Piers Lane) 1994, Schuberts Streichquintett (mit Bernard Greenhouse) 1998 und Mendelssohns op. 12, 13 und 81 (Fuge) 2000 erschienen.

Wolfgang Amadeus Mozart
1756-1791

Streichquartett Nr. 18, A-dur, KV 464 (1784/85)

Allegro
Menuetto – Trio
Andante
Allegro (non troppo)

Hugh Wood
1932-

Streichquartett Nr. 2, op. 13 (1970)

A single movement in thirty-nine sections

Franz Schubert
1797-1828

Streichquartett Nr. 13, a-moll, op. 29, D 804 «Rosamunde» (1824)

Allegro ma non troppo
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegro moderato

Mozart brachte die 1782 begonnene Folge von sechs Quartetten zu Beginn des Jahres 1785 rasch zu ihrem Abschluss: Am 10. Januar trug er das A-dur-Quartett in sein Werkverzeichnis ein, vier Tage später das Dissonanzen-Quartett. Und schon am 15. Januar führte er alle sechs Werke einigen Freunden, darunter Haydn, vor. Spätestens zu Beginn des Jahres 1785 muss Mozart den Plan gefasst haben, die Quartette Haydn zu widmen. Kennzeichen von KV 464 «ist seine kontrapunktische Durchdringung: Man möchte es das (vorläufig) gelungenste Beispiel einer Synthese zwischen barocker Linearität und Haydns dialogischem Stil nennen» (A. Werner-Jensen). Es gilt als das am feinsten gearbeitete Quartett Mozarts und ist in einem so intensiven Personalstil gehalten, dass man keinen Takt Haydn zuweisen könnte. Dabei liegt die Qualität weniger im Reiz der Themen als in ihrer sorgfältigen Verarbeitung und polyphonen Dichte – und doch liegt mozartsche Anmut über allem. Beethoven schätzte dieses Quartett sehr und fertigte eigenhändig eine Kopie des Finales an.

Der Brite Hugh Wood, Schüler u.a. von William Lloyd Webber und Mátyás Seiber, bekennt sich zur Wiener Musiktradition von Haydn bis Schönberg, insbesondere in seinem Gebrauch von Thematik. Er hält sie für in der Musik «the surest, most human means of communication». Das 2. Streichquartett ist ein Auftrag der BBC und wurde am 2. November 1970 in Cardiff uraufgeführt. Es entstand in einer Zeit, in der sich der Komponist mit Malern, besonders mit William Scott, beschäftigte. Er benutzt in diesem Quartett halb-aleatorische Elemente, die man mit Scotts Kreismalereien, den «rough circles», die Wood bewunderte, in Verbindung bringen kann. Diese als «free-for-all» umschriebenen Passagen kontrastieren in ihren «pizzicatos and shuddering scrubbing» mit späteren, die zurückhaltend und lyrisch geprägt sind. Die emotionale Steigerung liegt im «still center» des Quartetts, wo die Kraft des Beginns auf vier gehaltene Noten reduziert wird. Nach einer längeren lyrischen Passage kehrt das Werk zum Material des Beginns zurück. Wood bezeichnet das Quartett als «first attempt at rough circles».

Schuberts a-moll-Quartett sei, so äusserte sich dessen Freund, der Maler Moritz von Schwind, «im ganzen sehr weich, aber von der Art, dass einem Melodie bleibt wie von Liedern, ganz Empfindung». In der Tat klingen in diesem ersten vollgültigen Quartett nach dem grossen Entwicklungsschub im Instrumentalen der Jahre 1822–24 Lieder an: Im 1. Satz, der ganz «weich» zwischen der Unruhe der Begleitfiguren und der Ruhe der Kantilene schwankt, das (für Schuberts kurzes Leben lange) zehn Jahre ältere Gretchen-Lied «Meine Ruh ist hin» (D 118). Im so gar nicht tanzhaften Menuett erklingt im Cello ein Motiv, das an den Beginn des Schiller-Liedes «Die Götter Griechenlands» (D 677, 1819) erinnert, das A-dur-Trio zitiert daraus die Melodie zum Text «Kehre wieder, holdes Blütenalter der Natur». Im zweiten Satz verwendet Schubert 16 Takte lang – im Gegensatz zum zeitgleich geplanten d-moll-Schwesterwerk – kein Lied; er schreibt auch keine Variationen zum Thema des 2. Entre-Act aus der Schauspielmusik zu «Rosamunde» (das holt er im B-dur-Impromptu D 935/3 nach). Es dient im Schauspiel dem nachdenklichen Zurückblicken – und so empfinden wir alle Zitate und Anklänge im ganzen Quartett. Auch die ungarisierenden alla zingarese-Anklänge im Finale könnten diese Funktion haben. Es ist also nicht, wie man lange glaubte, Schuberts Unfähigkeit, unabhängig von Liedern zu komponieren, vielmehr ein gezieltes, in der entscheidenden Phase der Neuorientierung reflektierendes Zurückblicken.

rs